Isolde Charim - direkt gefragt

Begegnungszonen sind ein Ordnungssystem für den ‚diversen‘ Verkehr

Isolde Charim Foto (c) Daniel Novotny

Isolde Charim ist Philosophin, Publizistin und Kolumnistin. Im Jahr 2022 erhielt sie den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik, im Jahr 2023 den Tractatus-Preis des Philosophicum Lech. Sie ist u. a. Autorin von „Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“ (Zsolnay 2018) und „Die Qualen des Narzissmus. Über freiwillige Unterwerfung“ (Zsolnay 2022).

VCÖ-Magazin: In Ihrem Buch „Ich und die Anderen“ beschreiben Sie die Begegnungszone als symbolhaft für eine pluralisierte Gesellschaft. Warum?

Isolde Charim: Die Straße ist ein Konfliktraum. Hier prallen unterschiedliche Interessen aufeinander. Die Begegnungszone ist ein neues Ordnungssystem für den „diversen“ Verkehr. Sie funktioniert über Deregulierung. Der Verkehr organisiert sich selbstständig. Ohne Autorität, die eingreift. Heraus kommt eine konfliktfreie, gemeinsame Nutzung des öffentlichen Raums.

VCÖ-Magazin: Wie sindSie auf diesen Vergleich gekommen?

Isolde Charim: Es ging um ein Bild für eine Pluralisierung der Gesellschaft. Ein Bild, das ganz anders ist als das österreichische Bild der Bergidylle. Es war das Bild, dass man sozusagen auf der Straße findet!

VCÖ-Magazin: Welche Rolle nimmt in diesem Vergleich die Straßenverkehrsordnung ein?

Isolde Charim: Die Straßenverkehrsordnung regelt das Verhalten auf der Straße durch eine Autorität, die Regeln aufstellt. Regeln, an die sich alle zu halten haben. Das ist wunderbar demokratisch. Die Straßenverkehrsordnung gilt für alle. Da braucht es keine Moral. Moral und Tugend (auf der Straße) werden dabei in eine Institution delegiert, die diese für alle verwaltet. Aber die Straßenverkehrsordnung ist eine paternalistische Regulierung.

VCÖ-Magazin: Was verbindet Menschen in einer Begegnungszone miteinander? Was die Menschen in einer Gesellschaft des pluralisierten Individualismus?

Isolde Charim: Verbindung ist ein zu starkes Verhältnis für eine pluralisierte Gesellschaft. Das Wunschbild wären vorsichtige, kommunikative, rücksichtsvolle Verkehrsteilnehmer und Bürger.

VCÖ-Magazin: Welche Mechanismen wirken, damit in Räumen mit weniger Regeln die Schwächeren nicht „unter die Räder kommen“?

Isolde Charim: Die Begegnungszone funktioniert durch die bewusste, gezielte Herstellung von subjektiver Unsicherheit. Raumplanerinnen und Raumplaner sagen das ganz offen. Es wird beim Einzelnen das Gefühl von Unsicherheit erzeugt. Denn genau das führt zu einem veränderten, vorsichtigen Verhalten.

VCÖ-Magazin: Welche Rolle spielen Entschleunigung und Achtsamkeit?

Isolde Charim: Achtsamkeit und Entschleunigung stehen nicht am Anfang, sondern am Ende der Begegnungszone. Sie sind Folge der Deregulierung, die jeden einzelnen Teilnehmer und jede einzelne Teilnehmerin zur Vorsicht zwingt. Kurzum – sie sind gewissermaßen Folge der Selbsterhaltung. Auch wenn wir wissen, dass Deregulierung zu einer knallharten Ellbogengesellschaft führt. Insofern ist die Begegnungszone mehr eine Metapher als ein Rezept für eine pluralisierte Gesellschaft.

VCÖ-Magazin: Es scheint so, als wären Straßenverkehr und Wahl des individuellen Fortbewegungsmittels in Österreich besonders politisch heiß umfehdet und symbolpolitisch aufgeladen?

Isolde Charim: Ich weiß nicht, ob das ein österreichisches Spezifikum ist. Aber die Aufladung des Autos ist ein altes Phänomen. Die Aufladung des Fahrrads ist neu. Und eine Aufladung der Öffis gibt es nicht. Der Motor der Aufladung ist immer derselbe: Es ist ein Ringen um den eigenen Raum. Gerade dort, wo man nicht zu Hause ist – also auf der Straße. Das ist gewissermaßen das Bild einer persönlichen Aneignung der Welt.

VCÖ-Magazin: Was wäre aus Ihrer Sicht der ideale öffentliche Raum oder welchen öffentlichen Raum würden Sie sich persönlich wünschen?

Isolde Charim: Eine neutrale Zone, in der man – nach dem Wort von Adorno – ohne Angst verschieden sein kann.

VCÖ-Magazin: Was könnte jeder von uns beitragen, damit das Miteinander im Alltagsleben gelingt?

Isolde Charim: Vielleicht etwas Gelassenheit und Großzügigkeit.

 

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