Katharina Rogenhofer - direkt gefragt

Heute verzichten wir auf sehr vieles

Katharina Rogenhofer ist Biologin, Mitbegründerin von Fridays for Future und Initiatorin des Klimavolksbegehrens.

Das VCÖ-Magazin sprach mit Katharina Rogenhofer über die hohe Bedeutung von zivilgesellschaftlichem Engagement, über die Bedeutung von Best-Practice-Beispielen, wie sie der VCÖ-Mobilitätspreis auszeichnet und worauf wir heute, aufgrund der zögerlichen Klimaschutzmaßnahmen, bereits alles verzichten.

VCÖ-Magazin: Sie kommen aus der Wissenschaft und wurden Klimaaktivistin. Muss die Wissenschaft aktionistischer werden? Oder die Politik stärker wissensbasiert?

Katharina Rogenhofer: Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Politik mehr wissensbasiert agiert. Als vor drei Jahren Fridays for Future entstand, war das eines der ersten Male in der Geschichte, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinter eine politische Bewegung gestellt haben. Sie haben gesagt, diese jungen Menschen, die gerade aufstehen, haben Recht und wir unterstützen ihr Anliegen. Wir müssen, wenn wir die Klimakrise ernst nehmen, ins Handeln kommen. Eine Aufgabe der Wissenschaft ist dabei, proaktiv auf die Politik zuzugehen, Handeln einzufordern und wissenschaftliche Erkenntnisse zu kommunizieren.

VCÖ-Magazin: Welche Bedeutung haben Best Practice Beispiele, wie sie der VCÖ-Mobilitätspreis auszeichnet, als Ansatz um neue, klimaverträgliche Standards zu schaffen?

Katharina Rogenhofer: Best Practice Beispiele und Pilotprojekte zeigen, was lokal schon funktioniert und was gut angenommen wird. Sie zeigen, dass es einen großen Pool an Lösungen gibt. Wir müssen aber auch einen Schritt weiter gehen und diese Projekte hochskalieren, sie an die Politik herantragen und zur Umsetzung auffordern - über das Einzelprojekt, die Gemeinde hinaus - auf Länderebene, auf Bundesebene.

VCÖ-Magazin: Wenn Sie einen Klimapreis vergeben würden – welche Projekte würden Sie auszeichnen?

Katharina Rogenhofer: Würde ich einen Preis vergeben wollen, dann auf jeden Falle an jegliches zivilgesellschaftliche Engagement, an die zivilgesellschaftliche Klimabewegung. Eine aktuelle Studie von Reinhard Steurer von der BOKU hat sich in verschiedenen Ländern die Klimagesetzgebung angeschaut. Es zeigt sich, es ist nicht entscheidend, welche Parteien in der Regierung sind. Wichtig ist, wie stark die Klimabewegung in einem Land ist, ob mutige Klimagesetzgebung stattfindet oder nicht. Dieses Aufstehen außerhalb von Parteistrukturen ist entscheidend, um politisch vom Reden ins Tun zu kommen.  Denn die Leute, die ihre politische Stimme erheben und auf die Straße gehen, das sind die Menschen, die das System nun verändern können und die Klimawende möglich machen – davon bin ich überzeugt.

In Österreich ist das dringend nötig, denn wir haben aktuell nicht einmal ein gültiges nationales Klimaschutzgesetz. Das letzte Klimaschutzgesetz ist im Jahr 2020 ausgelaufen und wird jetzt erst novelliert. Da frage ich mich wirklich, wie ernst es Österreich meint mit einer Klimawende, wenn wir es in der größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts nicht einmal zusammenbringen, ein Klimaschutzgesetz zu verabschieden.

VCÖ-Magazin: Was kann der Einzelne machen?

Katharina Rogenhofer: Ich habe kürzlich einen schönen Satz gehört: Das Beste, was jeder Einzelne tun kann, ist, nicht einzeln zu bleiben. Jede und jeder hat Möglichkeiten mit Menschen ins Gespräch zu kommen, im eigenen Bereich etwas zu verändern oder zu bewegen und in der eigenen Umgebung etwas ändern. Ich kann mir überlegen, was ich in der Gemeinde, im eigenen Bezirk beitragen kann: vielleicht dem Bürgermeister, der Bürgermeisterin eine E-Mail oder einen Brief schreiben und fragen wie die Gemeinde denn vor hat bis 2040 klimaneutral zu werden. Oder als Lehrerin, als Lehrer im Unterricht, als Journalistin, als Journalist, indem ich berichte. Wenn ich in einem Unternehmen arbeite, kann ich zum Chef gehen, und mich dafür einsetzen, dass das Unternehmen klimaverträglicher gestaltet wird. Das müssen wir jetzt auf allen Ebenen tun. Wir haben so viele Hebel. Der Einzelne ist ja nicht nur der Konsument, die Konsumentin - ich sehe auch die Politiker und Politikerinnen und die CEOs von Unternehmen als Einzelne - auch sie müssen ihr Geschäftskonzept, ihr Unternehmen klimaverträglich ausrichten oder ihre Politik dahingehend ausrichen. Es ist wirklich jeder in seiner Rolle in der Gesellschaft gefragt.

VCÖ-Magazin: Und als Konsument - es heißt ja auch immer, es solle bewusster konsumiert werden?

Katharina Rogenhofer: Natürlich gibt es da Sachen, die wir uns überlegen können. So macht der Flugverkehr einen ganz großen Teil von unserem individuellen CO2-Fußabdruck aus. Wir können uns überlegen, wie wir das nächste Mal auf Urlaub fahren, ohne zu fliegen. Oder Dienstreisen öfter mal auf Zoom-Meetings verlegen. Ich kann, wo es mir möglich ist, auf den Öffentlichen Verkehr umzusteigen und regionaler und klimaverträglicher einkaufen. Aber da sehe ich die  Herausforderung, dass wir in einer Gesellschaft leben, die das klimaschädigende Verhalten noch immer begünstigt, denn es ist meist preiswerter, leichter und bequemer. Ziel muss eine Gesellschaft sein, in der klimaverträgliches Verhalten die Norm ist, und es das Bequemste ist, sich dafür zu entscheiden. Dann ist es nicht mehr eine Frage meines Einkommens oder davon, wo ich wohne. Ich als Einzelner entscheide mit meinen Konsumentscheidungen nämlich nicht, ob ausreichend Öffentlicher Verkehr fährt, wie lange Österreich noch Öl, Kohle und Gas importiert oder ob noch Gasheizungen in Neubauten eingebaut werden. Das entscheide großteils die Politik.

VCÖ-Magazin: Bei Klimaschutzmaßnahmen ist rasch vom Verzichtenmüssen die Rede. Wie begegnen Sie diesem Vorwurf?

Katharina Rogenhofer: Ich würde mir da mehr Ehrlichkeit wünschen. Denn es ist offensichtlich, dass wir auf vieles verzichten werden müssen, wenn wir weitermachen wie bisher. Es kann sich wohl niemand vorstellen, wie ein Österreich ausschaut, das fünf Grad wärmer ist, doch darauf steuern wir geradezu. Das wird extreme Verwerfungen mit sich bringen, mehr Extremwetterereignisse, mehr Hagelfälle, mehr Murenabgänge, mehr Überflutungen und es wird eine extreme ökonomische Krise auslösen, dafür jedes Jahr die Reparaturkosten zu bezahlen. Ich würde das Ganze umdrehen - auf was verzichten wir denn heute bereits? Wir verzichten auf saubere Luft in Städten. Wir verzichten auf öffentlichen Raum - für Fahrzeuge, die die meiste Zeit dort ungenutzt herumstehen. Wir verzichten darauf, klimaverträglich von A nach B zu kommen. Wir verzichten auf Energie aus Sonne und Wind und importieren dafür Öl, Kohle und Gas, und machen uns so energiepolitisch abhängig. All das kann gewonnen werden, wenn wir die Klimawende schaffen, die, wenn wir es richtig machen, zu einem qualitativ hochwertigeren, gesünderen, lebenswerteren Leben beitragen wird. So werden auch die nächsten Generationen noch die Chance haben, gut zu leben.

Katharina Rogenhofer ist Biologin, Mitbegründerin von Fridays for Future und Initiatorin des Klimavolksbegehrens. Kürzlich erschien im Zsolnay Verlag ihr gemeinsam mit Florian Schlederer verfasstes Buch „Ändert sich nichts, ändert sich alles. Warum wir jetzt für unseren Planeten kämpfen müssen“.

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