Lisa Herzog - direkt gefragt

"Über Arbeit denken wir recht einseitig nach"

Lisa Herzog: Philosophin, University of Groningen, Centre for Philosophy, Politics and Economics. Für ihr Buch „Die Rettung der Arbeit“, Hanser Verlag, wurde sie mit dem Essay-Preis Tractatus 2019 des Philosophicums Lech ausgezeichnet.

Das VCÖ-Magazin sprach mit der Philosophin Lisa Herzog über die Bedeutung und Ausgestaltung von Arbeit in unserer Gesellschaft als Indikator für Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität.

VCÖ-Magazin: Was bewegt eine Philosophin, sich mit dem Thema Arbeit zu beschäftigen?

Lisa Herzog: Unsere Gesellschaften sind so organisiert, dass Arbeit - sowohl formale Beschäftigung als auch unbezahlte Pflege- und Freiwilligenarbeit - eine zentrale Rolle dafür spielt, wie Menschen die Gesellschaft erleben. In der Gestaltung der Arbeitswelt, aber auch im Umgang mit Arbeitslosigkeit, zeigt sich sehr deutlich, wie ernst Prinzipien wie Gerechtigkeit, Freiheit oder Solidarität tatsächlich genommen werden.

VCÖ-Magazin: Warum ist es kaum Thema, auch beispielsweise von Gewerkschaften, wie jemand zur Arbeit kommt, und dass dies zu Lasten der Arbeitenden ist?

Lisa Herzog: Wir denken über den Zugang zu Arbeit als einen „Markt“ nach - das ist nicht vollkommen verkehrt, weil es Angebot und Nachfrage gibt, aber doch recht einseitig, weil Arbeit ein sehr spezielles „Gut“ ist. Zentral ist dabei, die richtige Balance zwischen individuellen Freiheiten – etwa Freiheit der Berufswahl – und der gemeinschaftlichen Einhegung des Marktes auch durch Organisationen, wie Gewerkschaften, zu finden. Der Zeitgeist der letzten Jahrzehnte, der oft mit dem Stichwort „Neoliberalismus“ belegt wird, tendierte zu stark in die individualistische Richtung.

VCÖ-Magazin: Wäre die Einbeziehung der Zeit für den Arbeitsweges in die bezahlte Arbeitszeit ein Schritt zu einer gerechteren Arbeitswelt?

Lisa Herzog: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es ist teils eine freie Entscheidung, teils eine Frage von Notwendigkeiten, wie Individuen und Familien ihren Wohnort wählen und was das für ihre Pendelzeit bedeutet. Wichtiger scheint mir, die Wahlmöglichkeiten für die Einzelnen zu erhöhen - durch die Schaffung bezahlbaren Wohnraums nahe an Arbeitsorten, aber auch durch andere Maßnahmen, etwa durch Infrastruktur, die es erlaubt, Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel zu kombinieren.

VCÖ-Magazin: Wird der Arbeits“platz“ in Zeiten digitaler Transformation neu definiert – Stichwort Homeoffice, Überall-Office, und damit auch das Thema Arbeitsweg?

Lisa Herzog: Das ist derzeit eine spannende Entwicklung, die durch die Covid-19-Pandemie natürlich beschleunigt wurde. Ich denke, einige der Veränderungen werden längerfristig bleiben. Aber die Frage ist, wie sich die Machtverhältnisse in der Arbeitswelt auf die konkrete Ausgestaltung auswirken. Es ist etwa etwas völlig anderes, ob Home-Office aus freien Stücken gewählt wird, oder ob es einem aufgedrängt wird, weil die Firma Bürofläche sparen möchte!

VCÖ-Magazin: Selbstgesetzte Unternehmensklimaziele wie CO2-Neutralität rücken immer öfter Mobilität der Beschäftigten und Mobilitätsmanagement in den Fokus von Betrieben. Machen Klimaziele die Arbeitswelt gerechter und gesellschaftlich verträglicher?

Lisa Herzog: Sie haben das Potential, die Welt gerechter zu machen - in erster Linie geht es hier um Klimagerechtigkeit! Aber ich wäre optimistisch, dass sie auch so ausgestaltet werden können, dass sie auch die Arbeitswelt gerechter machen können, wenn die Arbeitenden in die Entscheidungsfindung mit eingebunden werden.

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VCÖ: Öffi-Angebot in Österreichs 124 regionalen Zentren weist große Unterschiede auf

VCÖ (Wien, 10. November 2023) – Während in 20 der 124 regionalen Zentren Österreichs mehr als 150 Züge pro Werktag halten, sind zwölf regionale Zentren gar nicht mit der Bahn erreichbar, wie eine aktuelle VCÖ-Studie zeigt. Gegenüber dem Jahr 2019 ist in 90 regionalen Zentren die Zahl der Zughalte gestiegen. Mit Linienbussen sind alle regionalen Zentren erreichbar, in jedem dritten gibt es ein Mikro-ÖV Angebot. Die Mobilitätorganisation VCÖ fordert mehr öffentliche Verkehrsverbindungen für die Regionen sowie eine Rad-Infrastruktur-Offensive, da auch in den Regionen viele Alltagswege kurz sind. Bis zum Jahr 2030 soll eine flächendeckende Mobilitätsgarantie in Österreich umgesetzt werden.  

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Foto: Sarah Duit

Mobilitätszentrale für den Pongau

Im Jahr 2001 gründeten die 25 Gemeinden des Pongaus in Salzburg die Mobilitätszentrale „Mobilito“. Das Kundencenter am Bahnhof Bischofshofen bietet persönliches Service mit Ticketverkauf für Bahn und Bus, Carsharing in Kooperation mit ÖBB Rail & Drive sowie ein Reisebüro. Mobilito koordiniert und bestellt zudem den Pongau-Takt, das regionale Netz aus 20 Buslinien und drei Taxilinien mit insgesamt rund 740.000 Fahrplankilometern pro Jahr.

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Bild der Mobilitätszentrale "Mobilito"