Aus Abstellplätzen werden Lebensräume

In Stuttgart werden Bäume mobil: Die Wanderbaumallee steckt Topfbäume in mobile Sitzmöbel und macht Autoabstellplätze temporär zu Grünflächen.

Parklets, Grätzloase, tactical Urbanism – Beispiele aus Mailand, Berlin, Wien und Stuttgart zeigen, wie neue Lebensräume entstehen. Werden Autoabstellplätze, etwa durch Parkraumbewirtschaftung, frei, muss der Platz für Bäume, Grünräume und Menschen genutzt werden.

Von Jutta Berger

Versiegelte Stadtviertel bilden nicht nur Hitzeinseln und sind oft Quellen von Schadstoff- und Lärmemissionen, in diesen Beton- und Asphaltwüsten mit wenig Lebensraum für Bäume und Menschen fehlt Platz für Begegnungen. Vereinsamung nimmt zu. In immer mehr Städten wird die Gefahr für das Klima, auch das gesellschaftliche, erkannt und es hat ein Umdenken begonnen. Der Autoverkehr wird zugunsten von Gehen und Radfahren reduziert, aus Abstellplätzen werden wieder Lebensräume.

Piazze Aperte – Punkt für Punkt neue Lebensräume

In Mailand weisen riesige bunte Punkte auf dem Asphalt Richtung Veränderung, hier haben Autos nichts mehr zu suchen. Auf den Straßen stehen Tischtennis-Tische, Liegestühle und Sitzbänke. Mit ihren „Piazze Aperte“, dem Konzept der offenen Plätze, macht die oberitalienische Großstadt die Belebung trister Straßenzüge vor. „Tactical Urbanism“ ist eines der Zauberworte für die Umgestaltung bestehender Strukturen. Mit geringen finanziellen Mitteln und in kurzer Zeit bekommen Straßenräume ein neues Aussehen, neue Bedeutung und werden zu vielgestaltigen Lebensräumen. Die dort lebenden Menschen erfahren durch die temporäre Umgestaltung, wie verkehrsberuhigte Viertel ausschauen können. Ihre Mitarbeit ist ausdrücklich erwünscht. Kommt das Provisorium an, wird permanent umgebaut. Nach vier Jahren bilanziert Mailand stolz: 22.000 Quadratmeter neue Fußgängerzonen, 38 Tactical Urbanism-Interventionen, 250 Bänke, 310 Pflanzentöpfe, 380 Fahrradständer, 35 Tische und 32 Tischtennis-Tische. Und da kommt noch mehr. Denn das Ziel der Stadtregierung lautet: Für alle soll ein solcher offener Platz in 15 Minuten zu Fuß erreichbar sein.

Parklets, Grätzloasen, Wanderbäume

Noch sind sie die Ausnahme von der Regel. Parklet heißt die Berliner Lösung. Auf Wunsch und unter Beteiligung der in der Umgebung Wohnenden werden Autoabstellplätze zum Aufstellen von multifunktionalem hölzernem Mobiliar wie Bänke und Hochbeete genutzt. Die öffentliche Hand unterstützt mit bis zu 4.000 Euro pro Parklet. Grätzloasen heißen solche Parklets in Wien. Wer eine Oase in seinem Viertel schaffen möchte, wendet sich an den Verein Lokale Agenda 21, der bei der Umsetzung hilft. Wird die Oase genehmigt, fördert die Stadt Wien auch mit bis zu 4.000 Euro. Auch in Stuttgart wurde die Ablöse von Autoabstellplätzen durch Parklets beschlossen, jedoch noch nicht umgesetzt. Jetzt machen die dort wohnenden Menschen mit der Initiative Wanderbaumallee Bäumen und Stadtregierung Beine. Die Initiative wandert im Frühling mit eingetopften Bäumen in einen Stuttgarter Stadtteil, um dort zwei Monate lang zu zeigen, wieviel schöner das Leben mit Bäumen wäre. 300 Quadratmeter Straßenraum wurde seit dem Jahr 2019 temporär begrünt. „Wir finden, dass die Idee der Wanderbaumallee eine sehr charmante Art ist, über die Verteilung des öffentlichen Raumes zu debattieren und andere Mobilitätskonzepte aufzuzeigen“, sagt Mitinitiatorin Annika Wixler. „Eigentlich sind sich alle einig, dass wir mehr Bäume brauchen. Aber gleichzeitig hören wir das Argument, die Autos brauchen ihren Platz“, sinniert die Marketingexpertin. „In diese Debatte wollten wir reingehen und zeigen, welches Potenzial der Raum hat, den wir aktuell bloß zum Abstellen eines privaten Gegenstandes nutzen.“ Das Echo ist positiv. Die Bäume werden zum Treffpunkt, zum Rast- und Plauderplatz. Spannend sei, dass das Wegräumen der Bäume, „dieser harte Realitätsschock“, sehr schmerzhaft empfunden werde, beobachtet Annika Wixler. Die von den Anwohnenden gewünschte dauerhafte Bepflanzung lässt auf sich warten, weil die Stadtverwaltung den Straßenuntergrund auf Tauglichkeit prüfen muss.

Supergrätzl in Wien Favoriten

Geprüft wird auch in Wien Favoriten. Dort soll nach Beispiel der Superblocks von Barcelona ein „Supergrätzl“ entstehen. In der derzeit laufenden Pilotphase werden der Verkehr beruhigt und neue Freiräume eröffnet. Erste Maßnahmen ermöglichen es, verschiedene Nutzungen im Straßenraum auszuprobieren. 1.700 Autoabstellplätze gibt es in dem vorgesehenen Areal, wie viele wieder Lebensraum werden, wird Ergebnis der Pilotphase sein. Noch wird hitzig diskutiert. „Gerade bei Maßnahmen zur Verkehrsreduktion zeigten sich unterschiedliche Meinungen“, sagt Barbara Inmann von Climate Lab nach einem Lokalaugenschein. „Umso wichtiger ist es, vor Ort mit den betroffenen Menschen zu diskutieren, Denkanstöße zu geben und auch anzunehmen. Wer Veränderung möchte, muss sich auch dem Austausch stellen.“ Climate Lab ist eine Initiative des Klima- und Energiefonds und
versteht sich als Bindeglied zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft. „Wir müssen Parkraum anders denken“, regt Barbara Inmann an. Neben der Entsiegelung und Neugestaltung von Autoabstellplätzen sollte auch ein Augenmerk auf innovative Mehrfachnutzung gelegt werden, etwa durch die Ausstattung bestehender Abstellflächen mit Solarstationen. Ein zusätzlich das Klima belastender Nebenaspekt, „das lange Herumfahren auf der Suche nach einem Parkplatz“, könnte, so Barbara Inmann, durch innovative Apps gemildert werden, die direkt zu freien Abstellflächen führen. Projekte dazu werden aktuell im Netzwerk von Climate Lab bearbeitet.

Zurück zur Übersicht

Verstärkte Klimawandel-Anpassung in Städten nötig

Städte sind besonders vom Klimawandel betroffen. Mehr Hitzetage und Starkregenereignisse sind eine Herausforderung, auch für die Infrastruktur. Entsiegelung im Straßenraum sowie mehr Grünflächen und Wasserelemente helfen, die Folgen der Erderhitzung abzufedern. Gleichzeitig erhöhen solche Maßnahmen die Lebensqualität in der Stadt.

Mehr dazu
Schulstraße mit Eltern und Kindern vor einer Volksschule in Wien

Klimaneutral wohnen und sich fortbewegen ist möglich

Siedlungsstruktur wirkt sich auf den Energieverbrauch aus. Wohnen ist ein Energiefresser – insbesondere in ländlichen Gegenden. Lösungsmodelle wie Energiegemeinschaften stärken auch den Faktor E-Mobilität.

Mehr dazu