VCÖ: Österreich liegt beim Schienengüterverkehr im EU-Vergleich im Spitzenfeld, aber Anteil ist noch deutlich zu erhöhen

VCÖ-Fachkonferenz: Verstärkte Maßnahmen für Verlagerung auf Bahn nötig

VCÖ (Wien, 12. Mai 2022) – Mit rund 2.300 Tonnenkilometer pro Kopf weist Österreich beim Schienengüterverkehr im EU-Vergleich den dritthöchsten Wert auf, wie eine aktuelle VCÖ-Analyse auf Basis von Daten der Eurostat zeigt. Mit rund 30 Prozent ist der Anteil der Bahn am Landgütertransport um rund zwei Drittel höher als im EU-Schnitt. Aber um die Klimaziele erreichen zu können, ist dieser Anteil auf mindestens 40 Prozent zu erhöhen. Welche Maßnahmen es braucht, um Güterverkehr erfolgreich auf die Schiene zu verlagern, wurde heute bei einer international besetzten Online-Fachkonferenz des VCÖ diskutiert.

Österreich hat im EU-Vergleich einen Startvorteil, wenn es darum geht, den Gütertransport auf Klimakurs zu bringen, wie eine aktuelle VCÖ-Analyse zeigt. Der Schienengüteranteil ist höher als im EU-Schnitt, es werden mit der Bahn pro Einwohner fast drei Mal so viele Tonnenkilometer transportiert wie im EU-Schnitt und der Rückgang im Schienengütertransport im 1. Coronajahr war mit 5,7 Prozent geringer als im EU-Schnitt (7,4 Prozent). Auch im Vergleich zum Nachbarn Deutschland schneidet Österreich deutlich besser ab. Der Rückgang im Jahr 2020 lag in Deutschland bei über acht Prozent, der Anteil der Bahn ist in Österreich um mehr als die Hälfte höher als in Deutschland (19 Prozent), die Transportleistung ist in Österreich um drei Viertel höher als in Deutschland (1.310 Tonnenkilometer pro Kopf).

„Aber die Klimaziele können wir nur erreichen, wenn der Schienengüteranteil um ein Drittel auf mindestens 40 Prozent steigt. Pro Tonnenkilometer verursacht die Bahn im Vergleich zu den Sattelzügen auf der Straße um 93 Prozent weniger CO2. Und was in der Energiekrise relevant ist: Der Energieverbrauch ist um 85 Prozent niedriger“, macht VCÖ-Experte Michael Schwendinger aufmerksam. „Güterverkehr erfolgreich auf Schiene verlagern“ ist eine wesentliche Voraussetzung für das Erreichen der Klimaziele auf internationaler und EU-Ebene sowie der Klimaneutralität 2040, wie sie im österreichischen Regierungsprogramm verankert ist“, unterstreicht Claudia Nemeth, Leiterin der Abteilung Güterverkehr im Klimaschutzministerium.

In der Schweiz werden im alpenquerenden Güterverkehr 72 Prozent der Transportmenge auf der Schiene transportiert, nur 28 Prozent auf der Straße. „Der Schienengüterverkehr kann immer nur so gut sein wie seine politischen Rahmenbedingungen“, stellt Arnold Berndt vom Schweizer Bundesamt für Verkehr fest. Neben der Infrastruktur kommt der Bahn auch die Schweizer Lkw-Maut zugute, die externe Kosten inkludiert und am gesamten Straßennetz, also auch auf Freilandstraßen, gilt.  

„Handel und die produzierende Wirtschaft suchen nach Lösungen, um ihre CO2-Bilanz zu verbessern und sind bereit, auf die Schiene zu setzen. Railcoaches können Marktteilnehmer dabei unterstützen und zum Enabler für mehr Verkehr auf der Schiene werden“, betont Maria Leenen vom auf Logistik und Bahnverkehr spezialisierten deutschen Beratungsunternehmen SCI Verkehr.

Lafarge Österreich wird künftig bei der Belieferung der Zementwerke mit Rohstoffen und Ersatzbrennstoffen verstärkt auf die Bahn setzen. „In einem ersten Schritt transportieren wir pro Jahr 12.000 Tonnen Ersatzbrennstoffe per Bahn. Um einen weiteren Ausbau sicherzustellen, bedarf es einer besseren Infrastruktur, insbesondere die Elektrifizierung der Strecke Götzendorf – Mannersdorf“, erklären Markus Palfinger und Christopher Ehrenberg von Lafarge.

Roland Richter, Vorstand im Verband der österreichischen Entsorgungsbetriebe, weist auf die Verbesserungen im Abfallwirtschaftsgesetz hin, in dem der Transport von Abfällen auf der Schiene forciert wird. „Wichtig für die Umsetzung dieser Gesetzesvorgabe ist eine funktionierende, flächendeckende und vor allem wirtschaftliche Infrastruktur, wo noch sehr viel Aufbauarbeit geleistet werden muss.“

„Eine leistungsfähige, europaweite Infrastruktur“ sieht auch Clemens Först, Vorstand der Rail Cargo Austria, als eine von drei zentrale Voraussetzungen, um den Anteil der Schiene im nötigen Ausmaß zu erhöhen. Zudem müssen die Bahnlogistiker einen einfachen Zugang zu attraktiven Produkten anbieten und es brauche „faire verkehrspolitische Wettbewerbsbedingungen zwischen Schiene und Straße. Dazu zählt auch, dass jeder Verkehrsträger jene Kosten tragen soll, die er verursacht, zum Beispiel für CO2-Emissionen.“

Auf den „derzeit unfairen Kostennachteil der Schiene, weil der Lkw-Verkehr die Umweltfolgekosten nicht zahlt“, wies auch der Güterverkehr-Experte der AK Wien, Franz Greil, hin und ergänzte: „Es braucht auch dringend bessere Sozial- und Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten.“ Monika Unterholzner, Geschäftsführerin der Wiener Lokalbahnen Gruppe, sieht zudem im „Ausbau von Infrastruktur und der technischen Harmonisierung“ wichtige Maßnahmen, die den Anteil der Schiene erhöhen.

VCÖ: Österreich liegt beim Schienengütertransport im Verhältnis zur Einwohnerzahl an dritter Stelle in der EU (Tonnenkilometer pro Einwohner:in im Jahr 2020 – in Klammer Anteil am Landgüterverkehr)

  1. Litauen: 5.680  (64,7 Prozent)
  2. Lettland: 4.180 (56,5 Prozent)
  3. Österreich: 2.300 (30,4 Prozent)
  4. Slowenien: 2.250 (34,5 Prozent)
  5. Schweden: 2.139 (29,7 Prozent)
  6. Finnland: 1.835 (25,9 Prozent)
  7. Tschechien: 1.426 (22,8 Prozent)
  8. Polen: 1.346 (22,6 Prozent)
  9. Deutschland: 1.313 (19,0 Prozent)
  10. Estland: 1.301 (38,6 Prozent)
  11. Slowakei: 1.266 (29,5 Prozent)
  12. Ungarn: 1.187 (30,7 Prozent)
  13. Kroatien: 808 (26,1 Prozent)
  14. Belgien: 673 (13,0 Prozent)
  15. Bulgarien: 648 (29 Prozent)
  16. Rumänien: 636 (36,2 Prozent)
  17. Frankreich: 470  (10,1 Prozent)
  18. Dänemark: 421 (10,8 Prozent)
  19. Niederlande: 383 (10,5 Prozent)
  20. Italien: 344 (12,0 Prozent)
  21. Luxemburg: 259 (7,2 Prozent)
  22. Portugal: 224 (14,2 Prozent)
  23. Spanien: 188 (4,1 Prozent)
  24. Griechenland: 52 (3,2 Prozent)
  25. Irland: 15 (0,8 Prozent)

Malta und Zypern haben kein Schienennetz.

EU-27: 845 (17,8 Prozent)

Quelle: Eurostat, VCÖ 2022

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