VCÖ: In den vergangenen zehn Jahren mehr als 900 tödliche Unfälle wegen zu hohem Tempo

VCÖ: Tempolimits reduzieren, mehr kontrollieren, Bewusstsein schärfen

VCÖ (Wien, 28. Februar 2024) – Zu hohes Tempo ist lebensgefährlich: In den vergangenen zehn Jahren verursachte nicht angepasste Geschwindigkeit in Österreich mehr als 900 tödliche Verkehrsunfälle, wie eine aktuelle VCÖ-Analyse zeigt. Damit war jeder 4. tödliche Verkehrsunfall die Folge von zu schnellem fahren. Mit dem Tempo wird der Anhalteweg länger, Unfallrisiko und im Fall eines Unfalls die Verletzungsschwere nehmen zu. Die Mobilitätsorganisation VCÖ fordert zum Schutz von Gesundheit und Leben der Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer verstärkte Maßnahmen. Die StVO-Novelle zur leichteren Umsetzung von Tempo 30 im Ortsgebiet sieht der VCÖ als einen Schritt zu mehr Sicherheit, dem weitere folgen müssen.

Allein in den ersten drei Quartalen des Vorjahres waren 82 tödliche Verkehrsunfälle die Folge von nicht angepasster Geschwindigkeit. Das waren um drei mehr als im gesamten Jahr 2022. Seit dem Jahr 2014 wurden in Österreich 906 tödliche Verkehrsunfälle durch nicht angepasste Geschwindigkeit verursacht, wie eine aktuelle VCÖ-Analyse auf Basis von Daten der Statistik Austria zeigt. „Damit ist jeder vierte tödliche Verkehrsunfall direkt auf das Tempo zurückzuführen. Geschwindigkeit ist ein zentraler Faktor für die Verkehrssicherheit“, stellt VCÖ-Expertin Katharina Jaschinsky fest. Zusätzlich war nicht angepasste Geschwindigkeit im Straßenverkehr in den vergangenen zehn Jahren die Hauptursache dafür, dass mehr als 40.000 Menschen verletzt wurden, zum Teil so schwer, dass sie ihr Leben lang invalid sind.

Mit niedrigeren Tempolimits kann die Verkehrsplanung beziehungsweise die Verkehrspolitik wesentlich dazu beitragen, die Zahl schwerer Verkehrsunfälle zu reduzieren und Menschenleben zu retten. Ein Pkw, der auf der Freilandstraße bei Tempo 80 einen Anhalteweg (Reaktions- und Bremsweg) von 51 Metern hat, steht mit Tempo 100 erst nach 74 Metern und hat nach 51 Metern noch eine Geschwindigkeit von über 60 km/h, verdeutlicht der VCÖ.

Im Ortsgebiet wiederum halbiert Tempo 30 statt 50 den Anhalteweg und verringert die Zahl der Verkehrsunfälle und Unfallopfer. „Tempo 30 statt 50 ist eine Maßnahme, die Menschenleben rettet. Das zeigt die Erfahrung in jenen Städten, wo großflächig Tempo 30 umgesetzt wurde“, stellt VCÖ-Expertin Katharina Jaschinsky fest. Graz war im September 1992 ein Pionier in Europa. Der VCÖ begrüßt, dass nun auch in Bregenz flächendeckend auf den Gemeindestraßen höchstens 30 km/h gefahren werden darf.

Auch die 35. StVO-Novelle, deren Begutachtungsfrist nun endet, und den Gemeinden und Städten die Umsetzung von Tempo 30 erleichtert, ist ein Schritt zu mehr Verkehrssicherheit. Der VCÖ betont in seiner Stellungnahme, dass für Kinder der gesamte Schulweg sicher sein muss und nicht nur der Abschnitt direkt vor der Schule. „Der Straßenraum ist nicht nur ein Verkehrsweg für Autos, sondern genauso für Fußgängerinnen und Fußgänger oder Radfahrerinnen und Radfahrer und im Ortsgebiet ist vor allem auch darauf Rücksicht zu nehmen, dass entlang der Straßen Menschen, Kinder, Familien, Seniorinnen und Senioren, wohnen“, erinnert VCÖ-Expertin Katharina Jaschinsky.

Wichtig für die Vermeidung von Verkehrsunfällen ist auch das Schärfen des Bewusstseins, dass Tempolimits als Höchstgeschwindigkeit einzuhalten sind. Und, dass bei schlechten Sicht- oder Fahrbahnverhältnissen das Tempo stark zu reduzieren ist.  „Weder sind Tempolimits eine Mindestgeschwindigkeit, noch ist zu schnelles Fahren ein Kavaliersdelikt“, stellt VCÖ-Expertin Jaschinsky fest. Auch 10 km/h schneller verlängert den Reaktionsweg und Bremsweg. Die hohen Toleranzgrenzen beim Überschreiten von Tempolimits sind daher nach Schweizer Vorbild zu reduzieren. Neben Bewusstseinskampagnen und einem stärkeren Fokus bei der Führerscheinausbildung ist auch die Vorbildrolle der Erwachsenen den mitfahrenden Kindern und Jugendlichen gegenüber wichtig.

VCÖ: In den vergangenen zehn Jahren mehr als 900 tödliche Unfälle wegen zu hohem Tempo
(tödliche Verkehrsunfälle wegen nicht angepasster Geschwindigkeit in Österreich, in Klammer Anteil der tödlichen Verkehrsunfälle)

1.-3.Quartal 2023: 82 tödliche Verkehrsunfälle (28,6% aller tödlichen Verkehrsunfälle)

Jahr 2022: 79 (22,6 %)
Jahr 2021: 93 (27,4 %)
Jahr 2020: 103 (32,0 %)
Jahr 2019: 93 (24,4 %)
Jahr 2018: 95 (24,1 %)
Jahr 2017: 85 (24,7 %)
Jahr 2016: 97 (27,6 %)
Jahr 2015: 90 (24,1 %)
Jahr 2014: 89 (26,2 %)

Summe: 906 tödliche Verkehrsunfälle (26,0 %)

Quelle: Statistik Austria, VCÖ 2024

Zurück zur Übersicht

Tempo 30 in Palma de Mallorca und Spanien

Palma de Mallorca führte im Oktober 2020 auf mehr als 90 Prozent der Straßen Tempo 30 ein.

Mehr dazu
Foto: Fahrrad steht an einer Wand in Palma de Mallorca

Wie Städte die Mobilitätswende voranbringen

In der VCÖ-Publikation „Wie Städte die Mobilitätswende voranbringen“ wird gezeigt, welche einschneidenden Auswirkungen der Pkw-Fokus der urbanen Verkehrsplanung der vergangenen Jahrzehnte hatte und welche Maßnahmen in unterschiedlichen Städten ergriffen werden, um den öffentlichen Raum als hochwertigen Wohn-, Lebens- und Aufenthaltsraum für Menschen zurückzugewinnen.

Mehr dazu