Vielfalt in der Verkehrsplanung als Chance

Pflege-Verantwortung beeinflusst das Mobilitätsverhalten: Betreuungsarbeiten werden überwiegend von Frauen übernommen. Sie sind auf ihren Wegen vielfach in Begleitung anderer Personen wie Kindern und älterer Menschen unterwegs.

Im öffentlichen Raum sind Menschen mit unterschiedlichen Verkehrs- und Mobilitätsbedürfnissen  unterwegs. Doch schafft die Verkehrsplanung meist noch immer die besten Bedingungen vor allem für jene, die im Pkw unterwegs sind und übersieht die Hürden für viele andere Gruppen.

Von Bente Knoll

Frauen, Männer, inter- und transgeschlechtlich lebende Menschen, Junge und Ältere, Menschen mit und ohne Behinderung(en), Menschen mit unterschiedlichen ethnischen Herkünften, Religionen und Weltanschauungen, Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierungen, leben und arbeiten in Österreich, sind im öffentlichen Raum unterwegs, nutzen täglich Mobilitätsangebote.

Fahrpläne nur für Vollerwerbstätige?

Die besten Mobilitätsbedingungen werden meist noch für diejenigen geschaffen, die mit dem eigenen Pkw unterwegs sind. Dies trifft für Ballungsräume zu und vor allem für ländliche und periphere Regionen. Menschen, die über keinen eigenen Pkw verfügen, sind von den Rahmenbedingungen abhängig die ihnen etwa öffentliche Verkehrsmittel setzen. Zeitkarten, wie Wochen- und Monatskarten, sowie Fahrpläne sind vor allem in der Region auf Schulzeiten und auf die typischen Arbeitszeiten einer vollzeiterwerbstätigen Person abgestimmt. Wer teilzeiterwerbstätig ist, findet schlechtere Bedingungen vor, weil weniger Angebote im Öffentlichen Verkehr abseits der „Kernzeiten“ und auch keine flexiblen Zeitkartenmodelle verfügbar sind. Im Jahr 2020 waren rund 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten Frauen, die somit in diesem Mobilitätssystem besonders benachteiligt werden.

Unterwegssein als Hürdenlauf

Pflege-, Haus-, Familien- und Betreuungsarbeiten beeinflussen das Mobilitätsverhalten stark. Diese meist unbezahlten Arbeiten werden Frauen nach wie vor gesellschaftlich zugeschrieben und auch überwiegend von ihnen übernommen. Sie sind auf ihren Wegen vielfach in Begleitung anderer Personen, wie Kindern und älteren Menschen, unterwegs. Sie sehen sich dabei mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert, wie mangelndes Platzangebot für Kinderwägen und Gepäck in den Verkehrsmitteln sowie Einstiegsbarrieren. Auch Bushaltestellen in der Region, oftmals ohne Wartehäuschen und Sitzgelegenheiten, machen das Unterwegssein mit (Klein-)Kindern nicht besonders attraktiv. Die prägende Wirkung solcher Barrieren bestätigt auch Alexandra Millonig vom Austrian Institute of Technologie (AIT): „Das individuelle Mobilitätsverhalten ist bestimmt durch eine Reihe von Einflussfaktoren wie dem Zugang zu Alternativen, der Kompetenz diese zu nutzen und vor allem den Motiven für eine Mobilitätsentscheidung. In der Forschung am AIT setzen wir daher speziell auf die Zielgruppenorientierung von Services und Mobilitätsangeboten, die diese Aspekte berücksichtigen. Das Wissen über die Motive und individuelle Rahmenbedingungen ist essenziell, um Verhaltensänderungsbarrieren zu identifizieren, um so die Wirkung von Lösungen zu erhöhen und Benachteiligungen zu mildern.“

Volle Teilhabe in allen Lebenslagen

Das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz beinhaltet ein Diskriminierungsverbot von Menschen mit Behinderungen und deren Angehörigen. Die UN-Behindertenrechtskonvention, die in Österreich seit dem Jahr 2008 in Kraft ist, schreibt in Artikel 9 fest: „Um Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben und die volle Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen, treffen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen mit dem Ziel, für Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen Zugang zur physischen Umwelt, zu Transportmitteln, Information und Kommunikation, (…) zu gewährleisten.“

Legistische Rahmenbedingungen sind also vorhanden – doch die Realität schaut oftmals anders aus. So mag der Nahverkehrszug, der von Menschen im Rollstuhl stufenlos befahren werden kann, die Kriterien der Barrierefreiheit erfüllen. Allerdings werden Anforderungen an Inklusion verfehlt, wenn diese Personen am Platz nicht die gleiche Ausstattung vorfinden wie Fahrgäste, die keinen Rollstuhl benutzen. In der Praxis ist für Rollstuhlnutzende oft kein Tisch vorhanden, wie er Reisenden ohne Behinderungen zur Verfügung steht – oder aber er ist kleiner, was das Arbeiten mit Laptop unmöglich macht. Darüber hinaus haben sie das Recht, gemeinsam mit ihrer Reisebegleitung oder ihren Familienangehörigen ohne Behinderungen zu verreisen – und nicht getrennt von ihnen. „Unsere Mobilität muss sich an einem Leitbild von lebenswerten Städten und Dörfern orientieren. Dabei entscheidet die Ausgestaltung des Verkehrs, wer sich wie bewegen kann und wer wie viel von der begrenzten öffentlichen Fläche dafür bekommt. Bei einer umfassenden Mobilitätswende geht es also um viel mehr als um klimafreundliche Angebote – auch Chancengleichheit trägt zu einem Gelingen bei“, unterstreichen auch Pat Bohland und Greta Pallaver von LIFE e.V., die im Projekt „gerecht mobil“ Mobilitätsprojekte suchen und auszeichnen, die Gendergerechtigkeit berücksichtigen.

Vielfalt als Chance begreifen

Um Vielfalt und die Perspektive der Geschlechtergerechtigkeit, die soziale Dimension generell, in Verkehrs- und Mobilitätsangeboten sowie in der Mobilitätsplanung zu berücksichtigen, ist es erforderlich sich von der Idee „Eine Lösung für alle“ zu verabschieden. Es müssen vielfältige Lebenszusammenhänge und die daraus resultierenden vielfältigen Mobilitätsmuster in der Planung berücksichtigt werden – um passgenaue Mobilitätsangebote für viele zu schaffen. Im Sinne der Barrierefreiheit ist das Mehrsinnes-Prinzip anzuwenden – das heißt, dass unterschiedliche Behinderungsformen (blind/sehschwach, gehörlos, unterwegs mit Rollstuhl, Lernschwäche etc.) gleichermaßen als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden. Vielfalt – auch im Mobilitätsbereich – bereichert unsere moderne Gesellschaft.


Bente Knoll ist Landschafts- und Verkehrsplanerin, Geschäftsführerin im Büro für nachhaltige Kompetenz B-NK GmbH und Universitätslektorin. Themenschwerpunkte: Integration von Gender- und Diversitätsdimensionen in Planung, Umwelt, Nachhaltigkeit, Technik und Ingenieurwissenschaften.

Kontakt: bente.knoll@b-nk.at
https://www.b-nk.at

Zurück zur Übersicht

VCÖ: Verkehrsunfälle in Österreich verursachten im Vorjahr Kosten von rund acht Milliarden Euro!

VCÖ (Wien, 8. Dezember 2023) – Verkehrsunfälle verursachen viel menschliches Leid und auch sehr hohe Kosten. Eine aktuelle VCÖ-Analyse auf Basis der neuen Unfallkostenrechnung Straße zeigt, dass die Verkehrsunfälle in Österreich im Vorjahr volkswirtschaftliche Kosten in der Höhe von fast acht Milliarden Euro verursacht haben. Gegenüber dem Jahr 2021 nahmen die Unfallkosten im Jahr 2022 um rund 270 Millionen Euro zu. Für heuer ist mit einer weiteren Zunahme zu rechnen. Die Mobilitätsorganisation VCÖ fordert verstärkte unfallvermeidende Maßnahmen.

Mehr dazu
Foto: Sarah Duit

Transformation ökologisch und gerecht gestalten

Eine Transformation hin zu CO2-Neutralität im Verkehrssystem ist möglich. Sie bringt unter anderem qualitätsvolle Arbeitsplätze und mehr Lebensqualität. Dazu sind gesamtgesellschaftliche Ansätze gefragt, damit der Wandel auch positive soziale Auswirkungen hat.

Mehr dazu