Fachleute für verstärkte Maßnahmen, um mehr Güter auf die Schiene zu bringen

Von Katharina Jaschinsky (VCÖ - Mobilität mit Zukunft), August 2025

Um Klimaneutralität zu erreichen, sieht Österreichs Masterplan Güterverkehr einen Anteil des Schienengüterverkehrs von 34 bis 40 Prozent am gesamten Transportaufwand vor. Doch die Entwicklung geht in eine andere Richtung: Lag der Anteil der Schiene im Jahr 1951 in Österreich noch bei rund 75 Prozent, sank er bis zum 2018 – dem Bezugsjahr des Masterplans – auf 31 Prozent. Im Jahr 2023 betrug der Schienen-Anteil nur mehr 26 Prozent.1,2 Das ist zwar um rund zwei Prozentpunkte höher als der Anteil von Österreichs Lkw, aber beim Straßengüterverkehr kommt noch ein fast doppelt so hoher Anteil durch ausländische Lkw dazu.3

In einer aktuellen VCÖ-Befragung von 259 Fachpersonen aus 177 Organisationen mit Verkehrsbezug stuften mehr als drei Viertel der Befragten einen Modal Split von bis zu 40 Prozent als „unrealistisch“ oder sogar „sehr unrealistisch“ ein. 93 Prozent sind sich einig: Es braucht verstärkte Maßnahmen, um den Schienengüterverkehr auf Klimakurs zu bringen.

Kostenwahrheit auf der Straße fehlt – und bremst die Schiene aus

Woran liegt es, dass die Schiene Marktanteile verliert? 85 Prozent der Fachpersonen sehen die fehlende Kostenwahrheit im Straßengüterverkehr als Hauptursache. Zwar wurden in den vergangenen Jahren CO2-, Lärm- und Luftverschmutzungsaufschläge in die Lkw-Maut integriert – doch eine Analyse des Umweltbundesamts zeigt, dass noch immer rund 49 Prozent dieser externen Kosten nicht internalisiert sind. Anders gesagt: Die Allgemeinheit zahlt für Emissionen und Umweltfolgen, nicht die Verursacher.4 Auch fehlende Flexibilität, lange Transportzeiten und mangelnde Harmonisierung im grenzüberschreitenden Bahnverkehr wurden häufig als Ursachen für die rückläufige Entwicklung genannt.

CO2-Aufschlag erhöhen, Steuerbegünstigung für Diesel abschaffen

Was also tun, um eine Trendumkehr zu bewirken? Die gute Nachricht: Es gibt zahlreiche Maßnahmen mit hohem Potenzial. Besonders hoch wurde ein höherer CO2-Aufschlag bei der Lkw-Maut bewertet. 88 Prozent der Fachpersonen stuften das Potential dieser Maßnahme als sehr groß oder eher groß ein. Auch die Abschaffung der Steuerbegünstigung von Diesel wurde von 85 Prozent als Maßnahme mit sehr großem oder eher großem Potenzial bewertet. Ähnlich wichtig wurde auch der Ausbau der Umschlagskapazitäten und der Schieneninfrastruktur gesehen.

Erfolgsprojekte zeigen: Verlagerung ist möglich

Schon heute gibt es viele Akteure, die erfolgreich die Schiene nutzen. So werden beispielsweise Transporte im Zusammenspiel mit elektrischen Lkw und Schiene für Rohstofftransporte genutzt.5 Unter anderem errichten Abfallunternehmen wie R.E.P Anschlussbahnen, um Abfälle über die Schiene zu transportieren.6 Auch die Schweiz ist ein Vorzeigebeispiel, was Schienengütertransport betrifft. Seit Jahrzehnten liegt dort der Anteil der Schiene bei nahe 40 Prozent.7

EU-Regelungen und Richtlinien sind maßgebend

Die befragten Fachpersonen sehen in der aktuell auf EU-Ebene erarbeiteten Kapazitätsmanagementverordnung, der Richtlinie zum kombinierten Verkehr, der Gewichte und Abmessungen Verordnung für Lkw und dem Mehrjährigen Finanzplan Chancen und Risiken. Etwa besteht durch diese Instrumente die Chance einer besseren Trassenverfügbarkeit, Harmonisierung der Bahnsysteme, einer Verlagerung von der Straße auf die Schiene, einer Stärkung der Intermodalität und die Sicherung von Investitionen in den Schienengüterverkehr.  Risiken bestehen hinsichtlich verfehlter Priorisierung, Bürokratie, Akzeptanz- und Kostenfragen. Höhere erlaubte Lkw-Gewichte könnten zudem den Straßengüterverkehr begünstigen. Als künftige Risiken sehen die Fachleute zudem vermehrte Zölle, den Rückzug klimapolitischer Maßnahmen und das Abweichen vom Green Deal der EU.

Bei der Frage nach künftigen Entwicklungen, die für den Schienengüterverkehr eine Chance sind, wurde Digitalisierung und Automatisierung am häufigsten genannt. Auch Infrastrukturmaßnahmen, insbesondere der Ausbau des kombinierten Verkehrs, zusätzliche Terminals, Linienzugsysteme und mehr Anschlussgleise wurden häufig als Chance genannt.

Bestehende Maßnahmen stärken, grenzüberschreitende Infrastruktur verbessern

Die Ergebnisse der VCÖ-Fachpersonenbefragung zeigen deutlich: Wirksame Maßnahmen liegen am Tisch, jetzt geht es um den politischen Willen, diese umzusetzen sowie internationale Regelungen im Sinne des Schienengüterverkehrs zu gestalten. Neben regulatorischen Maßnahmen bietet zudem gerade jetzt mit den 81 Milliarden Euro, die im Rahmen des Mehrjährigen EU-Finanzrahmens für grenzüberschreitende Infrastruktur bereitstehen, eine Chance für die Schieneninfrastruktur in Österreich. Worauf also warten? Mehr Gütertransporte auf die Schiene verlagern ist ein zentraler Hebel, um die Lkw-Belastung auf den Straßen zu reduzieren und um die vom Güterverkehr verursachten Treibhausgase zu verringern.

Sind Sie an sämtlichen Ergebnissen der VCÖ-Fachpersonenbefragung interessiert? Diese finden Sie hier.

Quellen

Quellen

1 Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK): Masterplan Güterverkehr, Wien: 2023. Weblink
2 WIFO: Der Güter- und Personenverkehr auf der Straße, Wien: 1952. Weblink
3 Statistik Austria 2025. Weblink
4 Umweltbundesamt: Analyse der externen Kosten des Schwerverkehrs am Autobahn- und Schnellstraßennetz in Österreich, Wien: 2023. Weblink
5 Marco Mitterböck (Innofreight Solutions): Intermodal - mit E-Lkw zur Schiene. Präsentation bei der VCÖ-Fachveranstaltung E-Lkw - Blick in die Praxis. Weblink
6 Anschlussbahn REP GmbH Schwarzach im Pongau. Projekt ausgezeichnet beim VCÖ-Mobilitätspreis 2024. Weblink
7 Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Statistik: Modalsplit im Personen- und Güterverkehr, in Prozent. 2025. Weblink

 

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