Aus Betonwüsten gesunde Lebensräume machen

Umgestaltung der Parkanlage bei der Messe Innsbruck: Aus der betonierten Verkehrsinsel wurde eine Aufenthaltsoase. Menschen, die in der Gegend wohnen schätzen ebenso die Entsiegelung wie die Lokale im gegenüberliegenden Bahnareal.

Die Anforderung an die Gestaltung des öffentlichen Raums haben sich durch die zunehmende Anzahl an Hitzetagen stark verändert. Die Notwendigkeit für Klimaschutz- und Klimawandelanpassungs-Maßnahmen als Beitrag zum Erhalt der Gesundheit der Bevölkerung, rückt zunehmend in den Fokus.

Von Doris Neubauer

Die Klagenfurter Innenstadt befindet sich genauso darauf wie die Kremser Ringstraße: Über 1.500 Hitze-Hotspots wurden österreichweit in einer Online-Karte des VCÖ eingetragen. In Österreichs Städten haben sich die jährlichen Hitzetage in den vergangenen zehn Jahren vielerorts verdoppelt. Das zeigen Daten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Tageshöchsttemperaturen ab 30 Grad sind unangenehm und schaden der Gesundheit. Hitze senkt die Leistungsfähigkeit, befeuert Entzündungsprozesse und soll laut einer Untersuchung der Stanford University die Suizidrate erhöhen. In den Jahren 2013 bis 2020 waren laut Österreichischer Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) bundesweit pro Jahr durchschnittlich 409 Hitzetote zu beklagen. Besonders gefährdet sind Kranke, Kleinkinder, Ältere und diejenigen, die schwere körperliche Arbeit erledigen. Zu den Risikogruppen gehören einer Studie der Arbeiterkammer Wien zufolge auch Haushalte mit geringem Einkommen, die in Wien häufiger in dicht bebauten Grätzeln im zweiten, fünften, zwölften, 15. und 20. Bezirk sowie Teilen des zehnten, elften, 16. und 21. Bezirks wohnen, wo es an Hitzetagen heißer ist als in grüneren Stadtteilen.

Kühle für die Märkte Wiens

Bis vor kurzem war es auch auf dem Schlingermarkt in Wien Floridsdorf „mit gefühlten 50 Grad kaum aushaltbar“, weiß Alexander Hengl, Leitung Koordination des Marktamts. Das machte den Platz zum Kandidaten für das zweijährige Forschungsprojekt Tröpferlbad 2.0 unter der Leitung von Green4Cities, das vom Klima- und Energiefonds im Programm „Leuchttürme für resiliente Städte 2040“ gefördert wurde. An zwei Wiener Standorten, dem Esterhazypark und dem Schlingermarkt, wurde ein kühlender Aufenthaltsort errichtet, um bei Hitze Erfrischung für alle zu bieten. Am stark versiegelten Floridsdorfer Markt entstand im Frühjahr 2020 eine konsumfreie, begrünte Zone. Zudem wurden drei Holzschirme mit Nebeldüsen aufgestellt, die ab einer Temperatur von 24 Grad die Luft abkühlen. Insbesondere Bewohnerinnen und Bewohner umliegender Gemeindebauten nehmen die Erfrischung in Anspruch. „Wir haben mit ihnen auch neues Marktpublikum gewonnen“, freut sich Alexander Hengl. „Viele, die im Tröpferlbad 2.0 sitzen, gehen auch bei den Ständen einkaufen. Die Frequenzzahlen steigen.“ Derzeit werde überlegt, die Marktstände in den Mittelreihen zu entfernen, um den Coolspot zu erweitern. Von der Zukunftsfähigkeit solcher Projekte ist nicht nur Alexander Hengl überzeugt. Ein Handbuch soll das Entwickeln weiterer kühler Aufenthaltsorte erleichtern. Die Stadt Wien hat die Errichtung von Coolspots in den „Urban Heat Islands Strategieplan“ übernommen. Auch das Entsiegeln von Flächen durch das Pflanzen von Bäumen nach dem Schwammstadt-Prinzip, Dach- und Fassadenbegrünung und die Schaffung von Wasserflächen gehören zum Aktionskatalog.

Gemeinsam mit der Bevölkerung umgestalten

„Natürlich können wir nicht großräumig Städte in kürzester Zeit umbauen“, erklärt Theresia Vogel, Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds, „aber wenn eine Sanierung ansteht, sollte überlegt werden, wie das Areal ambitioniert und nach dem Stand der Technik umgestaltet werden kann.“ Technologie allein reiche jedoch nicht aus, um die Aufenthalts- sowie Lebensqualität zu fördern. „Es braucht immer auch die Menschen“, ist sie überzeugt, „wenn die Bevölkerung die öffentliche Fläche als erweitertes Wohnzimmer wahrnimmt, achtet sie mehr darauf.“ Dass die Coolspots nicht mit Graffiti beschmiert sind, sei auf die Einbindung der dort wohnenden Menschen zurückzuführen. „Kommunikation ist das A und O eines jeden Infrastrukturprojekts“, bestätigt Elisabeth Meze. Als damalige Leiterin der Geschäftsstelle Bürgerbeteiligung der Stadt Innsbruck war sie im Rahmen des Projekts „cool-Inn“ für die Umgestaltung der Parkanlage bei der Messe Innsbruck zuständig. Unter Berücksichtigung von Umfragen, Beobachtungen und Rückmeldungen wurde innerhalb von zwei Jahren aus der „betonierten Verkehrsinsel eine Aufenthaltsoase“, so Meze. Menschen, die in der Gegend wohnen oder die Messe besuchen und die Lokale im gegenüberliegenden Bahnareal schätzen die Entsiegelung. Auch dass eine von Pkw genutzte Straße zurückgebaut wurde und jetzt ausschließlich per Fahrrad oder zu Fuß benutzbar ist, wird goutiert. „Da sich dort eineinhalb Jahre eine Baustelle für die neue S-Bahn-Haltestelle befand, waren die Menschen an die Verkehrsumlenkung gewöhnt“, meint die Expertin, die das vom Klima- und Energiefonds geförderte Projekt mit den Innsbrucker Kommunalbetrieben (IKB), der Universität Innsbruck und der Universität für Bodenkultur in Wien durchführte. Eine Station von Stadtrad Innsbruck, dem Fahrradleihsystem der Tiroler Landeshauptstadt, werde in Kürze aufgestellt und so bei der S-Bahn-Station ein nachhaltiger Verkehrsknotenpunkt geschaffen. Bei cool-Inn geht es aber um mehr: „Der Park ist eine Kommunikationsplattform“, bringt es Meze auf den Punkt. So war eine begleitende Veranstaltungsreihe, der Klimasalon, dem Klima- und Nachhaltigkeitsgedanken gewidmet. Im Radlkino „erstrampelten” sich Zusehende etwa den Strom für das Filmvergnügen. Und beim Tauschcafé konnten Kinder und Erwachsene nach gebrauchten Sachen stöbern. Der hohe Spaß- und Unterhaltungsfaktor gehört zum Konzept. „Weil positiv assoziiert, wird dieser Gedanke besser beibehalten, als wenn von Gefahren und Verzicht geredet würde. Und das schlägt Wellen und hat einen Multiplikatoreffekt“, ist Meze überzeugt. Genauso wie cool-Inn selbst. Das Folgeprojekt Alp-Inn, das die Aufenthaltsqualität auf dem DDr.-Alois-Lugger-Platz im Olympischen Dorf verbessern soll, steht bereits in den Startlöchern.

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Eingeübte Mobilitätspraktiken sind veränderbar

Um eine sozial-ökologische Transformation der Mobilitätspraktiken in Richtung Nachhaltigkeit voranzutreiben, ist es notwendig, an vielen Stellschrauben gleichzeitig zu drehen. So braucht der Öffentliche Verkehr eine deutlich attraktivere Infrastruktur, was Angebot, Taktung oder Erreichbarkeit – vor allem im ländlichen Raum – betrifft. Auch die Aufklärung über die gesundheitlichen, sozialen und ökologischen Vorteile von Radfahren und Gehen – und über die Nachteile des Autoverkehrs – muss verbessert werden. Sowohl der Einsatz von Sanktionen für klimaschädliches Mobilitätsverhalten, zum Beispiel  Kostenwahrheit, das heißt Verteuerung des individuellen Autoverkehrs, des Parkens, als auch Belohnungen für die Nutzung umweltverträglicherer Alternativen, wie günstige öffentliche Verkehrsmittel, sind ebenso nötig wie ein positives Feedback über die Effekte dieses Verhaltens, wie CO2-Einsparungen oder Kalorienverbrauch durch Radfahren.

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Beate Littig