Wie der Öffentliche Verkehr zukunftsfit wird

Seestadt Aspern - U-Bahn-Verbindung vor dem Bau der ersten Wohnung: Wohnsiedlungen und Einkaufszentren mit hohem Verkehrsaufkommen sollten nur dort gebaut werden dürfen, wo es auch eine gute Erschließung mit Öffentlichem Verkehr gibt.

Das Klimaticket macht den Öffentlichen Verkehr in Österreich einfach nutzbar. Weitere wichtige Schritte sind die Verknüpfung mit ergänzenden Angeboten im öffentlich zugänglichen Verkehr, Mobilitätsgarantie und digitale Vereinfachungen des Angebots.

Von Christian Höller

Mobilitätsgarantie ist mehr als Minimalangebot

Das Klimaticket verknüpft den Öffentlichen Verkehr in Österreich – Bahn, Regionalbusse, Stadtverkehre – zu einem System. Neben günstigen und einfach nutzbaren Ticketlösungen ist eine Mobilitätsgarantie wesentlich dafür, dass öffentliche Verkehrsmittel auch genutzt werden. In der Schweiz gelten in einigen Kantonen bereits Mindest-Bedienstandards für den Öffentlichen Verkehr. Doch eine solche „Erschließungspflicht“ alleine reiche nicht, macht Ueli Stückelberger, Direktor Verband öffentlicher Verkehr (VöV) Schweiz, klar: „In der Schweiz sind zwar per Gesetz alle Ortschaften mit über 100 ständigen Einwohnerinnen und Einwohnern an den Öffentlichen Verkehr anzuschließen. Allerdings eine nur minimale Öffentliche-Verkehr-Erschließung alleine genügt nicht, sie muss für die Fahrgäste auch attraktiv sein, sonst wird der Öffentliche Verkehr kaum genutzt. Je besser die Erschließung eines Stadtteils oder einer Gemeinde mit dem Öffentlichen Verkehr ist, desto höher ist auch die Auslastung des Öffentlichen Verkehrs. Dazu gehört auch, dass Wohnsiedlungen und Einkaufszentren mit hohem Verkehrsaufkommen nur dort gebaut werden dürfen, wo eine gute Erschließung mit Öffentlichem Verkehr schon besteht oder bis zum Zeitpunkt der Eröffnung geplant ist.“ Beispielhaft die Seestadt Aspern in Wien, wo die U-Bahn-Verbindung bereits vor der ersten Wohnung gebaut wurde.

Mikro-ÖV als Ergänzung

Klassischer Öffentlicher Linienverkehr bleibt aufgrund der unkomplizierten, anmeldefreien Nutzung, seiner Barrierefreiheit und der Platzeffizienz unverzichtbar. Ergänzende kleinräumige Verkehrsangebote, die nur fahren, wenn zuvor ein Fahrtwunsch angemeldet wurde, bewähren sich bereits in vielen Gemeinden. „Es ist sinnvoll, bestehende Linienbussysteme durch Mikro-ÖV-Systeme zu ergänzen und dadurch für ein öffentliches Verkehrsangebot innerhalb von Gemeinden zu sorgen“, bestätigt auch Silvia Kaupa-Götzl, Geschäftsführung ÖBB-Postbus, „die Straßen-Infrastruktur ist vorhanden, damit ist ein Ausbau des Verkehrsangebotes rasch möglich.“ Besonders für die erste und letzte Meile, etwa zwischen Wohnung und Bahnhof, schaffen Mikro-ÖV-Systeme oft den entscheidenden Lückenschluss und entscheiden die Verkehrsmittelwahl für den gesamten zurückgelegten Weg. Angebote wie Carsharing Tirol 2050 erleichtern eine solche Verknüpfung. Menschen, die ein Jahresticket des Verkehrsverbundes Tirol (VVT) besitzen, können auch das Carsharing-Angebot nutzen, das in 28 Gemeinden insgesamt 53 Autos umfasst. Franziska Daetz vom VVT, sieht den Verkehrsverbund Tirol auf dem Weg zum Mobilitätsverbund: „Eine große Hürde ist oft noch die letzte Meile. Dazu hat der VVT in Kooperation mit regionalen Betreibern ein Netzwerk zur einfachen und günstigen E-Carsharing-Nutzung geschaffen.“ Neben dem Carsharing entwickelt der VVT zudem weitere Mobilitätslösungen für die erste und letzte Meile: ein Bikesharing-System und On-Demand Verkehre.

Gesamtangebot durch Digitalisierung

Die Digitalisierung ermöglicht, die verschiedenen Mobilitätsangebote im öffentlich zugänglichen Verkehr, wie Mikro-ÖV und Sharing-Angebote, mit dem Linienverkehr von Bus und Bahn zu einem Gesamtangebot zu verknüpfen. Etwa als Mobility as a Service (MaaS), Mobilität als Dienstleistung – eine zentrale Plattform, beispielsweise als Smartphone-App, bündelt eine Vielfalt von Mobilitätsoptionen und verknüpft sie mit einem einfachen Abrechnungssystem. Die Herausforderung ist, dass die Digitalisierung mit der Vielzahl digitaler Apps ihre Vorteile in puncto Vereinfachung, Übersicht und Einheitlichkeit einbüßt.

Das Umland mit den Städten verbinden

Im Großraum Graz werden öffentliche Verkehrsmittel für 15 Prozent der Fahrten zwischen dem Bezirk Graz-Umgebung und Graz genutzt, während im Stadtzentrum beim Vergleich Auto – Öffentlicher Verkehr der Anteil des Öffentlichen Verkehrs bei 60 Prozent, der des Pkw bei 40 Prozent liegt, wie der Verkehrsplaner Willi Hüsler vorrechnet. Damit auch im Großraum Graz mehr Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, wird entscheidend sein, partielles Denken, als Verkehrsunternehmen, als Gemeinde, zu überwinden und in größeren Zusammenhängen Mobilität zu planen. Und auch jenen Menschen, die aus dem Umland in die Stadt kommen, attraktive Angebote klimaverträglicher Mobilität zu machen. Etwa durch den Ausbau der S-Bahnen und ihre bessere Vernetzung mit Straßenbahn und Bus auch außerhalb des Zentrums.

Den Öffentlichen Raum neu verteilen

Die Infrastrukturplanung, die Neuverteilung des Raumes und der Ressourcen weg vom Autoverkehr führt zu einer Stärkung und zu mehr Platz für aktive Mobilität und den Öffentlichen Verkehr. „In der Tiroler Gemeinde Fließ wurde durch die Neugestaltung des Ortskerns und die Überdachung des Dorfplatzes ein attraktiver Ort geschaffen, der auch als großzügige Haltestelle dient. Die Taktfrequenz des Busses in die Bezirksstadt Landeck wurde stark verdichtet. Das hat die Fahrgastzahlen stark erhöht und den Ort wieder zu einem Lebensmittelpunkt gemacht“, nennt Roland Gruber, Geschäftsführer des Architekturbüros nonconform, das sich auf partizipative Zukunftsraumentwicklung spezialisiert hat, ein Beispiel. „Auch in der steirischen Kleinstadt Trofaiach wurde direkt im Stadtzentrum ein hochwertig gestalteter Mobilitätsterminal errichtet und die Taktfrequenz nach Leoben, in die nächstgrößere Stadt, stark verdichtet. Vor der Covid-19-Pandemie brachte das wochentags etwa 25 Prozent mehr Fahrgäste und am Wochenende etwa 60 Prozent mehr, insgesamt ein Plus von etwa 37 Prozent.“ Gleichzeitig wurde in Trofaiach ein Teil der Hauptstraße eine Begegnungszone mit hoher Aufenthaltsqualität, was die Anzahl der Gehenden stark erhöht und die Fahrgeschwindigkeit der Autos reduziert hat.

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VCÖ: Fast zwei Drittel der Verkehrsunfälle passieren im Ortsgebiet – mit mehr Tempo 30 Verkehrssicherheit in Gemeinden und Städten erhöhen

VCÖ (Wien, 17. April 2024) – In den ersten drei Quartalen des Vorjahres ereigneten sich 64 Prozent der Verkehrsunfälle mit Personenschaden im Ortsgebiet, macht der VCÖ aufmerksam. Der Nationalrat behandelt heute die StVO-Novelle, die es den Gemeinden und Städten erleichtern wird, Tempo 30 umzusetzen. Die Mobilitätsorganisation VCÖ sieht darin einen wichtigen Schritt zu mehr Verkehrssicherheit, insbesondere für die Schwächsten im Verkehr. Mehr als 90 Prozent der Fußgängerunfälle ereignen sich im Ortsgebiet. Tempo 30 statt 50 halbiert den Anhalteweg, reduziert die Zahl der Unfälle, rettet Menschenleben.

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Foto: Sarah Duit