Bahnindustrie: Weltmarktführer kommen aus Österreich

Mann mit Schutzhelm bedient eine Maschine in einer Produktionsstätte für Züge

Vorreiter im Export und in Forschung und Entwicklung: Österreich ist pro Kopf Spitzenreiter in der Bahntechnologie. Auf dem Erfolg wollen sich die Unternehmen nicht ausruhen — und fordern dasselbe auch von der Politik.

Von Doris Neubauer

Pro Person und Jahr werden in Österreich 2.160 Kilometer mit Bahn, Bim und U-Bahn zurückgelegt – doppelt so viel wie im EU-Schnitt. Seinem Ruf als Bahnland wird Österreich auch wirtschaftlich gerecht: Knapp 28.000 Arbeitsplätze und eine Gesamtwertschöpfung von fast 2,7 Milliarden Euro sind laut „Austrian Rail Report 2023“ der heimischen Bahnindustrie direkt und indirekt zuzuschreiben.

Doch nicht nur die ÖBB-Railjets und U-Bahn-Züge in Wien wurden in Österreich gebaut. Schienenfahrzeuge in Berlin, U-Bahnen in München, London, Riad oder Bangkok und Straßenbahnen an der australischen Gold Coast – sie alle sind „Made in Austria”. Und auch bei Schienen und Weichen, bei Fahrwerken, im Bereich von Software, Signaltechnik und Prüfgeräten sind die Produkte und Dienstleistungen heimischer Unternehmen der Bahnindustrie und Bahntechnologie „weltweit gefragt”, weiß Anil W. Rai, Geschäftsführer des Verbands der Bahnindustrie Österreichs.

Export-Spitzenreiter Österreich

Die Zahlen sind tatsächlich beeindruckend: Mit 1,83 Milliarden Euro liegt Österreich bei den Exporten weltweit auf dem vierten Platz. „Pro Kopf sind wir sogar Spitzenreiter”, verweist Rai darauf, dass die Plätze eins bis drei von den wirtschaftlichen Großmächten Deutschland, China und den USA besetzt sind. „Auch im Bereich Forschung und Entwicklung ist Österreichs Leistung herausragend: Kein anderes Land der EU investiert so viel in diese Bereiche“, ergänzt Rai. Pro Kopf fließen hierzulande 13,1 Euro in Forschung und Entwicklung. Erst mit großem Abstand folgen Tschechien mit 3,9 Euro und Deutschland mit 3,3 Euro. Das zeigt sich auch in der Anzahl der Patente in der Bahnindustrie: Mit durchschnittlich 85 angemeldeten Erfindungen pro Jahr befindet sich Österreich im Europavergleich auf dem dritten Platz.

31 dieser Innovationen wurden im Jahr 2023 von Plasser & Theurer Bahnbau-Technologien beim Österreichischen Patentamt angemeldet. Damit belegt das Familienunternehmen Platz drei im österreichweiten Ranking und wird seinem Ruf als Impulsgeber für den technologischen Fortschritt im Gleisbau gerecht. Eine Konstruktionsmethode für U-Bahn-Fahrzeuge und zwei Patente zur stark verbesserten Fahrgastsicherheit in Nachtreisezügen zählen wiederum zu den mehr als 130 Erfindungen, die „Siemens Mobility Austria” in den letzten drei Jahren angemeldet hat und seither in seinen Werken in Wien und Graz produziert. Traktionssysteme Austria (TSA), im niederösterreichischen Wiener Neudorf beheimatet, hat es zur globalen Marktführerschaft im Bereich elektromechanischer Antriebe für Schienen- und Straßennutzfahrzeuge geschafft. Das Wiener Unternehmen Kruch Railway Innovations konnte sich als Spezialist für Signalbau und Fahrleitungsbau in der Spitzengruppe der internationalen Bahninfrastrukturanbieter etablieren – mit einer Exportquote von mehr als 50 Prozent.

Viele Erfolgsgeschichten

In der steirischen Landeshauptstadt Graz ist mit der Unternehmensgruppe PJM ein weiterer Innovationstreiber dieser Branche beheimatet: Im Jahr 2006 von Martin Joch und Günter Petschnig als Prüfstelle für den Schienenverkehr gegründet, kümmert sich das mittlerweile auf mehrere Unternehmen verteilte 75-köpfige Team heute um „alles, was auf der Schiene unterwegs ist”, wie Gründer Joch den Rundum-Service für die Zulassung von neuen sowie modernisierten Schienenfahrzeugen beschreibt. So führt die PJ Messtechnik GmbH als akkreditierte Prüfstelle nach ISO/IEC 17025 weltweit Tests für die Zulassung von Schienenfahrzeugen durch: von den neuen Nightjets und der dreiteiligen Rettungszugflotte der ÖBB über die Rhätische Bahn in der Schweiz, vom Panoramawagen Rocky Mountaineer in Kanada bis zu den S-Bahnen in Berlin und den U-Bahnen in Riad, Chicago sowie London. Internationale Projekte machen 50 Prozent des Geschäfts aus.

Noch höher, nämlich bei 92 Prozent, liegt der Ausfuhranteil im Bereich der PJ Monitoring GmbH. Als „Exportschlager” gilt das vom Unternehmen entwickelte „WaggonTracker-System”: „Am Lkw kann man die Fracht jederzeit nachverfolgen. Dieses Service muss man auch auf Schiene anbieten. Dafür sind Monitoring und Tracking erforderlich”,
erklärt Joch. Beides liefert das WaggonTracker-System für Kunden wie Transwaggon, die Lenzing AG oder SBB Cargo und automatisiert zudem sonst sehr aufwändige Prozesse wie Verladung oder Bremsprobe. Das trage dazu bei, den Güterverkehr – auch der Umwelt zuliebe – von der Straße auf die Schiene zu bringen.

„Ich sehe keinen Bereich ohne Wachstum”, ortet der Unternehmer großes Potenzial für die Bahnindustrie: Um den Verkehrszuwachs durch die weltweite Urbanisierung der Bevölkerung zu bewältigen, müssten vorhandene Strecken effizienter ausgelastet werden. Fahrzeugflotten müssten modernisiert und für die älter werdende Gesellschaft barrierefrei zugänglich gemacht werden, nennt er ein paar Beispiele. Die zunehmende Vernetzung von Verkehrsträgern stehe noch ganz am Anfang, und auch bei der Elektrifizierung der Strecken sei noch einiges zu tun.

„Wenn man sich in dieser Nische richtig positioniert, ist für Österreich viel zu holen”, ist Joch von der Zukunftsfähigkeit dieser „sinnvollen, nachhaltigen Branche“ überzeugt. Die heimische Bahnindustrie habe nicht zuletzt wegen der zahlreichen Ausbildungsstätten und heimischen Unternehmen international einen sehr guten Ruf. Diesen gelte es zu bewahren und auszubauen. „Es wäre katastrophal, wenn man das nicht vorantreibt”, warnt er davor, dass das Know-how im Bereich Schienenfahrzeuge verloren gehen könnte.

„Die Weltmarktführer von heute kommen aus Österreich, das soll auch morgen so bleiben”, ergänzt Interessenvertreter Anil W. Rai. Dafür brauche es Änderungen der Rahmenbedingungen. Neben verstärkten Investitionen in öffentliche Verkehrsmittel setzt er sich vor allem für eine Vergaberechtsreform ein. Ein „Buy-European-Bekenntnis von 50 Prozent” im öffentlichen Bereich könnte heimische Unternehmen stärken. Bleiben hingegen alleine die Preise das dominante Thema, könnte China der heimischen Industrie aufgrund staatlich subventionierter wettbewerbsverzerrender Preise davonfahren.

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Foto: Spencer Imbrock, unsplash