Katharina Manderscheid - direkt gefragt

„Öffentlicher Verkehr bedeutet Freiheit“

Porträtfoto Katharina Manderscheid
Katharina Manderscheid ist Mobilitätssoziologin und Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Mobilitäts-, Verkehrs-, Stadt- und Alltagssoziologie und soziale Ungleichheit.

VCÖ-Magazin: Öffentlicher Raum wird in Bus und Bahn kollektiv erlebt. Inwiefern verändert diese gemeinsame Nutzung unsere Wahrnehmung von Stadt und Gesellschaft?

Katharina Manderscheid: Im Gegensatz zum eigenen Auto ist man in Bus und Bahn mit anderen – typischerweise fremden – Menschen unterwegs. Wer durch eine Stadt fährt, erlebt auch einen Wechsel der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Manche Menschen finden es unangenehm, wenn sie mit Personengruppen konfrontiert werden, die sich stark von ihnen selbst und ihren eigenen Gruppen unterscheiden. Im Auto ist man hingegen wie in einer Kapsel allein oder mit den Beifahrenden unterwegs. Den öffentlichen Stadtraum nehmen aber vermutlich wenige Menschen bewusst wahr, wenn sie in der Stadt mit Bus oder Bahn unterwegs sind. Viele schauen während der Fahrt auf ihr Handy.

VCÖ-Magazin: Welche Rolle spielt Mobilität für soziale Teilhabe? Wer profitiert aktuell am meisten vom Ausbau des Öffentlichen Verkehrs – und wer bleibt ausgeschlossen?

Katharina Manderscheid: In unserer gegenwärtigen, sozial und räumlich differenzierten Gesellschaft finden viele Aktivitäten des Alltags – Erwerbstätigkeit, private Treffen mit Bekannten, Freundinnen und Freunden, Freizeitaktivitäten, Kinderbetreuung, Schulbildung, Kulturevents, einkaufen – außerhalb der eigenen Wohnung und oft auch außerhalb des engeren räumlichen Quartierskontextes statt. Das heißt, der Alltag besteht aus vielen Wegen, die mehr oder weniger lang sind. Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, erleben häufig einen teilweisen Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben. Solche Einschränkungen können ökonomische Gründe haben, etwa dass sich jemand Öffentlichen Verkehr, ein Auto oder ein Fahrrad nicht leisten kann. Es gibt auch körperliche Einschränkungen, die die Verkehrsmittelnutzungen erschweren. Zudem sind diejenigen, die Care-Verpflichtungen haben, aufgrund dieser Verantwortung ebenfalls zeitlich und räumlich stärker gebunden.

Ein verlässlicher und gut ausgebauter Öffentlicher Verkehr kann viele Menschen in ihrer Alltagsmobilität unterstützen. Beispielsweise können Kinder und Jugendliche Wege selbständig zurücklegen, das erspart Eltern Hol- und Bringwege. Viele Menschen, die regelmäßig längere Wege zu ihrem Arbeits- oder Ausbildungsplatz oder zu Schule, Universität oder Freizeitangeboten zurücklegen müssen, profitieren von verlässlichen regelmäßigen Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr. Zudem sind diese Angebote auch für Touristinnen und Touristen eine Möglichkeit, ohne eigenes Auto unterwegs zu sein. Die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs ist für manche körperlich eingeschränkte Personen, etwa Blinde oder Rollstuhlfahrende, immer noch eine Herausforderung.

VCÖ-Magazin: Beim Öffentlichen Verkehr gibt es ein Stadt-Land-Gefälle.

Katharina Manderscheid: Öffentlicher Verkehr ist vor allem in den Städten gut ausgebaut. Und dort sind Orte in der Innenstadt besser zu erreichen als am Stadtrand. Wege aus der Stadt heraus sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln häufig deutlich schwieriger zurückzulegen. Und in vielen ländlichen Regionen in Deutschland gibt es außer Schulbussen kaum noch Öffentlichen Verkehr. Hier sind diejenigen, die keinen Zugang zu einem Auto haben, häufig auf Personen angewiesen, die sie mitnehmen. Gerade in ländlichen Regionen stellen On-Demand-Angebote im Öffentlichen Verkehr eine sinnvolle Alternative zum Auto dar.

VCÖ-Magazin: Stichwort Pendelverkehr in Ballungsräumen: Welche soziologischen Besonderheiten prägen diesen hochgetakteten Alltag zwischen Wohnort und Arbeitsplatz und wie kann man ihn nachhaltiger gestalten?

Katharina Manderscheid: Für den Ballungsraum Hamburg haben wir in Forschungen immer wieder festgestellt, dass ein verlässlicher, gut getakteter und nicht überfüllter Öffentlicher Verkehr von vielen Menschen auf dem Arbeitsweg gerne verwendet wird. Da diese Bedingungen aber nicht immer gegeben sind, gerade auf den Verbindungen in die Metropolregion, fahren viele Menschen doch lieber mit dem Auto. Das Fahrrad wählen viele nicht, weil ihnen das zu gefährlich ist. Eine gut ausgebaute Radinfrastruktur, aber auch die Möglichkeit, Fahrräder problemlos im Öffentlichen Verkehr mitzunehmen, beispielsweise wenn es regnet, könnten die Sicherheit und die Flexibilität erhöhen.

VCÖ-Magazin: Welche Anreize oder Bedingungen brauchen Menschen, damit sie weniger Auto fahren beziehungsweise ihre Mobilitätspraktiken ändern?

Katharina Manderscheid: Notwendig sind nicht nur Anreize wie kürzere Wege durch ein dichteres Versorgungsangebot, ein deutlicher Ausbau von Radwegen und Öffentlichem Verkehr sowie ergänzend Sharing-Angebote bei motorisierten Kleinfahrzeugen, On-Demand-Verkehr, verlässliche Fernbahnverbindungen und einheitliche Zugänge zu flächendeckend ausgebauten Carsharing-Angeboten im ganzen Land. Es braucht gleichzeitig auch eine deutliche Regulierung des Autobesitzes und Autoverkehrs durch höhere Kosten für Sprit und Fahrzeugsteuer, durch Parkraumbewirtschaftung, Abschaffung des Dienstwagenprivilegs und den Ausbau von autofreien Zonen in städtischen Siedlungsgebieten.

VCÖ-Magazin: Das Auto wird oft als Synonym für Freiheit inszeniert. Wie bewerten Sie dieses Narrativ aus soziologischer Sicht?

Katharina Manderscheid: Aus soziologischer Sicht ist dieser Freiheitsbegriff, der mit dem Auto verbunden wird, ein sehr reduzierter. Es geht um die individuelle Freiheit, jederzeit ins Auto steigen zu können und hinzufahren, wo man will. Übersehen wird dabei der Preis für diese Freiheit: Autobesitz ist sehr teuer. Man kann nur dahin fahren, wo es auch Straßen gibt. Häufig steht man im Stau, weil so viele Menschen ebenfalls frei sein wollen und mit dem Auto fahren. Während der Fahrt kann man quasi nichts tun, sich nicht bewegen. Die Fahrerin oder der Fahrer können auch den Blick nicht schweifen lassen, sondern müssen auf den Verkehr achten. Als Konsequenz des überbordenden Autoverkehrs haben wir mit Klimawandel, versiegelten Flächen und einer hohen Zahl von verletzten und getöteten Menschen und Tieren zu tun. Das sind Entwicklungen, die das Gegenteil von Freiheit sind, aber im Diskurs um das Auto immer noch ausgeblendet werden. Weiters ist der Zwang, lange Strecken zurückzulegen, gestiegen, da sich beispielsweise die Versorgungsinfrastruktur auf weniger Orte – große Supermärkte, Innenstädte – konzentriert und fußläufig für Menschen, die außerhalb der Stadtzentren leben, immer seltener erreichbar ist.

VCÖ-Magazin: Wie stehe es um die Freiheit der Öffi-Fahrgäste?

Katharina Manderscheid: Gesellschaftlich kann sich das Narrativ in die Richtung verändern, dass Freiheit nicht notwendigerweise an das Auto gekoppelt ist. In der Schweiz beispielsweise erleben viele Menschen, die das Generalabonnement haben, dieses als Freiheit, weil sie mit dem sehr gut ausgebauten Öffentlichen Verkehr jederzeit unterwegs sein können. Zudem erlaubt das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln während der Fahrt sehr viel mehr Freiheit, andere Dinge zu tun, beispielsweise zu lesen oder zu schlafen. Es gibt auch Gruppen von Menschen, die es als Freiheit verstehen, so zentral zu wohnen, dass sie kein eigenes Auto brauchen, das heißt befreit sind von Kosten und der Zeit, sich darum zu kümmern. Carsharing kann ebenfalls als Freiheit erlebt werden, da man nach Bedarf auf jeweils passende Autos zugreifen kann.

VCÖ-Magazin: Was wird in der aktuellen Debatte über Öffentlichen Verkehr systematisch übersehen?

Katharina Manderscheid: Öffentliche Verkehrsangebote – fahrplan- und liniengebundene ebenso wie neue On-Demand-Angebote – sollten, wenn Klimaschutz, hohe Lebensqualität in den Städten und Umweltgerechtigkeit ernst genommen werden – nicht als Ergänzung des Verkehrsangebots für nicht-automobile Menschen und Gruppen verstanden werden, sondern als Hauptverkehrsmittel. In der Folge müssten die Prioritäten in Politik und Planung grundsätzlich dementsprechend ausgerichtet werden.

VCÖ-Magazin: Abschließend der Blick auf das große Ganze: Welche Faktoren sind Ihrer Meinung nach für eine echte, umfassende Verkehrswende unverzichtbar?

Katharina Manderscheid: Es reicht nicht, nur auf die Wahl des Verkehrsmittels der Menschen zu schauen, sondern es müssen auch die Gründe und Zwänge einbezogen werden, warum Menschen unterwegs sind. Dazu gehören Wohnungs- und Arbeitsmärkte, die zu langen Wegen führen. Mobilität im Sinne von Unterwegssein wird häufig als Wert an sich verstanden. Tatsächlich geht es aber in den meisten Fällen um das Verbinden von Orten beziehungsweise um soziale Beziehungen und nicht um Mobilität an sich. An anderer Stelle haben mein Kollege Noel Cass und ich daher von einem „Recht auf Immobilität“ gesprochen, das dem Narrativ eines Rechts auf Mobilität an die Seite gestellt werden sollte.

Das Gespräch führten Petra Sturm und Bernhard Hachleitner.

Zurück zur Übersicht

Hohe Motorhauben – ein zunehmendes Sicherheitsrisiko

Die Neuwagen sind in den vergangenen Jahren nicht nur breiter und schwerer geworden, auch die Zahl der Autos mit hoher Motorhaube hat in Europa und Österreich stark zugenommen. Aus Sicht der Verkehrssicherheit ist das alarmierend. Denn je höher die Motorhaube, desto größer ist bei Kollisionen das Risiko schwerer und tödlicher Verletzungen für Fußgängerinnen und Fußgänger, insbesondere für Kinder.

Mehr dazu
Foto: Spencer Imbrock, unsplash

Aus der Forschung – Birgit Bednar-Friedl

Es ist ein zentrales Ziel der Klimawandelanpassung, das Verkehrsnetz kompakt zu halten.

Mehr dazu