Der aktive Weg zur Gesundheit

Zwei Kinder laufen nebeneinander auf dem Gehweg zur Schule

Zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Schule oder in die Arbeit, mit dem E-Bike in den Supermarkt – aktive Mobilität als Teil der Alltagswege ist keine Frage des Alters. Die Vorteile für Wohlbefinden und Gesundheit sind für alle Altersgruppen vielfach belegt.

Von Bernhard Hachleitner

Regelmäßige körperliche Aktivität zählt zu den wirksamsten ‚Medikamenten‘, die wir kennen, mit erstaunlich breitem Nutzen. Sie senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und zahlreiche Krebserkrankungen. Gleichzeitig stärkt Bewegung Muskeln, Knochen und Gelenke, unterstützt ein gesundes Körpergewicht und verbessert die Stoffwechselregulation“, sagt Robert Fritz. Als besonders empfehlenswerte Beispiele nennt der medizinische Leiter der Sportordination in Wien „ausdauerorientierte Bewegungsformen wie Gehen, Radfahren, Schwimmen oder Joggen – idealerweise ergänzt durch kräftigende Übungen, um Muskelabbau vorzubeugen.“ Das heißt aber nicht, dass wir ein Abo für das nächste Fitness-Studio buchen oder unbedingt eine regelmäßige Joggingrunde machen müssen – auch wenn natürlich nichts dagegenspricht.

Mediziner Robert Fritz: „Gerade im Alltag steckt enormes Potenzial: Gehen und Radfahren lassen sich sehr einfach in den Alltag integrieren und stellen gleichzeitig sehr effektive Bewegungsformen dar.“ Die Wege zur Arbeit, zum Einkaufen oder in die Schule bieten sich an, weil sich damit Bewegung ohne zusätzlichen Zeitaufwand einbauen lässt. „Wer regelmäßig zu Fuß geht oder das Fahrrad nutzt, sammelt über den Tag hinweg wertvolle Bewegungsminuten, die sich positiv auf Herz, Kreislauf und Stoffwechsel auswirken“, so Fritz. Besonders wichtig ist die Regelmäßigkeit der Bewegung – und gerade die ist bei Alltagswegen gegeben. Es müssen keine riesigen Strecken sein, bereits 30 Minuten Gehen oder 20 Minuten Radfahren an mehreren Tagen pro Woche können das Sterberisiko um mindestens zehn Prozent senken, wie der Bericht „Zufußgehen und Radfahren: neueste Erkenntnisse zur Unterstützung von Politikgestaltung und Praxis“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt. Ein aktiver Schul- oder Arbeitsweg reduziert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um zehn Prozent, das für Typ-2-Diabetes sogar um 30 Prozent.

Der Schulweg als Kraftquelle

Die positive Wirkung von Bewegung ist keine Frage des Alters, auch bei Kindern gilt: Bewegung umfasst nicht nur sportliche Aktivitäten, sondern auch das aktive Spielen in Innen- und Außenbereichen sowie die aktive Mobilität. Großes Potenzial bietet in dieser Hinsicht der Schulweg, schon deshalb, weil er (fast) jeden Tag zurückgelegt wird. „Wenn Kinder ihren Schulweg aktiv gestalten, sei es zu Fuß, mit dem Roller oder Fahrrad, sammeln sie bereits den ersten wichtigen Bewegungsbaustein in ihrem Alltag“, sagt Elisabeth Happ. Die Sportwissenschafterin im Bereich Aktive Mobilität an der Universität Innsbruck hat unter anderem eine Studie in Tirol geleitet, die sich mit der Bedeutung von Bewegung von Kindern im Alltag befasste und untersuchte dabei auch das Thema des aktiv zurückgelegten Schulwegs. „Jeder einzelne Bewegungsbaustein, den ein Kind am Tag sammelt, ist wertvoll für die Entwicklung. Es geht dabei nicht nur um die positiven körperlichen Effekte. Kinder lernen Verantwortung zu übernehmen und im Alltag kleine Hürden selbst zu meistern. Auch das soziale Miteinander mit anderen Kindern gehört dazu – und das prägt fürs Leben.“ Trotzdem werden viele Kinder mit dem Elterntaxi zur Schule gebracht. „Wenn Kinder ihren Schulweg aktiv bewältigen und nicht von den Eltern mit dem Auto gebracht werden, überwiegen die positiven Aspekte – auch bei möglichen Gefahrenstellen am Schulweg, wie fehlende Gehwege oder gefährliche Kreuzungen.“

Sicher aktiv mobil

Das heißt aber nicht, die tatsächlichen Probleme für Kinder in einer oft immer noch auf das Auto zugeschnittenen Umgebung zu ignorieren. Durch Initiativen wie dem „Pedibus“ oder dem „Bicibus“ lernen Kinder in Gruppen, begleitet von Erwachsenen, wie sie den Schulweg zurücklegen können – bis sie sicher genug sind, den Weg eigenständig zu meistern. „Solche Angebote fördern Bewegung, Gemeinschaft und Selbstvertrauen und machen zugleich deutlich: Kinder brauchen Raum im Straßenverkehr, um selbständig und aktiv mobil zu sein“, sagt Elisabeth Happ. „Dabei ist es auch wichtig, die Gemeinden einzubinden, um potenzielle Gefahrenstellen am Schulweg gezielt zu entschärfen.“ Die Volksschule Sierndorf in Niederösterreich hat den Schulumbau genutzt, um den Schulweg auf die Agenda zu bringen. Kinder wurden zu ihren Wünschen zum Schulweg befragt, Bushaltestellen analysiert, Elternhaltestellen und überdachte Rad- und Scooter-Abstellanlagen errichtet. Die Neuerungen am Schulweg wurden in einer Gehgemeinschaft eingeübt.

Schulstraßen erhöhen die Sicherheit für Kinder

Ein wichtiger Baustein, um die aktive Mobilität der Schulkinder zu fördern, sind die Schulstraßen. Vor Unterrichtsbeginn und nach Unterrichtsende wird die Verkehrsfläche vor einer Schule für den Kfz-Verkehr gesperrt. Das verbessert die Sicherheit, senkt die Attraktivität der Elterntaxis und erhöht die Zahl der Kinder, die zu Fuß, mit dem Tretroller oder dem Fahrrad zur Schule kommen. Aus der Perspektive der Bewegung merkt Happ an: „Spielerische Elemente wie Balanciermöglichkeiten oder farbige Markierungen auf dem Schulweg, die Kinder zum Hüpfen und Bewegen animieren, sind einfache Maßnahmen.“ Diese spielen eine Rolle, die weit über die Kindheit hinausreicht, erläutert Happ: „Wenn Kinder bereits im Alltag, beispielsweise auf dem Schulweg, viele Strecken aktiv zurücklegen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie dieses Verhalten auch im Erwachsenenalter beibehalten. Werden Kinder hingegen regelmäßig mit dem Auto gebracht, gehen ihnen wichtige Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten verloren.“

Gute Infrastruktur als Basis

Neben den Erfahrungen aus der Kindheit spielt die Infrastruktur aber auch bei Erwachsenen eine wesentliche Rolle. Besonders wichtig ist sie für Gruppen, die erhöhte Anforderungen an Sicherheit und Barrierefreiheit stellen, etwa ältere Menschen. Gerade in ländlichen Regionen ist das E-Bike als Freizeit- und Sportgerät bei älteren Menschen sehr verbreitet. Für Alltagswege steigen viele trotzdem ins Auto. Hier spielt die Infrastruktur eine Rolle, Fehler in der Raumplanung wirken sich negativ aus. Liegen Supermärkte und andere Ziele des täglichen Bedarfs am Rand der Ortschaften, erreichbar nur über vielbefahrene Autostraßen, sinkt klarerweise die Motivation, mit dem Fahrrad hinzufahren.

Regelmäßiges E-Bike-Fahren stärkt die Gesundheit

Dabei sind die gesundheitlichen Vorteile enorm: Laut einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover und der Leibniz Universität Hannover vermindert regelmäßiges E-Bike-Fahren das Herzinfarktrisiko um 40 Prozent, das Krebsrisiko sinkt um 30 Prozent und das Risiko für Stoffwechselerkrankungen sogar um 50 Prozent. Positive Auswirkungen hat das Radfahren auch auf die Denkleistung und den Stressabbau, damit werden in weiterer Folge Demenz und Alzheimer weniger wahrscheinlich. Und selbst wenn die Wege zum Gehen oder Radfahren zu weit erscheinen, macht die Mobilitätsart einen Unterschied, weiß der Sportmediziner Robert Fritz: „Eine weitere Möglichkeit ist die Kombination von aktiver Mobilität mit Öffentlichem Verkehr: Der Fußweg zur Haltestelle, das Radfahren zum Bahnhof oder das bewusste Aussteigen eine oder auch mehrere Stationen früher. Diese kurzen, aber regelmäßigen Bewegungseinheiten sind gesundheitlich hochwirksam, weil sie kontinuierlich stattfinden.“

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