Arbeitsplätze - nur der Wandel ist fix

Arbeitsplätze - nur der Wandel ist fix

Der Arbeitsmarkt ist ein kommunizierendes Gefäß, sodass es unzulänglich wäre, einzelne Branchen herauszugreifen. Es geht darum, Megatrends wie Digitalisierung und Klimakrise proaktiv zu begegnen, Potenziale auszuloten und Chancen zu nutzen.

Die Verkehrs- und Mobilitätsbranche ist ein großer Arbeitgeber. So summiert die Wirtschaftskammer Österreich für
Österreich rund 140 Unternehmen mit etwa 35.000 Beschäftigten in der Fahrzeugindustrie. Im Öffentlichen
Verkehr beschäftigen alleine die ÖBB mehr als 40.000 Menschen. Die Bahnindustrie bietet derzeit 20.300
Menschen Arbeit in Österreich, löst 2,1 Milliarden Euro Wertschöpfung aus, bei einer 70-prozentigen Exportquote,
rechnete der Verband der Bahnindustrie für das Jahr 2017 vor. Produkte und Branchen verändern sich ständig, verschwinden, neue entstehen. Und damit sind auch diedafür nötigen Arbeitsplätze einem ständigen Wandel unterworfen.

Die Herausforderung ist, darauf richtig zu reagieren. Markus Peschl ist Innovationsforscher an der Universität Wien, ein Forschungsschwerpunkt ist die radikale Innovation. „Radikal innovieren heißt, die Prämissen verstehen und verändern, auf denen ein Geschäftsmodell beruht. Es wird immer wichtiger, in Ökosystemen zu denken, nicht nur an das eigene Unternehmen. Es geht darum, Potenziale auszuloten und zu verstehen, dass es nicht bloß hier die Autoindustrie gibt, die Autos produziert und daneben den Öffentlichen Verkehr, wie das jetzt noch sehr oft dargestellt wird – das wird viel integrativer gedacht werden müssen. Interessant ist das Beispiel der E-Scooter – egal ob das jetzt positiv oder negativ gesehen wird, die innerhalb kürzester Zeit das Stadtbild und auch den Individualverkehr radikal verändert haben. Die sind mit so einem Ökosystemgedanken herangegangen und haben sich gefragt: 'Wie schauen die Verhältnisse aus, wie können wir den Verkehr unterstützen und nicht unbeträchtliche Teile übernehmen?' In dieser Art wird sich die ganze Mobilitätsbranche Dinge überlegen müssen, wie sie auf die neuen Anforderungen, etwa durch die Klimakrise, kreativ reagieren kann."

Vor 130 Jahren: Game-Changer Fahrrad

Ein Blick etwa 130 Jahre zurück zeigt, wie das Fahrrad ein solcher Game- Changer wurde und seinen weltweiten Siegeszug antrat. Hans-Erhard Lessing, Technikhistoriker, macht das in seinem Buch „Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte“ nachvollziehbar. Er zeigt anschaulich, wie der Wandel durch technische Neuerungen und ein Produkt, für das die Zeit und die Gesellschaft reif ist, Wirtschaft und Arbeitswelt radikal verändern kann. „Um das Jahr 1896 traf es vor allem die Pferde und die mit ihnen verbundenen Gewerbe, wie Pferdezüchter und -händler, Stallvermieter und Lohnkutscher. Das wurde verschärft durch die Elektrifizierung der von Pferden gezogenen Straßenbahnen. Im Jahr 1895 wurden in sieben amerikanischen Großstädten 240.000 Pferde weniger gezählt als noch im Jahr zuvor. Die begehrte Anschaffung der Fahrräder zog von anderen Geschäftszweigen Kaufkraft ab.“ Hatten die Leute früher eine goldene Taschenuhr gekauft, wenn ein  Sohn Firmung oder Konfirmation feierte, so bekam er jetzt ein Fahrrad. Unter dem Radfahrboom litten auch die Schneider und Schneiderinnen, „da beide Geschlechter sich beim Radeln mit den billigen Sportkostümen begnügen, die von dem männlichen Geschlecht größtenteils sogar fertig gekauft werden“, ergänzt Eduard Bertz in seiner im Jahr 1900 veröffentlichten „Philosophie des Fahrrades“. Ausgelöst durch das Radfahren verdrängte die Konfektionsmode die Maßkleidung. Gleichzeitig boomte die Fahrradindustrie. Durch neu entwickelte Technologien, etwa bei der Rohrerzeugung, Rationalisierungen und Standardisierungen wie den Diamantrahmen sanken die Preise von Jahr zu Jahr. Um das Jahr 1910 war das Fahrrad endgültig ein Massenverkehrsmittel. Viele, die früher Zaumzeug erzeugt hatten, produzierten nun Fahrradsättel. Fahrradfahrschulen wurden eröffnet, ebenso Reparaturwerkstätten, ein Geschäftszweig, in den oft etablierte Nähmaschinenmechaniker vorstießen.

Mobilitätswende sorgt für volle Auftragsbücher

Über die Jahrzehnte haben sich durch neue Technologien auch die Berufsfelder bei der Bahn massiv verändert,
zuletzt durch die Digitalisierung. Von der Dampflok zur E-Lok, hin zu Hochgeschwindigkeit und Automatisierung
der Bahnsicherung und Digitalisierung des Ticketings. Im Bahnbereich werden heute dringend Arbeitskräfte gesucht – von der Fahrdienstleitung bis zu Fachkräften für die Werkstätten. Die Mobilitätswende sorgt für volle Auftragsbücher der Bahnindustrie und die Produktion kommt nicht nach. Auch das Fahrrad erlebt heute einen neuerlichen Boom. Der Fahrradverkaufist in Österreich so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Grund dafür ist die starke Verbreitung des E-Bikes. Von den im Jahr 2018 rund 457.000 verkauften Fahrrädern war jedes dritte ein E-Fahrrad. Der Gesamtmarkt ist im Jahr 2018 um mehr als zehn Prozent gestiegen. Die Autoindustrie vollzieht gerade den Wandel hin zum E-Antrieb. Und die Schwerpunktsetzung bei der Verkehrsinfrastruktur beginnt sich zu wandeln, hin zu Sanierung, zum Rückbau überdimensionierter Straßen, zum Wandel des öffentlichen Raums in den Städten mit Schwerpunkt auf Begegnungszonen und Radinfrastruktur.

Kreativität ist Voraussetzung für Innovationen

„Wir müssen lernen, aus der Zukunft heraus zu denken“, fasst es der Innovationsforscher Markus Peschl zusammen.
„Kreativität ist die Voraussetzung für Innovation, und dahingehend ist es wichtig, Menschen zu bilden. Das brauchen wir, um überhaupt herauszufinden, was mögliche Nischen und Entwicklungen sind, die wir jetzt vielleicht noch gar nicht
kennen. Kreativität wird sich so bald nicht automatisieren lassen.“ Auch der zypriotisch-britische Ökonom Christopher Pissarides, der im Jahr 2010 für seine Erkenntnisse zum Arbeitsmarkt den Preis der schwedischen Reichsbank in Wirtschaftswissenschaft zur Erinnerung an Alfred Nobel erhalten hatte, begründete kürzlich in der Tageszeitung Der Standard ähnlich, warum er keine Massenarbeitslosigkeit durch die Digitalisierung erwarte: „Technisch ist es möglich, dass Roboter viele Jobs wegnehmen werden. Aber die Fantasie kennt keine Grenze für die Fähigkeit von Menschen, neue Jobs zu schaffen. Und wir können heute gar nicht sagen, wo sie überall entstehen werden.“

Die Klimakrise wirft neue Fragen auf

Johannes Kopf, Mitglied im Vorstand des Arbeitsmarktservice Österreich, gefragt, welches Arbeitsmarktpotenzial
er in einer Transformation zur treibhausgasarmen Gesellschaft sieht: „Die Sorge, dass dadurch in Summe viele Jobs verloren gehen, habe ich nicht. Meine Sorge besteht darin, dass die neu entstehenden Jobs von denen gemacht werden müssen, deren Arbeitsplatz vorher weggefallen ist und die jetzt neu qualifiziert werden müssen. Dieses Thema stellt sich bei der Klimakrise jedenfalls. Diese Transformation wird nicht einfach, aber um Umwelt und Klima zu retten, dürfen wir Konflikte nicht scheuen. Wo die Jobs in den neuen Technologienentstehen, hängt stark mit der Frage zusammen, wer in den neu entstehenden Branchen im internationalen Wettbewerb die Vorreiterrolle übernimmt. Damit diese Transformation zur treibhausgasärmeren Gesellschaft im Bereich der Arbeitsplätze positiv verläuft, braucht es unter anderem sehr starke Arbeitsmarktverwaltungen.“ Der Wandel der Beschäftigungsfelder, getrieben durch Megatrends wie Digitalisierung und Klimakrise, ist voll im Gang. Markus Peschl empfiehlt dafür „eine Balance zwischen klarem Standpunkt in der Gegenwart und Offenheit für die Zukunft.“

 

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