Elisabeth Oberzaucher - direkt gefragt

„Mir ist es wichtig, dass Wissen dorthin gelangt, wo es etwas bewirken kann“

Porträtfoto von Elisabeth Oberzaucher

Elisabeth Oberzaucher ist Evolutionsbiologin, wissenschaftliche Direktorin von Urban Human, Buchautorin und Teil der Science Busters.

VCÖ-Magazin: Warum verbraucht der Mensch so viel Energie? Welche evolutions- bzw. verhaltensbiologischen Erklärungen gibt es dafür?

Elisabeth Oberzaucher: Im Laufe unserer Evolutionsgeschichte mussten unsere Vorfahren sparsam mit physiologischer Energie umgehen, weil Nahrung nur begrenzt verfügbar war. Deshalb erscheint es uns aus dem Bauch heraus attraktiver, uns passiv bewegen zu lassen als aktiv mobil zu sein.

VCÖ-Magazin: Warum ist gerade das Einfamilienhaus auf der grünen Wiese immer noch für viele das Ideal, obwohl wir längst wissen, dass der Ressourcenverbrauch an Boden und Energie höchst problematisch ist?

Elisabeth Oberzaucher: Hier kommen mehrere romantische Vorstellungen zum Tragen. Menschen, die in den Speckgürtel ziehen, träumen oft vom Leben in einem Dorf, von der Natur und intakten sozialen Strukturen, dass sie die Nachbarn kennen, also ein soziales Netz am Wohnort haben. Der Speckgürtel kann diese Versprechen aber überhaupt nicht einlösen. Der Garten macht viel Arbeit, so entstehen dann Gärten des Grauens, die statt aus Pflanzen aus Steinen bestehen. Die Fahrt zur Arbeit kostet viel Lebenszeit. Und die Nachbarn kennt man gar nicht, weil man außerhalb des eigenen Gartens nur im Auto sitzt. De facto bedeutet das eine Reduktion des Lebensglücks. Das traut man sich aber nicht zuzugeben, weil man viel Geld in die Hand genommen hat.

VCÖ-Magazin: Welche Möglichkeiten gibt es Städte und dichte Siedlungsstrukturen für Menschen attraktiver zu gestalten?

Elisabeth Oberzaucher: Das, wonach uns in der Stadt gelüstet, geht auch in dichten Siedlungsformen mit guter Anbindung an den Öffentlichen Verkehr. Ein Beispiel aus der Praxis: In der Seestadt Aspern, gibt es ein Monitoring, bei dem untersucht wird, ob die Qualitäten funktionieren. In der Seestadt wird Wert darauf gelegt, dass die Garagen nicht direkt in den Häusern sind, man kann nicht mit dem Fahrstuhl direkt zum Auto fahren. So muss man raus gehen, egal mit welcher Mobilitätsform man sich fortbewegt – und begegnet dabei anderen Menschen. Dadurch entstehen soziale Kontakte. Ein Teenager hat auf die Frage, was ihm in der Seestadt gar nicht gefällt, geantwortet: „Das Einkaufen mit meiner Mutter.“ Auf die Nachfrage, was daran so schrecklich sei, hat er geantwortet: „Das dauert immer Stunden, weil auf dem Weg zum Geschäft treffen wir so viele Leute, mit denen meine Mutter sich unterhält.“ Das zeigt, wenn dem Öffentlichen Raum die entsprechende Bedeutung zugemessen wird, bekommt auch die Großstadt diese dörflichen Qualitäten nach denen sich viele sehnen.

VCÖ-Magazin: Stichwort Science Busters, Humor und Wissenschaft – warum funktioniert das als Vermittlungsansatz? Was kann Humor bewirken?

Elisabeth Oberzaucher: Wissenschaft war für mich immer schon mehr als ein Mittel zur Befriedigung der persönlichen Neugier, sie soll auch einen Beitrag leisten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Deshalb ist es mir wichtig, dass das Wissen auch dorthin gelangt, wo es etwas bewirken kann. Als mich Martin Puntigam gefragt hat, ob ich bei den Science Busters mitmachen will, war es für mich ganz klar, ja zu sagen. Die Science Busters nutzen ganz bestimmte Kommunikationskanäle, sie kommen von hinten herum, sagen, wir machen Kabarett, vermitteln dabei aber Wissenschaft – und erreichen damit auch ein vielleicht nicht so wissenschaftsaffines Publikum.

VCÖ-Magazin: Wie zeigt sich das?

Elisabeth Oberzaucher: Ich werde immer wieder angesprochen, von Leuten, sie sagen, ich habe das bei euch gelernt und deshalb mein Verhalten geändert. Oder manche wurden durch die Science Busters zu einem Naturwissenschaftsstudium motiviert. Wir untersuchen das aber auch. Ich arbeite derzeit mit Kolleginnen von der Uni Würzburg an einer Wirkungsanalyse der Wissenschaftskommunikation durch die Science Busters.

VCÖ-Magazin: Ist die Lage punkto Energieverbrauch unserer Mobilität und den Problemen, die damit zusammenhängen so ernst, dass nur mehr lachen hilft?

Elisabeth Oberzaucher: Wir leben in Österreich in einem Land, in dem Schwarzer Humor, Galgenhumor, hoch im Kurs steht Das ist gut, weil es eine wichtige Coping-Strategie darstellt. Ein Mittelmaß an Aufgeregtheit ist gut, um Aktivität zu erzielen. Sehe ich etwas zu entspannt, werde ich nicht handeln. Umgekehrt ist Panik auch nicht gut, weil sie einem das Gefühl gibt, das eigene Handeln kann ohnehin nichts bewirken. Lachen nimmt das Spitzerl an Panik weg, damit wir handlungsfähig bleiben.

VCÖ-Magazin: Ist unser aktueller Energieverbrauch für Mobilität kabarettreif?

Elisabeth Oberzaucher: Ich würde sagen, die Liebe vieler Menschen zu ihren Automobilen ist kabarettreif.

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Foto: Spencer Imbrock, unsplash

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