Begrünung statt Autoverkehr liegt international im Trend

Eine begrünte Straße in der Stadt Mechelen

Entsiegelungsprojekte, autofreie Straßen und vor allem ganz viel Grün: Paris, Mechelen und Medellín gehen mit mutigen Lösungen voran, um den urbanen Raum klimafit zu machen.

Von Doris Neubauer

Im Jahr 2050 könnte Paris Sommertemperaturen von mehr als 50 Grad Celsius erreichen. Um dem entgegenzuwirken, setzt Frankreichs Hauptstadt auf „rund 400 konkrete Maßnahmen”, berichtet Ian Gorog, Büroleiter des zuständigen Vizebürgermeisters Dan Lert. „Begrünung ist der wichtigste Ansatz”, verweist er auf das Ziel, bis zum Jahr 2026 etwa 170.000 Bäume in Paris zu pflanzen. 120.000 wurden in den letzten vier Jahren bereits eingesetzt. Wo früher Autos durch Kreisverkehre fuhren, sorgen jetzt Stadtwälder und Regenwasserbrunnen für kühlere Aufenthaltsräume. „Auch das Flussufer der Seine wurde vollständig für Gehende, Freizeitaktivitäten, Veranstaltungen und Ausstellungen umgestaltet”, ergänzt Gorog. Mehr als 220 der über 6.000 Pariser Straßen sind mittlerweile autofrei. In einem Referendum im März 2025 stimmte eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger für die Umgestaltung von 500 weiteren Straßen. Bis zum Jahr 2030 möchte die Stadt die Anzahl der Pkw-Abstellplätze im öffentlichen Straßenraum auf 60.000 halbieren. „Bisher gibt es schon 20.000 weniger”, nennt Gorog Zahlen. Die Auswirkungen dieser konsequenten Politik sind beeindruckend: die Feinstaubbelastung ist in den letzten 20 Jahren um 55 Prozent zurückgegangen, die Belastung mit Stickstoffoxid um 50 Prozent. Während im Jahr 2019 noch 400.000 Menschen im Großraum Paris einer über den Grenzwerten liegenden Belastung von Stickstoffdioxid ausgesetzt waren, sank diese Zahl im Jahr 2023 auf 5.000.

Mehr Platz für aktive Mobilität

Auf mehr Grün setzt auch Mechelen. Die belgische Stadt hat am inneren Stadtring Autoabstellplätze durch einen Park mit Bänken und Bäumen ersetzt. Die Ringstraße mit zwei bis drei Fahrspuren in jede Richtung wurde schrittweise in eine Einbahnstraße mit Grünflächen, Rad- und Fußwegen sowie einem Kinderspielplatz umgewandelt. „Wir haben versucht, mehr Grün und mehr Raum für Aktivitäten zu schaffen”, sagt Veerle De Meyer, Projektkoordinatorin im Mobilitätsteam der Stadt mit 90.000 Einwohnenden. Die Parkgarage unter dem Stadtring ist als Übergangslösung gedacht und kann auch für Fahrradabstellplätze genutzt werden. Seit dem Jahr 2019 investiert Mechelen massiv in die Rad-Infrastruktur: Dazu gehören Radwege, vier Fahrradbrücken und ein durchgehender Fahrradschnellweg zwischen Antwerpen und Brüssel. Zusätzlich wird aktive Mobilität durch eine autofreie Zone in der Innenstadt und eine Fahrrad-Vorrangzone im Stadtzentrum gefördert. „58 Prozent verwenden seither ihr Auto tatsächlich weniger”, zitiert De Meyer eine Umfrage, „41 Prozent sagen, sie fahren öfter Rad, elf Prozent gehen mehr zu Fuß.” Reibungslos sei diese Transformation jedoch nicht verlaufen. Trotz intensiver Bürgerbeteiligung steige die Zustimmung erst hinterher, wenn sich die positiven Auswirkungen zeigen.

Grüne Korridore in Medellín

Auch in Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens, war die öffentliche Unterstützung für das Programm „Grüne Korridore” in seinen Anfängen im Jahr 2016 „sehr schwach”, erklärt Jaime Naranjo, Minister für Infrastruktur. Dabei litt die Bevölkerung schon damals unter der zunehmenden Hitze und hoher Luftverschmutzung. In der Metropolregion waren im Jahr 2016 rund 2.000 vorzeitige Todesfälle auf Umweltverschmutzung zurückzuführen. Die Stadt reagierte mit einer umfangreichen Begrünungsaktion: Mehr als 30 mit Bäumen und Pflanzen versehene Korridore wurden errichtet, darunter 20 Kilometer beschattete Rad- und Fußwege. Diese verbinden 124 Parks, vertikale Gärten, Bäche und nahegelegene Hügel. Mit mehr als 880.000 neuen Bäumen und 2,5 Millionen Pflanzen wurde die Grünfläche Medellíns auf vier Millionen Quadratmeter vergrößert. Der Effekt ist in der gesamten Stadt spürbar: In den ersten drei Jahren des Projekts hat sich die Temperatur um etwa zwei Grad Celsius verringert. Mittlerweile werden diese Maßnahmen von der anfangs skeptischen Bevölkerung Medellíns geschätzt. Wichtig war, die Menschen in Workshops, Arbeitsgruppen und Bürgerbefragungen von Anfang an einzubinden. Zudem können sich die Bürgerinnen und Bürger an Baum- Pflanztagen aktiv an der Begrünung ihrer Stadt beteiligen.

„Die nächsten Schritte im Bereich Klimaanpassung und nachhaltige Mobilität zielen in erster Linie auf den strategischen Ausbau nachhaltiger Mobilitätsnetze und öffentlicher Verkehrssysteme ab”, ergänzt Alejandro Restrepo, Stadtarchitekt von Medellín. Schon heute sind 86 Prozent der 1,2 Millionen Menschen in der Innenstadt autofrei unterwegs. Deshalb soll „das Verhältnis der für Kraftfahrzeuge vorgesehenen Straßen zu den für Gehen und Radfahren reservierten Straßen schrittweise ausgeglichen werden”. Zudem sollen die Stadtteile durch nachhaltige Mobilitätsangebote besser miteinander verbunden werden. „Elektrobusse, Straßenbahnen, Rad- und Gehwege sind der Weg in die Zukunft”, ist Restrepo überzeugt. Die Forcierung von Öffentlichem Verkehr und aktiver Mobilität ist in doppelter Hinsicht ein Gewinn: Der Treibhausgas- und Schadstoffausstoß des Verkehrs wird reduziert und die Reduktion der für die Autos genutzten Fläche schafft Raum für Begrünung, für kühlere Orte mit besserer Luft.

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