Maren Urner - direkt gefragt

Nach dem Wofür statt dem Wogegen fragen

Foto von Maren Urner vor einem roten Vorhang

Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin, Mitgründerin von Perspective Daily und Professorin für Nachhaltige Transformation an der FH Münster. Sie ist Autorin der Sachbücher „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ (Droemer 2019), „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ (Droemer 2021) und „Radikal emotional“ (Droemer 2024).

VCÖ-Magazin: In Hinblick auf die Klimakrise gibt es eine riesige Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln. Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen dafür?

Maren Urner: Die zentrale Aufgabe unseres Gehirns besteht darin, uns am Leben zu halten. Hier kommen die evolutionär ältesten Strukturen zum Tragen. Mit der Klimakrise haben wir aber eine Herausforderung, bei der wir langfristig planen müssen. Hinzu kommt, dass viele Menschen die Folgen der Klimakrise nicht direkt spüren oder besser formuliert: Noch stets „glauben“, sie spürten sie nicht. Denn auch wenn Extremwetterereignisse weiter zunehmen, fehlt vielen Menschen die unmittelbare Wirkung von Verhalten und Folgen. Wie etwa, wenn wir auf eine heiße Herdplatte greifen. Und das ist für unser Gehirn so schwer fassbar, weil es die ganze Zeit versucht, ein Ursache–Wirkungsprinzip herzustellen.

Und dann die dritte Herausforderung, durch die die angesprochene Handlungslücke entsteht: Das Problem fühlt sich häufig weit weg an. Dabei spielt auch das Medienversagen eine Rolle, wo die „Klimathematik“ sehr häufig über den symbolischen Eisbären auf der schmelzenden Eisscholle thematisiert wurde. So fühlt sich „Klima“ weit weg an.

VCÖ-Magazin: In „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ plädieren Sie für ein neues dynamisches Denken? Was kann man sich darunter vorstellen und was bewirkt es?

Maren Urner: Auch hier gibt es drei Anknüpfungspunkte an die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Der Erste ist zu schauen, wo sind Menschen dabei, nach dem „Wofür“ statt dem „Wogegen“ zu fragen. Welche Projekte gibt es schon, welche Menschen, Länder oder Unternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht. Und nicht immer auf das zu schauen, was schlecht ist und wogegen man ist. Denn das das kreiert in unserem Gehirn vor allem eins: eine Abwehrhaltung.

Der zweite Punkt ist zu fragen, welche Geschichten erzählen wir uns eigentlich über Normalität und Erfolg. Das bedeutet, ganz genau hinzuschauen, was wir für normal halten, was tatsächlich aber nicht normal ist. Die globale Durchschnittstemperatur zum Beispiel hat längst den Normalwert verlassen. Oder was sehen wir eigentlich als normal an in unserem Alltag? Und daran anknüpfend: Wie definieren wir Erfolg? Da erzählen wir uns häufig die falschen Geschichten. Falsch im Sinne von biologisch nicht der menschlichen Natur entsprechend. Also: Was tut uns Menschen wirklich gut? Das sind eben nicht Geld, Titel und Reichtümer. Stattdessen wissen wir sehr genau, dass die wichtigste Zutat für ein gesundes und zufriedenes Leben funktionierende soziale Beziehungen sind.

Der dritte Anknüpfungspunkt ist die Frage: Wo gibt es verbindende Elemente? Ganz häufig schauen wir immer als erstes darauf, was uns trennt, was uns unterscheidet. Wir können aber auch auf die Gemeinsamkeiten schauen und versuchen gemeinsam Lösungen zu finden.

VCÖ-Magazin: Warum ist es so wichtig, die Trennung zwischen Emotion und Verstand zu überwinden?

Maren Urner: Das ist so wichtig, weil jede Entscheidung und jedes menschliche Handeln immer durch Emotionen geprägt sind. Egal ob die Diskussionen über das Tempolimit oder Lastenräder, die in Deutschland ein emotionales Durcheinander waren. Wir können besser damit umgehen, wenn wir schauen, worum es wirklich geht. Geht es um die „rationale Abwägung“ des bestmöglichen Mobilitätskonzepts, darum Menschen möglichst stressfrei von A nach B zu bringen? Oder geht es um individuelle Überzeugungen, Werte und kurzfristige Bedürfnisse? Wenn Menschen etwa sagen: „Ich will aber 200 auf der Autobahn fahren, das ist doch meine Freiheit.“ Dabei geht es nicht nur um Mobilität, sondern immer auch um Erzählungen von Macht, Erfolg und Gerechtigkeit.

VCÖ-Magazin: In „Radikal emotional“ schreiben Sie auch: „Wer konservativ sein will, muss sich verändern.“ Können Sie uns das erläutern?

Maren Urner: Zusätzlich zu den zunehmenden Wetterextremen aufgrund der Klimakrise, wird es bei einem „weiter wie bisher“ riesige Regionen geben, in den Menschen biologisch einfach nicht mehr überleben können. Wenn Menschen also sagen: „Ich bin konservativ, ich möchte, dass es so bleibt wie bisher“, muss ihnen klar werden, dass wir ganz viel ändern müssen. Das ist simple Logik.

Das Gespräch führten Bernhard Hachleitner und Petra Sturm

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