Lisa Ortner-Kreil - direkt gefragt

„Durch Covid-19 wurde der öffentliche Raum wichtiger“

Lisa Ortner-Kreil ist Kuratorin am BankAustria-Kunstforum Wien und hat mit Barbara Horvath die Kunst-Initiative art hoc projects gegründet, die Gegenwartskunst an atypische Orte bringt. https://arthocprojects.at/

Das VCÖ-Magazin sprach mit der Kunst-Kuratorin Lisa Ortner-Kreil über Kunst im öffentlichen Raum, die Bedeutung des öffentlichen Raums in Zeiten der Covid-19-Pandemie und das Tröstliche der Kunst in Zeiten der Ungewissheit.

VCÖ-Magazin: Sie haben mit Ihrer Kollegin Barbara Horvath die Kunst-Initiative art hoc projects gegründet – was gab den Anstoß dazu?

Lisa Ortner-Kreil: Uns war es Herausforderung und Anliegen, mit Gegenwartskunst zu den Menschen rauszugehen. So haben wir im April 2020, im ersten Covid-19-Lockdown, die Kunst-Initiative art hoc projects gegründet, mit dem Ziel, Gegenwartskunst an atypische Orte zu bringen. Wir suchen uns Orte, Architekturen, Gebäude aus, die einen historischen Bezug, eine Wichtigkeit für eine Stadt oder eine Region haben. So gerät nicht die Kunst in den Fokus der Aufmerksamkeit vieler Menschen, sondern auch bestimmte Orte oder Gebäude, die so aufgewertet und neue Bedeutung einnehmen können.

VCÖ-Magazin: Ihr erstes Projekt „In this together“ ist noch bis November 2021 in St. Pölten zu sehen – was hat dazu geführt?

Lisa Ortner-Kreil:  Wir haben in St. Pölten aus Anlass 25 Jahre Österreich in der Europäischen Union mit der Künstlerin Borjana Ventzislavova und dem Künstler Aldo Giannotti ein erstes Gegenwartskunstprojekt umgesetzt. Beide kommen aus zwei unterschiedlichen Ecken Europas, leben und arbeiten aber schon lange in Österreich. Sie setzen sich mit dem Thema Europa auseinander, mit europäischer Identität, einer europäischen Solidarität, gerade jetzt in Zeiten der Krise. In St. Pölten haben sie an sehr exponierten Orten interveniert, auf Gebäuden der Innenstadt, u.a. dem Bahnhof, dem Landtagsschiff, dem Festspielhaus, dem Klangturm und dem Rathaus. Borjana Ventzislavova mit Neon-Schriftzügen und Aldo Giannotti mit großformatigen Zeichnungen.

VCÖ-Magazin: Wie beeinflusst eine solche künstlerische Intervention die Wahrnehmung des Stadtraums?

Lisa Ortner-Kreil: Lockdown-bedingt war der öffentliche Raum über längere Zeit der einzige Ort, wo Kunst analog also „in Echt“ gesehen werden konnte. Der öffentliche Raum wurde dadurch wichtiger. Es wurde bewusster, dass der öffentliche Raum allen gleichermaßen zur Verfügung steht, und für unterschiedlichste Dinge genutzt werden kann. Die Kunst kommt so im Alltag zu den Menschen und man muss nicht den typischen Raum dafür, wie etwa ein Museum oder eine Galerie, aufsuchen. Das ist auch das Reizvolle für uns, dass wir so die breite Bevölkerung erreichen können, die zufällig vorbeikommt. Oder durch die Kunst angeregt, gezielt einen Stadtspaziergang macht. Das ist gerade in Zeiten, wo das Draußensein auch als eine Form von Zerstreuung und Erholung gesucht und erlebt wird, und sehr viel wichtiger ist als in „normalen Zeiten“, etwas ganz Essenzielles und Kraft-Gebendes.

VCÖ-Magazin: Mit 25 Jahre Österreich in der EU hat Ihr Kunstprojekt einen aktuellen Bezug – ist das wichtig?

Lisa Ortner-Kreil: Da das Publikum im öffentlichen Raum ein breites ist, ist es sehr wichtig, dass die Projekte einen Aktualitätsbezug wie das Europa-Jubiläum haben. Wir möchten Themen aufgreifen, die viele Leute beschäftigen und so Gegenwartskunst „für alle“ sichtbar und erlebbar machen. Zu sehen, die Europäischen Union ist etwas, was uns alle betrifft, wo wir alle eingeladen sind, dieses Europa mitzudenken, mitzugestalten, und uns auch zu fragen, was ist meine Rolle in Europa, was meine europäische Identität. Werden solche Bezüge geschaffen, dann können solche Projekte im öffentlichen Raum besonders gut gelingen. Gute Gegenwartskunst hat schon immer unmittelbar auf die Geschehnisse unserer Zeit reagiert und kann ungeahnte Denkanstöße und auch emotionalen „Support“ bieten. Die Interventionen nehmen auch auf die Covid-19-Pandemie Bezug, etwa wenn Borjana Ventzislavova auf 50 m Höhe auf dem Landtagsschiff den riesengroßen Schriftzug „In this we all together“ montiert. Es ist ein sehr allgemeiner Satz, der dieses Besinnen, dass wir eine Gemeinschaft sind, bewusst macht - das ist auch sehr berührend. Der Schriftzug leuchtete erstmals zwei Tage nach dem Terroranschlag in Wien Anfang November und viele Menschen gefragt haben, ob das jetzt etwas zu tun hat mit dem, was gerade passiert ist. Das ist etwas, was Kunst auch kann, zu trösten in einem Moment, wo keiner weiß wie es weiter geht, Mut zuzusprechen und an ein Gemeinschafts-Gefühl zu appellieren.

VCÖ-Magazin: Im öffentlichen Raum ist die Aufmerksamkeitskonkurrenz hoch, etwa wenn viel Verkehr herrscht – wie weit muss die Kunst im öffentlichen Raum darauf reagieren?

Lisa Ortner-Kreil: Beim „In this together-Projekt“ hat die Künstlerin bewusst auch den Bahnhof ausgesucht, als Knotenpunkt, und weil der Schriftzug eben lautet: „Ihre Name ist Europa, sie kam über das Meer“. So wird auch Bezug auf die  Migrationsdebatte innerhalb der Europäischen Union Bezug genommen. Das ist natürlich kein Zufall, dass so ein Thema genau am Bahnhof, wo sich Transit abspielt, montiert ist. Bei „In This Together“ stehen die künstlerischen Arbeiten inhaltlich auch immer in enger Verbindung mit der Funktion der Gebäude, auf denen sie montiert sind, wie das Beispiel des Bahnhofs zeigt.

VCÖ-Magazin: Kann Kunst im öffentlichen Raum ein Stadtviertel verändern?

Lisa Ortner-Kreil:  Es können Zonen im Stadtgebiet aufgewertet und umgewertet werden, neue Beachtung erhalten, da hat Kunst oft Pioniercharakter. Das lockt Leute an, weil dort etwas passiert. Gute Kunstprojekte können die Stadtentwicklung sehr positiv beeinflussen können. Da liegt großes Potenzial. Die Kreativen sind da oft vorneweg und setzen Impulse, die Stadtteile auch verändern können. Es gibt auch viele Künstlerinnen und Künstler, die bewusst auf die Nutzung des öffentlichen Raums abzielen und die es interessiert, mit ihren Arbeiten eben auch viele Menschen zu erreichen und zum Nachdenken und Staunen zu bringen. Der öffentlichen Raum ist dafür die perfekte Bühne.

Das Gespräch führte Christian Höller

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