Klimaschutz und Gesundheitsförderung im Doppelpack

Mann fährt auf Fahrrad am Betriebsgelände an vielen parkenden Fahrrädern vorbei

Arbeits- und Dienstwege sind ein wichtiger Hebel, um Bewegung selbstverständlich in den Alltag zu integrieren und damit die Gesundheit zu fördern – zum Vorteil von Beschäftigten, Betrieben und der Gesellschaft insgesamt.

Von Doris Neubauer

Mit dem Obstkorb und zahlreichen sportlichen Angeboten allein ist es nicht getan. „Bei XAL wird das Thema Gesundheit viel größer und ganzheitlicher gedacht – und zwar seit vielen Jahren“, betont Maria Erkinger, Department Head Corporate Services beim Grazer Leuchten- und Lichtsystem-Hersteller. Für ihre Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung – dazu zählen die kontinuierliche Umsetzung zahlreicher Maßnahmen, wie Socialising und Sport Events, Kinderbetreuung oder Verbesserungen im Arbeitsumfeld – erhielt XAL bereits dreimal das BGF-Gütesiegel des Österreichischen Netzwerks für Betriebliche Gesundheitsförderung. Im Rahmen des vom Fonds Gesundes Österreich geförderten Projekts „Cycle Champ 2.0 XAL“ wurde ein Schwerpunkt auf die Förderung nachhaltiger Mobilität gelegt. Viele Maßnahmen wie, überdachte Fahrradabstellplätze, das Jobrad, Radchecks und eine Reparaturbox, gab es bereits vor Projektbeginn. „Mit Cycle Champ 2.0 XAL wurde Bestehendes strategisch gebündelt, sichtbar gemacht und durch neue Initiativen ergänzt, womit wir den Anteil der Radfahrenden von 30 auf 38 Prozent steigern konnten“, berichtet Enny Vöge, Radkoordinatorin bei XAL.

Alle Aktionen rund ums Radfahren werden inzwischen zentral auf einer Intranet‑Seite gebündelt und für neue Mitarbeitende zusätzlich in der Willkommensmappe aufbereitet. Zudem wurde ein eigener Fahrradblog geschaffen, der regelmäßig über aktuelle Aktivitäten informiert – von Vorträgen zu den gesundheitlichen Vorteilen des Radfahrens bis zu Radreparatur-Workshops. Die Vielzahl an Maßnahmen, zu denen auch die regelmäßige Teilnahme an der Aktion „Österreich radelt“ zählt, trägt entscheidend dazu bei, dass das Radfahren dauerhaft ein wesentlicher Bestandteil der Betrieblichen Gesundheitsförderung bei XAL bleibt.

Arbeitsweg als Fitnessstudio

Die positiven Auswirkungen solcher Maßnahmen lassen Studien wie das österreichisch-schweizerische Forschungsprojekt Gismo (Geographical Information Support for Healthy Mobility) aus dem Jahr 2023 erahnen: 73 Beschäftigte der Salzburger Landeskliniken, die überwiegend mit dem Auto zur Arbeit fuhren, wurden über ein Jahr lang begleitet. Ein Drittel wechselte vom Auto aufs Fahrrad, ein weiteres kombinierte Gehen und öffentliche Verkehrsmittel, die Kontrollgruppe blieb beim Auto. Das Ergebnis nennt Projektleiter Martin Loidl von der Universität Salzburg „spektakulär“: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der beiden Interventionsgruppen reduzierten über ein ganzes Jahr gerechnet den Anteil der mit dem Auto zurückgelegten Strecke von 75 Prozent auf 10 Prozent. Zusätzlich verbesserten sich bei diesen Personen Vitalität, mentale Gesundheit und kardiovaskuläre Risikowerte – ohne relevante Verlängerung der Pendelzeit.

„Pendeln ist eine stark habitualisierte Handlung, bei der die Gewohnheit das Verhalten stark beeinflusst“, fasst der Forscher eine wichtige Lehre aus der Studie zusammen. Druck oder Parkplatzentzug alleine greifen zu kurz. Es braucht auch zusätzliche positive Anreize, multisensorische Erlebnisse wie einen staufreien Arbeitsweg und strukturelle Unterstützung, wie etwa flexible Arbeitszeiten oder eine gute Infrastruktur. „Wenn es im Unternehmen als Auszeichnung gilt, mit dem Fahrrad zu kommen, wirkt das“, spielen Rahmenbedingungen laut Loidl eine entscheidende Rolle. Genau diese Verantwortung nehmen viele Betriebe seiner Ansicht nach aber noch zu wenig wahr: „Bei Mobilitätsmanagement denken viele nur an CO2-Reduktion, bei Gesundheitsförderung an den Obstkorb in der Teeküche“, so der Forscher, „beides systematisch verschränkt, ist nur in wenigen Unternehmen der Fall.“

Bewegung einfach in den Alltag integrieren

Genau hier setzt das Projekt „Boku Mobility4Health“ der Universität für Bodenkultur Wien an: Gefördert vom Fonds Gesundes Österreich im Rahmen des Schwerpunkts „Betriebliche Gesundheitsförderung und Aktive Mobilität“ sollen von März 2025 bis Oktober 2026 Maßnahmen des betrieblichen Mobilitätsmanagements und der betrieblichen Gesundheitsförderung verbunden werden. Denn: „Aktive Mobilität ist eine einfache Möglichkeit, Bewegung in den Alltag zu integrieren. Ihr gesundheitlicher Nutzen wird aber oft unterschätzt“, meint Kirsten Sleytr, betriebliche Gesundheitsmanagerin der Boku und eine der Initiatorinnen des Projekts. Beim jährlichen Boku-Gesundheitstag wurde ein „Radlerfrühstück” veranstaltet und im Frühjahr ist eine „Fit und mobil”-Aktionswoche mit Fahrsicherheitstrainings, Reparaturworkshop und Motivationsvorträgen geplant. Zudem sollen erfahrene „Rad-Buddys“ Kolleginnen und Kollegen unter die Fittiche nehmen, die ebenfalls in die Pedale treten wollen. Ziel des Projekts ist aber nicht nur, Radfahren und Gehen als Mobilitätsalternativen ins Bewusstsein zu rufen, sondern Strukturen langfristig zu verändern. „Einmalige Aktionen reichen nicht“, betont Projektleiterin Sandra Wegener vom Institut für Verkehrswesen, „es braucht Kontinuität, Sichtbarkeit und idealerweise eine institutionalisierte Zuständigkeit.“ Letzteres ist bereits erreicht: Seit einigen Monaten gibt es auf der Boku erstmals eine Mobilitätsmanagerin, die in das Projekt integriert ist.

Körperlich und mental: „Mobil in jeder Hinsicht”

Im besten Fall wird das Thema Aktive Mobilität und Gesundheit Teil der Unternehmenskultur, wie das beim niederösterreichischen Familienbetrieb „Bikepirat” der Fall ist. Aktiv ist hier nicht nur der tägliche Weg zur Arbeit, auch Probefahrten mit Neurädern gehören zum Alltag der rund 20 Mitarbeitenden. Zu einem gesunden Umfeld tragen auch flexible Arbeitszeiten, Pausen im Freien sowie gemeinsames Kochen und Essen bei. „Wir sind mobil in jeder Hinsicht“, sagt Geschäftsführerin Ricky Schweighofer, die versucht auf jeden ihrer Mitarbeitenden individuell einzugehen. „In herausfordernden Zeiten auf den Menschen einzugehen, kommt auch dem Betrieb zugute“, betont sie. Der Zusammenhalt im Team und die lange Betriebszugehörigkeit ihrer Mitarbeitenden seien der beste Beweis.

Dieser betriebswirtschaftliche Effekt von Gesundheitsmaßnahmen sei den meisten Unternehmen nicht bewusst, meint Mobilitätsexperte Martin Loidl. Er spricht von einer „Doppeldividende aktiver Mobilität“: „Wer Radfahren und Gehen fördert, reduziert Emissionen und stärkt die Gesundheit. Die Krankenstandstage der Mitarbeitenden sinken, gleichzeitig nehmen der Bewegungsanteil, das psychische Wohlbefinden und auch die Bindung ans Unternehmen zu.“ Angesichts wachsender Gesundheitskosten und zunehmenden Fachkräftemangels wird aktive Mobilität damit zum strategischen Wettbewerbsfaktor. Der Obstkorb kann bleiben – aber er ist nur noch Beilage.

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