Öffentlichen Verkehr für ältere Menschen attraktiv machen

Ein älterer Herr mit Brille sitzt in einem Bus, im Hintergrund eine Familie mit Kindern, Foto (c) istock.com_bernardbodo

Gute Verbindungen, barrierefreier Zugang, freundlich gestaltete Stationen und einfacher Ticketkauf sind für ältere Menschen besonders wichtig. Umsteigeangebote vom Auto können zusätzliche Anreize schaffen.

Von Doris Neubauer

Die öffentlichen Verkehrsmittel für ältere Menschen attraktiv zu machen, das ist für Katja Seibert, Barrierefreiheitsbeauftragte der Wiener Linien, eine Investition in die eigene Zukunft: „Wir werden immer älter und niemand möchte allein in seinem Wohnzimmer sitzen, sondern sicher von A nach B kommen. Barrierefreiheit ist enorm wichtig für uns alle, egal ob noch jung oder bereits älter.“ Neben finanziellen Anreizen und speziellen Aktionen für ältere Menschen muss vor allem die Infrastruktur zielgruppengerecht gestaltet sein. „Der Anspruch ist, dass sich Haltestellen in relativer Nähe befinden“ , kennt Seibert die Bedürfnisse, „gute Erreichbarkeit und Einstiegsmöglichkeiten sind weitere wichtige Themen.“ Vorrichtungen wie Zugnotruf-Tasten oder Haltegriffe, aber auch Servicemitarbeitende sowie helle, freundlich gestaltete Stationen sorgen Umfragen zufolge ebenfalls dafür, dass sich ältere Personen in den „Öffis“ wohl und sicher fühlen. Zudem schätzen Seniorinnen und Senioren gewohnte Strukturen, denn sie finden sich oftmals mit neuen Gegebenheiten schwerer zurecht.

Infrastruktur, die passt

Letzteres ist im Öffentlichen Verkehr aber nur schwer umzusetzen. „Es ist eine große Herausforderung, ein Netz mit mehr als 4.000 Haltestellen möglichst homogen in ihrer baulichen Entwicklung zu halten“, weiß Stefan Heller von der Abteilung Strategische Infrastrukturentwicklung der Wiener Linien. Dazu kommen unterschiedliche Bahn- und Busmodelle und sich ändernde gesetzliche und technische Voraussetzungen. Es sei oft eine Gratwanderung zwischen Wirtschaftlichkeit und sozialer Teilhabe, fügt Seibert hinzu: „Man kann heutzutage theoretisch alles mit einer App machen, aber viele aus der Generation 65+ verwenden diese Technologien noch nicht“. Damit sie sich nicht allein gelassen fühlen, steht auf neuen Fahrscheinautomaten eine Telefonnummer. Über diese können Hilfesuchende im Notfall mit einer Person sprechen. Verbände für blinde und sehbehinderte Menschen haben diese neuen Automaten kürzlich eingehend getestet. Der regelmäßige Austausch mit Betroffenen ist laut Seibert enorm wichtig: „Nur so können wir sicher sein, dass wir nicht am Thema vorbei arbeiten.” Die Wiener Linien bieten für technische Neuerungen auch kostenlose Schulungen an. „Generell ist unser Standard sehr hoch“, ist sich die Barrierefreiheitsbeauftragte bewusst. So sind beispielsweise alle Wiener U-Bahn-Stationen und die meisten Bus- und Straßenbahnhaltestellen standardmäßig barrierefrei erreichbar. Anders als in London oder Paris stehen Aufzüge und Rampen genauso selbstverständlich zur Verfügung wie taktile Leitsysteme, Niederflurfahrzeuge und multisensorielle Notfallsysteme. Nicht zuletzt dank dieser Infrastruktur wurde Wien von der EU jüngst mit dem „Access City Award” ausgezeichnet.

Fahrschein statt Führerschein

In Wien ist das öffentliche Verkehrsnetz gut ausgebaut. In vielen Regionen aber ist die Autoabhängigkeit hoch. Das stellt insbesondere ältere Menschen vor Probleme: Seh- und Hörvermögen können mit steigendem Alter abnehmen, das Reaktionsvermögen und die Wahrnehmungs-
fähigkeit nachlassen. Viele ältere Menschen fühlen sich hinter dem Steuer eines Autos dann nicht mehr sicher. Doch die wenigsten geben den Führerschein freiwillig ab. Zu groß ist die Angst, nicht mehr mobil zu sein. Um diese Sorgen zu nehmen, bieten in Deutschland zahlreiche Verkehrsverbünde – von Bayern über Baden-Württemberg bis Niedersachsen – über 60-Jährigen mit Wohnsitz in der Region die Möglichkeit, ihren Führerschein freiwillig gegen ein kostenloses Jahresticket für den Öffentlichen Nahverkehr einzutauschen. Allein in Hannover beteiligten sich in den vergangenen zwei Jahren rund 6.600 Seniorinnen und Senioren an der Aktion „Fahrschein statt Führerschein“. Fast die Hälfte von ihnen setzte nach den zwölf Monaten weiterhin auf den Öffentlichen Verkehr.

Seit dem Jahr 2020 können auch in Schwechat Menschen, „die sich im Straßenverkehr nicht mehr sicher fühlen“, den Führerschein gegen eine kostenlose Öffi-Jahreskarte oder gegen Gutscheine für lokale Einrichtungen eintauschen, erzählt Bürgermeisterin Karin Baier. Die Idee dazu kam „von der Gruppe selbst“, vom Seniorenbeirat der Stadt. „36 Führerscheine wurden im ersten Jahr zurückgegeben“, kennt die Bürgermeisterin die Zahlen, „15 Personen entschieden sich für die Öffi-Jahreskarte, 21 für Gutscheine für lokale Unternehmen. Solange die Stadt das Budget dazu hat, das zu fördern, leisten wir uns das.“

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Foto: Spencer Imbrock, unsplash