Nachgefragt - Vivian Frick

„Das Primat des Autos im Verkehr ist tief in der Gesellschaft verankert“

Porträtfoto von Vivian Frick
Vivian Frick, Umwelt- und Sozialpsychologin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), Berlin.

VCÖ-Magazin: Die gesundheitlichen und ökologischen Vorteile aktiver Mobilität sind unbestritten und weithin bekannt. Trotzdem werden immer noch viele kurze Wege mit dem Auto zurückgelegt. Woran liegt das?

Vivian Frick: Leider ist die Infrastruktur aktuell so ausgelegt, dass es oft einfacher und auch manchmal günstiger ist, ins Auto zu steigen. Soll sich das ändern, dann muss das auf einer strukturellen und politischen Ebene passieren. Handlungsleitend sollten dabei soziale Gerechtigkeit, Inklusion und Barrierefreiheit sein. Dabei geht es nicht nur darum, dass beispielsweise Personen mit Rollstuhl oder Kinderwagen im Öffentlichen Verkehr und im Öffentlichen Raum mobil sein können. Es geht beispielsweise auch darum, dass Kinder und Jugendliche selbständig in der Stadt unterwegs sein können.

VCÖ-Magazin: Welche anderen Faktoren sind noch wichtig?

Vivian Frick: Für die Mobilität benachteiligter Gruppen, insbesondere Kinder, ist Verkehrssicherheit zentral: klar vom Kfz-Verkehr getrennte Geh- und Radwege, niedrigeres Tempo, weniger die Sicht versperrende parkende Autos.

VCÖ-Magazin: Wie kann eine Transformation gelingen?

Vivian Frick: Die sogenannte Motonormativität, also das Primat des Autos im Verkehr, ist tief in der Gesellschaft verankert. Sie zu verändern, ist gar nicht so leicht. Man sieht das alleine schon daran, dass vielerorts der politische Wille fehlt, bestehende Rechtsgrundlagen umzusetzen, beispielsweise bei der Ahndung von Auto-Parken auf Geh- oder Radwegen.

VCÖ-Magazin: Wie erreichen wir ein Umdenken weg vom Primat des Autos?

Vivian Frick: Durch zivilgesellschaftliches Engagement. Organisationen können neben Argumenten des Umwelt- und Klimaschutzes auch die vielen Vorteile für die menschliche Gesundheit und Lebensqualität hervorheben, die mit weniger Kfz-Verkehr einhergehen. Bürgerinnen und Bürger können auf die Politik, die Unternehmen und die Gesellschaft einwirken. Sie sind ein wichtiger Hebel.

VCÖ-Magazin: Stichwort Unternehmen. Was können sie in dieser Hinsicht tun?

Vivian Frick: Bei Unternehmen spielt die Mobilität in der Nachhaltigkeitsstrategie häufig eine Rolle, manchmal auch im Gesundheitsmanagement. Niedrigschwellig ist es, Dienstfahrräder anzubieten oder die nötige Infrastruktur für den Radverkehr vor Ort zu schaffen. Die interessantere Frage ist, wie ein Unternehmen auf struktureller Ebene darauf einwirken kann, dass die Mitarbeitenden oder auch generell die Menschen vor Ort sich gesünder fortbewegen können. Es gibt etwa Beispiele, dass Unternehmen erfolgreich auf einen Ausbau der Öffi-Verbindungen oder der Radinfrastruktur zum Firmengelände hinwirken konnten.

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Nahversorgung im Ort stärken, Lebensqualität erhöhen

Das Potenzial durch die Förderung des Gehens und Radfahrens die Orte zu beleben, ist in ganz Österreich groß. Die Mobilitätserhebungen zeigen, dass auch in kleineren Gemeinden jeder fünfte Alltagsweg in Gehdistanz ist. Die Hälfte der Alltagswege ist kürzer als fünf Kilometer, eine Distanz, die gut mit dem Fahrrad gefahren werden kann. Gemeinden und Städte, die im Ort gute Bedingungen zum Radfahren schaffen, werden von der Bevölkerung mit mehr Radverkehr belohnt.

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Foto: Spencer Imbrock, unsplash

VCÖ: Radverkehr in Graz ist heuer im 1. Halbjahr gestiegen

VCÖ (Wien, 1. August 2024) – Die Grazerinnen und Grazer waren im 1. Halbjahr häufiger mit dem Fahrrad mobil, macht die Mobilitätsorganisation VCÖ aufmerksam. Im 1. Halbjahr waren heuer bei den Zählstellen in Summe um rund sechs Prozent mehr Radfahrerinnen und Radfahrer unterwegs als im 1. Halbjahr 2023. Wer Alltagswege mit dem Fahrrad zurücklegt, stärkt die eigene Fitness und Gesundheit und leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und zur Reduktion von Verkehrslärm, Abgasbelastung und Staus, betont der VCÖ. Wichtig ist, dem Radverkehr mehr Platz zu geben, insbesondere auch um Familien, Kindern und älteren Menschen sicheres Radfahren zu ermöglichen.

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