Aktive Mobilität rechnet sich

Zwei Frauen beim Einkaufen am Markt mit Fahrrad und zu Fuß.

Mehrere Studien belegen: Wer zu Fuß geht oder Rad fährt, spart nachweislich Kosten – für Betriebe, das Gesundheitssystem und die Volkswirtschaft insgesamt. Der ökonomische Nutzen von aktiver Mobilität ist hoch.

Von Doris Neubauer

Die positiven Auswirkungen aktiver Mobilität auf Lebensqualität, Gesundheit und Klimaschutz sind weithin bekannt. Weniger sichtbar, aber mindestens ebenso relevant ist ihr ökonomischer Nutzen. Darauf verweist eine im Jahr 2025 veröffentlichte Studie des Finnischen Instituts für Arbeitsmedizin, die Daten von mehr als 28.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst analysierte. Ihr Ergebnis: Personen, die regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit pendeln, verzeichnen im Durchschnitt 4,5 Krankheitstage weniger pro Jahr als andere Pendelnde. Gleichzeitig sinkt ihr Risiko für längere Krankenstände deutlich – bei Vielradelnden sogar um bis zu 18 Prozent. Hochgerechnet konnten pro 100 besonders aktiven Pendlerinnen und Pendler jährlich 452 Krankheitstage und zehn längere Krankheitsphasen vermieden werden.

Ähnliche Ergebnisse liefern Studien aus den USA, Großbritannien und den Niederlanden. Sie zeigen, dass Menschen, die zu Fuß gehen oder Rad fahren, im Schnitt ein bis zwei Tage pro Jahr weniger fehlen als Mitarbeitende, die überwiegend mit dem Auto unterwegs sind. Für Unternehmen bedeutet das geringere Lohnfortzahlungskosten und eine stabilere Produktivität. Bereits im Jahr 2009 wurde im Auftrag des niederländischen Verkehrs- und Gesundheitsministeriums berechnet, dass Betriebe in den Niederlanden  durch eine stärkere Förderung des Radpendelns konservativ geschätzt rund 27 Millionen Euro pro Jahr einsparen könnten.

Hoher ökonomischer Nutzen

Der gesundheitliche Nutzen aktiver Mobilität ist jedoch nicht nur auf betriebswirtschaftlicher Ebene relevant. Auch volkswirtschaftlich ist er erheblich, schließlich verursacht Autofahren hohe soziale Kosten für die Gesellschaft. Darunter fallen medizinische Behandlungen genauso wie der Straßenverschleiß. Je mehr Wege deshalb zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Tretroller erledigt werden, umso besser. Das hat 2023 eine Studie eines internationalen Forscherteams berechnet. „Pro zurückgelegtem Kilometer ist der monetäre Wert der gesundheitlichen Vorteile aktiver Mobilität um das 10- bis 100-Fache höher als die sozialen Kosten, die durch Luftverschmutzung, CO2-Emissionen, Staus und Unfälle des Kfz-Verkehrs entstehen“, fasst Linus Mattauch von der Technischen Universität Berlin ein zentrales Ergebnis einer Studie zusammen, die er im Jahr 2023 gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam vorlegte.

Der gesundheitliche Nutzen des Gehens und Radfahrens sei für die Gesellschaft so hoch, dass er auch bei der Ausgestaltung der Kraftstoffsteuer berücksichtigt werden sollte. Für die USA ergab die Studie, dass optimale Spritsteuern angesichts der gesundheitlichen Effekte um 44 Prozent höher liegen müssten, im Vereinigten Königreich um 38 Prozent. In Österreich und Deutschland wäre der Effekt laut Mattauch zwar geringer, sollte aber dennoch – ebenso wie andere Elemente nachhaltiger Verkehrsplanung – stärker mitgedacht werden. Zumal hierzulande nur rund ein Viertel der Bevölkerung das von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Mindestmaß an Bewegung erreicht. Die daraus resultierenden Kosten für das Gesundheitssystem werden auf bis zu 2,4 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Der ökonomische Nutzen von Rad- und Fußverkehr geht aber weit über Krankenstände und Behandlungskosten hinaus. „Es gibt einige Studien zu den Auswirkungen aktiver Mobilität auf das Kaufverhalten“, erklärt Alexandra Anderluh, Senior Researcher am Carl Ritter von Ghega Institut für integrierte Mobilitätsforschung. „Wenn ich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bin, kaufe ich tendenziell weniger, aber dafür öfter ein.“ Eine steigende Passantenfrequenz in verkehrsberuhigten Straßen kann die Umsätze mittelfristig um 10 bis 15 Prozent erhöhen. In Wiener Einkaufsstraßen wird der zusätzliche Umsatz pro Person auf rund 27 Euro geschätzt.

Diese Wechselwirkungen zwischen Rad- und Fußverkehr, Gesundheit und Wirtschaft quantitativ zu erfassen und ein Bewertungsinstrument für Politik und Verkehrsplanung zu entwickeln, waren die Ziele des Projekts „Effects“ aus dem Jahr 2022. Allerdings ist die Datenlage speziell für Österreich nach wie vor dünn. Studien zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Radverkehrs sowie Untersuchungen zum Fußverkehr sind rar, internationale Arbeiten lassen sich nur eingeschränkt direkt auf Österreich übertragen. „Noch schwieriger ist die Bewertung von Krankheitskosten“, so Anderluh. „Bei den Behandlungskosten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa gibt es große Schwankungsbreiten.“ Zudem entfalten viele Maßnahmen ihre Wirkung vor allem auf lokaler Ebene: „Wenn der Radverkehr in einer Region um acht Prozent steigt, ist das für Gesamtösterreich betrachtet nur gering sichtbar.“

Investitionen, die sich auszahlen

Das Projekt hat jedoch vor allem eines gezeigt: Wirksame Maßnahmen zur Förderung aktiver Mobilität müssen nicht zwangsläufig kostspielige oder langjährige Infrastrukturprojekte sein. „Es gibt viele vergleichsweise günstige Maßnahmen mit ähnlich hohen ökonomischen und gesundheitlichen Effekten“, betont Anderluh. Dazu zählen etwa Lückenschlüsse im Radwegenetz, bessere Beleuchtung oder sichere Querungen. Eine wichtige Rolle spielen auch bewusstseinsbildende Maßnahmen, die bereits bei Kindern ansetzen. Solche niederschwelligen Ansätze können ein zentraler Hebel sein, um aktive Mobilität zu fördern, das Gesundheitssystem zu entlasten und damit langfristig auch die Volkswirtschaft zu stärken.

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