Maßnahmenpaket „Spritverbrauchsbremse“ für Versorgungssicherheit
Von Michael Schwendinger (VCÖ - Mobilität mit Zukunft), Mai 2026
Die Lage ist ernst. Anfang März wurde beim Wirtschaftsministerium eine „Taskforce Versorgungssicherheit" eingerichtet.1 Bundesminister Wolfgang Hattmannsdorfer nennt Versorgungssicherheit als oberstes Ziel und verweist darauf, Europa schon ab Mai mit einer Angebotsverknappung bei Diesel und Kerosin rechnen muss.2 Die aktuelle Situation zeigt deutlich: Wer Versorgungssicherheit und mehr Unabhängigkeit von globalen Krisen will, muss – neben dem konsequenten Ausbau Erneuerbarer Energieproduktion – Maßnahmen zur Reduktion des Spritverbrauchs umsetzen. Die gute Nachricht: Optionen gibt es viele, wie ein Blick auf unterschiedliche Handlungsbereiche zeigt.
1. Tempolimits
Effektiv, rasch und relativ kostengünstig umzusetzen: die Reduktion des Tempolimits auf Autobahnen und Schnellstraßen auf 100 km/h und auf Freilandstraßen auf 80 km/h bringt laut Umweltbundesamt eine jährliche Einsparung von rund 270 Millionen Litern Treibstoff.3Den Autofahrerinnen und Autofahrern bringt das bei aktuellen Spritpreisen eine finanzielle Entlastung von in Summe mehr als 500 Millionen Euro pro Jahr. Großer Zusatznutzen: die Verkehrssicherheit steigt, schwere Unfälle werden verhindert, zahlreiche Menschenleben Jahr für Jahr gerettet. Auch wenn Tempolimits oft kontrovers und emotional diskutiert werden – die Praxis zeigt, dass die Verkehrssicherheit sowie auch die Akzeptanz nach Umsetzung und Sichtbarkeit der positiven Effekte steigt, egal ob in Tirol nach Umsetzung von Tempo 80 auf Freilandstraßen in den Jahren von 1990 bis 1993, in Graz nachdem im September 1992 weitgehend Tempo 30 auf Gemeindestraßen umgesetzt wurde, in Frankreich nach Reduktion von Tempo 90 auf 80 auf Freilandstraßen im Jahr 2018 oder den Niederlanden, wo seit März 2020 auf Autobahnen tagsüber Tempolimit 100 gilt.4,5,6,7,8 Niedrigere Tempolimits alleine werden uns natürlich nicht aus der Erdölfalle befreien. Eine Maßnahme mit in Summe besserem Kosten-Nutzen-Verhältnis wird aber kaum zu finden sein – wie auch verkehrswissenschaftliche Institutionen seit Jahren betonen.9,10
2. Fahrgemeinschaften
In 100 Autos sitzen in Österreich durchschnittlich 114 Personen, im Pendelverkehr sind es mit 108 Personen noch weniger. Gelingt es den Besetzungsgrad zu erhöhen, werden nicht nur Staus und der Energieverbrauch reduziert, sondern Autofahrende können sich die Kosten aufteilen. Wie die Bildung von Fahrgemeinschaften gefördert werden kann, hat die Bundesregierung bereits im Jahr 2023 in einem umfassenden Strategiepapier erarbeitet.11 Konkret bräuchte es etwa eine zuständige Verwaltungsstelle (ähnlich der OneMobility GmbH zur Abwicklung des Klimatickets Österreich), eine bundesweite Online-Plattform zum Suchen und Finden von Mitfahrgelegenheiten, einen Umsetzungsplan für privilegierte Fahrgemeinschaftsstellplätze an Umsteigeknoten des Öffentlichen Verkehrs und am hochrangigen Straßennetz sowie Anpassungen beim gesetzlichen Rahmen in Bezug auf Fahrtkostenentschädigung und Sachbezug. Zusätzlich ist das Potenzial von für Fahrgemeinschaften (und Busse) reservierte Fahrstreifen zu nutzen. Beispiele dafür gibt es bereits, wie in Oberösterreich die Rohrbacher Straße B127 bei Puchenau, wo es einen Fahrstreifen für „mehrfach besetzte Kraftfahrzeuge" (mbK-Streifen) bereits seit den 1990er Jahren gibt.12 In den USA gibt es mehr als 100 solcher Fahrspuren im Umfeld von Ballungsräumen, die erste wurde im Jahr 1973 umgesetzt.13 In Brüssel wurde eine solche im Jahr 2019 umgesetzt, Paris folgte 2025, Madrid Anfang 2026.14,15,16,17 Frankreich gilt beim Thema Mitfahren generell als Vorbild, im Jahr 2023 wurde ein Plan für Fahrgemeinschaften im Alltag inklusive finanzieller Anreize, Bewusstseinsbildung und infrastruktureller Anpassungen vorgelegt.18 Österreich sollte dem Beispiel dringend folgen – zumal sich auch eine Mehrheit der Bevölkerung dafür ausspricht und wir uns zudem im Rahmen des Nationalen Energie- und Klimaplans bereits verbindlich zur Umsetzung von Maßnahmen in diese Richtung verpflichtet haben.19,20
3. Öffentlicher Verkehr
Der Öffentliche Verkehr ist das zentrale Rückgrat nachhaltiger Mobilität und leistet in Krisenzeiten wie diesen einen unverzichtbaren Beitrag zur Mobilitätsversorgung. Mit der „Kennenlern-Aktion" des Klimatickets Österreich im Mai und Juni 2026 mit verkürzter Vertragsbindung auf zwei Monate setzte Bundesminister Peter Hanke einen Schritt in die richtige Richtung.21 Weitere Maßnahmen sollten folgen. Eine Möglichkeit wäre, durch Zuschüsse von Arbeitgebern vergünstigte Öffi-Jobtickets für Beschäftigte anzubieten – solche „Firmen-Abo"-Modelle mit 25 Prozent Arbeitgeber-Zuschuss gibt es etwa in Baden-Württemberg und Brandenburg.22,23 Auch Kooperationsmodelle zwischen Öffentlichem Verkehr und Werksbussen von Unternehmen sind denkbar. Einen sehr erfolgreichen Werksbus betreibt etwa das Chemie-Unternehmen Wacker direkt an der oberösterreichischen Grenze in Burghausen für 4.200 Beschäftigte.24 Einen öffentlich mitnutzbaren Shuttle-Bus bietet etwa das Institute of Science and Technology Austria von Wien nach Klosterneuburg an.25Ein anderes Anreiz-Modell zum Umstieg auf den Öffentlichen Verkehr startet gerade in Luzern: für 1.000 Menschen gibt es eine Test-Aktion, bei der für einen Monat das Privat-Auto stehen gelassen und stattdessen auf den Öffentlichen Verkehr und Sharing-Angebote umgestiegen wird.26 Auch nach diesem Monat reduzieren sich die per Auto zurückgelegten Kilometer signifikant, wie bereits umgesetzte Beispiele in Bern, Winterthur und Basel zeigen.27 In Wien gab es im Jahr 2025 ein Pilot-Projekt, in Baden startet eines im Mai 2026 – einer Ausweitung auf andere Ballungsräume steht nichts im Wege.28,29
Ein anderer Hebel ist die verstärkte Priorisierung von Bussen auf stark belasteten Pendelrouten. Im Jahr 2025 ging auf der A12-Inntalautobahn ein Pilotprojekt in Betrieb, bei dem Busse den Pannenstreifen mitnutzen können.30 Ebenfalls im Jahr 2025 startete ein Pilotprojekt, bei dem bis 2027 eine Bushaltestelle auf der A2-Südautobahn für Schnellbusse geschaffen wird.31 Auch auf Landesstraßen gibt es Beispiele für Busstreifen, auf denen der Öffentliche Verkehr am Stau vorbeifahren kann. Sinnvoll wäre eine bundesweite Potenzialanalyse, sodass auf stark belasteten Abschnitten rasch Busspuren zur Attraktivierung des Öffentlichen Verkehrs umgesetzt werden können – idealerweise kombiniert mit Verstärkerbussen zu Pendelzeiten, um Beschäftigten während der Krise Angebote zum Umstieg zu machen.
4. Elektrifizierung
Ein mittelfristig zentraler Hebel für die Befreiung aus der Erdölfalle ist der beschleunigte Umstieg auf Elektro-Fahrzeuge – wie auch der Mobilitätsmasterplan 2030 festhält.32 In Österreich lag der E-Pkw-Anteil bei den Neuzulassungen im 1. Quartal 2026 bei 22,5 Prozent, was im EU-Vergleich nur Platz 11 bedeutet.33In Dänemark lag der E-Pkw-Anteil im 1. Quartal bei 80 Prozent, bei Privatpersonen erreichte er sogar mehr als 90 Prozent – was vor allem mit klaren, verlässlichen Rahmenbedingungen und hohen Zulassungssteuern bei Pkw mit Verbrennungsmotor und umgekehrt Steuervorteilen für E-Pkw zu erklären ist, ganz ohne kostspielige Verkaufsförderungen.34 Frankreich plant nach 2024 und 2025 im Jahr 2026 angesichts der Energiekrise die dritte Auflage des „Social Leasing"-Programms, bei dem insbesondere Pendlerinnen und Pendler mit geringem Einkommen beim Umstieg auf effiziente E-Pkw finanziell unterstützt werden.35
Für einen höheren Anteil an E-Pkw besonders relevant sind Firmenwagen, zumal in Österreich knapp zwei Drittel der Neuzulassungen auf juristische Personen angemeldet werden und der E-Pkw-Anteil dabei mit rund 24 Prozent nur geringfügig über dem allgemeinen Durchschnitt liegt.36 Ein diesbezügliches Vorbild ist Belgien, wo sich der E-Auto-Anteil von 10 Prozent im Jahr 2022 auf 34 Prozent im Jahr 2025 in kurzer Zeit mehr als verdreifacht hat und im Jahr 2025 bereits 89 Prozent der neuen E-Pkw von Firmen angemeldet wurden. Gelungen ist dies unter anderem durch eine Änderung der steuerlichen Absetzbarkeit von Firmenwagen, die sich für im Zeitraum von 2023 bis 2025 neu angeschaffte Pkw mit Hybrid- oder Verbrennungsmotor von 100 Prozent im Jahr 2024 schrittweise auf null Prozent ab dem Jahr 2028 reduziert, während E-Pkw bis Ende 2026 weiterhin voll abgeschrieben werden können.373839 Auch im Bereich Nutzfahrzeuge lässt sich die Elektrifizierung effektiv vorantreiben, wie das Beispiel der Niederlande zeigt. Im Jahr 2025 führten 18 Städte sogenannte „Zero Emission Zones" für die Güterlogistik ein. Der Anteil der neu zugelassenen Elektro-Nutzfahrzeuge zwischen 3,5 und 12 Tonnen hat sich von rund 8 Prozent im Jahr 2024 auf 72 Prozent im Jahr 2025 vervielfacht.40 In Österreich fehlt bisher die gesetzliche Grundlage, um Null-Emissionszonen einzuführen – obwohl es eine mehrheitliche Zustimmung der Bevölkerung gibt.41 Generell braucht es eine umfassende Elektrifizierungsstrategie mit klarer Kommunikation und verlässlichen Rahmenbedingungen inklusive lenkungswirksamen fiskalischen Vorteilen für Elektro-Fahrzeuge, die Planungssicherheit für Private und Unternehmen schafft.
Nichts tun ist keine Option
Zwei Energiekrisen innerhalb von vier Jahren zeigen deutlich, dass Österreich ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Reduktion der Erdöl-Abhängigkeit braucht. An konkreten Handlungsfeldern, Strategiepapieren und internationalen Beispielen mangelt es glücklicherweise nicht. Auch über die hier angesprochenen Maßnahmenbereiche hinaus gibt es noch viele weitere Themen mit Spritspar-Potenzial – von der Förderung bewegungsaktiver Mobilität, über die Reform klimaschädlicher Subventionen bis hin zu Maßnahmen im Bereich Güterverkehr und Flugverkehr. Für welchen Maßnahmen-Mix sich die Bundesregierung auch entscheidet – wichtig ist, dass wir rasch ins Tun kommen, denn die nächste Energiekrise kommt (zusätzlich zur ungelösten Klimakrise) bestimmt.
Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) et al.: Umfrage zu Tempo 80. Einstellung der Tiroler Verkehrsteilnehmer zur Geschwindigkeitsbegrenzung 80 km/h. Innsbruck: 1993.
BMIMI: Sharing Strategie im Personen-Mobilitätsbereich. Eine Umsetzungsstrategie des Mobilitätsmasterplans 2030 für das Teilen von Fahrzeugen (Sharing) und Fahrten (Mitfahren). Wien: 2023.
U.S. Department of Transportation, Federal Highway Administration: 2024 National Inventory of Specialty Lanes and Roads: Technical Report. Washington, DC.: Dezember 2024.
The International Council on Clean Transportation (ICCT): Race to Zero: European Heavy-Duty Vehicle Market Development Quarterly (January–December 2025). 11.3.2026.
In den Jahren 2017 bis 2022 wird im „Sonnengarten Limberg“ am Rand von Zell am See ein Wohnbau mit Fokus auf Energieeffizienz, Barrierefreiheit und Mobilität errichtet.