Zukunft des Öffentlichen Verkehrs

Auch am Öffentlichen Verkehr, als wesentlichem Bestandteil des Alltags, gehen Krisen wie die Covid-19-Pandemie nicht vorüber. Er kann aber auch zu deren Lösung beitragen, indem hier Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft gesetzt werden und gegen die Klimakrise investiert wird.

Von Loris Knoll

Der Öffentliche Verkehr funktioniert auch während der Beschränkungen im Zuge der Covid-19-Pandemie sehr gut und dank verpflichtendem Mund-Nasen- Schutz ist auch das Sicherheitsgefühl hinsichtlich Infektion in Bahn und Bus sehr hoch. Dennoch sind manche Fahrgäste derzeit vorsichtiger und meiden öffentliche Verkehrsmittel. Daher braucht es jetzt Maßnahmen um das volle Vertrauen der Fahrgäste sicher zustellen und gleichzeitig durch Attraktivierung des Öffentlichen Verkehrs der Klimakrise zu begegnen. So entlastet beispielsweise Homeoffice den Öffentlichen Verkehr in den Stoßzeiten. Die vorzeitige Beschaffung oder Anmietung zusätzlicher Fahrzeuge des Öffentlichen Verkehrs kann ebenfalls helfen. Wenn Jugendliche im Linienbus auf der Fahrt zur Schule häufig einen komfortablen Sitzplatz, nach Möglichkeit inklusive WLAN, finden, ohne auf engem Raum stehen zu müssen, werden sie auch nach der Schulzeit gerne auf den klimaverträglichen Öffentlichen Verkehr zurückgreifen. Wenn Betriebszeiten an den Tagesrand ausgeweitet werden und das Liniennetz verdichtet wird, wie zum Beispiel zuletzt bei Regionalbussen rund um Baden bei Wien oder im Süden von Graz, verteilen sich Fahrgäste besser.

Minisuiten im Nachtzug: Mit Abstand mehr Komfort

Wo sich hygienische Bedenken beim Kauf von Einzelfahrscheinen durch die Einführung neuer günstiger Jahreskarten wie dem geplanten 1-2-3-Ticket erübrigen, wird gleichzeitig eine niederschwellige unkomplizierte Nutzung für alle Fahrten von der Straßenbahn über Zug bis zum Regionalbus möglich. Und wenn wie in den neuen ÖBB-Nightjet-Garnituren Minisuiten für Alleinreisende angeboten werden, kann gleichzeitig Abstand gehalten werden und es steigt der Komfort. Ein zukünftig guter Öffentlicher Verkehr braucht heute entsprechende richtungsweisende Entscheidungen. In Österreich wurden noch in den 1990er-Jahren einige Entscheidungen in Richtung Modernisierung von Zugflotte und Bahnhöfen sowie Streckenausbauten, wie auf der Weststrecke, getroffen. Das ermöglichte Fahrgaststeigerungen in den letzten Jahren, die durch die Klimadebatte mit zusätzlicher Dynamik versehen wurden. Alleine in den Jahren zwischen 2015 und 2019 stieg die Anzahl der Bahnreisenden in Österreich von 282,4 Millionen auf 316,4 Millionen.

Zügig durch die Nacht

Im Gegensatz zu anderen Bahnunternehmen Europas entschieden sich die ÖBB vor wenigen Jahren nicht nur zum Erhalt ihrer Nachtzüge, sondern auch zu deren Ausbau und Erneuerung unter der Marke Nightjet. „Mit dem Nightjet bringen die ÖBB Europa den Nachtzug zurück. Reisen mit der Bahn schont die Umwelt und spart Unmengen an CO2 – ein Flug verursacht 51-mal mehr Treibhausgase als die Bahnfahrt. Aktuell investieren wir in zusätzliche Strecken und neue Züge. Ab dem Jahr 2022 werden die neuen Nightjets im Einsatz sein, mit noch mehr Komfort für unsere Fahrgäste“, so Andreas Matthä, CEO der ÖBB. Anfangs von anderen Bahnen dafür skeptisch beäugt, ging der Plan auf. Selbstbewusst können die ÖBB nun verkünden, in wenigen Jahren mit dem Nightjet auch Flügen bis nach Paris Konkurrenz machen zu wollen. Nun springen auch andere Staaten wieder auf den Nachtzug auf, sodass etwa in der Schweiz und in Skandinavien neue Nachtzug-Angebote geplant werden.

Europäisches Jahr der Schiene

Das zum Europäischen Jahr der Schiene ausgerufene Jahr 2021 soll helfen, die Ziele des Green New Deal der EU im Verkehrssektor zu erreichen, indem das Potenzial der Bahn stärker ins Bewusstsein gerückt wird. „Das Europäische Jahr der Schiene kommt genau zum richtigen Zeitpunkt“, ist Martin Selmayr, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich, überzeugt. „Zum einen ist es höchste Eisenbahn für den Klimaschutz und die Bahn leistet hier einen entscheidenden Beitrag. Zum anderen verbindet die Bahn Staaten miteinander und ist damit auch ein Symbol für den Zusammenhalt in Europa. Und den brauchen wir in Zeiten der Covid- 19-Pandemie mehr denn je.“ Um das grenzüberschreitende Potenzial der Bahn zu nützen, ist allerdings noch einiges zu tun. Es braucht neue, mit den nationalen Taktfahrplänen harmonierende, Verbindungen quer durch Europa. Doch es braucht auch die Abschaffung steuerlicher Wettbewerbsnachteile gegenüber dem Flugzeug sowie die Beseitigung technischer Hindernisse wie uneinheitliche Signalsysteme. Nur so können die EU-Staaten auch auf der Bahn näher zusammenrücken. Auch in Ballungsräumen steckt noch viel Potenzial. Der Wiener Standortanwalt empfiehlt in einem neuen Bericht, Wien zur Welthauptstadt der Straßenbahn zu machen. Vom Fernverkehr bis zur letzten Bushaltestelle gilt es, hinsichtlich der beschlossenen Klimaziele Konsequenz zu zeigen. Es ist wichtig, dass der Öffentlichen Verkehr auch bei jeder Einzelmaßnahme die Bevorrangung erhält, die ihm aufgrund seiner Klimaverträglichkeit und Platzeffizienz zusteht. Wird, wie in Linz geplant, aufgrund von sich stauenden Autos eine Bushaltestelle in eine Seitenbucht verbannt, wird das kaum Fahrgäste in den Bus locken, wogegen dort, wo der Bus etwa durch eine Schleuse automatisch Vorfahrt bekommt, das Busfahren attraktiver ist. Verknüpft mit Maßnahmen für andere klimaverträgliche Mobilitätsformen, wie durch Abstellanlagen und Mitnahmemöglichkeiten für Fahrräder, durch im Fahrpreis integrierte Radverleihsysteme, wie etwa neuerdings in Dresden, oder durch attraktive Fußwege zur Haltestelle, kann der Öffentliche Verkehr in den nächsten Jahren Österreichs Mobilität klimafit machen.

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