Raum für Jung und Alt

Kind läuft auf verkehrsberuhigter Straße

Viele Beispiele zeigen: Schul- und Wohnstraßen, Begegnungszonen und Tempo 30 erhöhen die Sicherheit und schaffen Raum für aktive und selbständige Mobilität auch für Kinder und ältere Menschen.

Von Bernhard Hachleitner und Petra Sturm

Im Jahr 2020 kam nur ein Prozent der Kinder mit dem Roller zur Schule, zwei Jahre später waren es 18 Prozent – die Einrichtung einer Schulstraße vor der Volksschule in Bad Hofgastein zeigt Wirkung. Die Zahl der mit dem „Elterntaxi“ beförderten Kinder hat sich von zwölf auf sechs Prozent reduziert. „Und selbst diese Kinder steigen bei einer der drei Elternhaltestellen aus und gehen den restlichen Weg zu Fuß“, erzählt die Direktorin Heidi Schmidl.

Schulstraßen sind temporäre Fußgängerzonen in der Zeit vor Unterrichtsbeginn und in manchen Fällen nach Unterrichtsende. Vor Einführung der Schulstraße „hielten kurz vor Schulbeginn 50 bis 60 Autos der Eltern und verursachten ein Verkehrschaos“, so Schmidl. Das verursachte Lärm und Abgase und war darüber hinaus für die Kinder gefährlich. Deshalb legte die Schule im Schuljahr 2020/21 den Fokus auf einen klimaverträglichen, eigenständigen und sicheren Schulweg.

Neben der Schulstraße und den Elternhaltestellen wurde in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium für Verkehrssicherheit ein Schulwegplan erstellt und in Schulwegpässen können die Schülerinnen und Schüler für aktive zurückgelegte Schulwege Aufkleber sammeln. „Auch der Spaß kommt hierbei nicht zu kurz, schließlich treffen sich viele Kinder bei den Elternhaltestellen und bewältigen meist in kleinen Grüppchen den Weg zur Schule“, ergänzt die Direktorin. Mit der Straßenverkehrsordnungsnovelle im Jahr 2022 wurde die Schulstraße in Österreich gesetzlich verankert. Ähnliche Beispiele gibt es auch aus anderen Ländern: In Paris wurden bereits mehr als 200 Straßen zu „rues aux enfants“ (Straßen für Kinder) umgebaut. Das sind mit Pollern oder ähnlichen Barrieren abgesicherte Fußgängerzonen vor Schulen und Kindergärten. In der italienischen Stadt Bologna werden Fahrspuren in „Schulplätze“ umgewandelt.

Aktive Mobilität fördern

Bei Schulstraßen ist es offensichtlich, es gilt aber auch für andere Verkehrs- beruhigungsmaßnahmen, wie etwa Tempo 30, Wohnstraßen, Begegnungs- und Fußgängerzonen oder Supergrätzl: Kinder und Jugendliche werden in ihrer aktiven Mobilität gestärkt, wenn der öffentliche Raum attraktiver wird und Gehen sowie Radfahren gefahrloser möglich sind. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO bewegen sich in Österreich 85 Prozent der Mädchen und 71 Prozent der Buben im Alter von elf bis 17 Jahren zu wenig. Wird der Schulweg aktiv zurückgelegt und sind die Kinder und Jugendlichen auch in der Freizeit zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, kommen sie auf eine regelmäßige Portion gesunde Bewegung.

In dicht besiedelten Gebieten mit wenig Grünraum können Supergrätzl Teil der Lösung sein. Das erste Supergrätzl Österreichs wurde in Wien-Favoriten umgesetzt. Es besteht aus mehreren Häuserblocks mit einem verkehrsberuhigten Kern. Kfz-Verkehr wird unterbunden, Gehen und Radfahren gefördert. Das ermöglicht eine vielfältige Nutzung des öffentlichen Raums in einem geschützten Rahmen vom Spielen auf der Straße bis hin zu ersten Versuchen auf dem Fahrrad.

Aufenthaltsqualität und Sicherheit erhöhen

Schatten und Sitzgelegenheiten in Supergrätzln und anderen verkehrsberuhigten Bereichen erhöhen die Aufenthaltsqualität. Besonders wichtig ist das für ältere Menschen – jener weiteren großen Bevölkerungsgruppe, die besonders von Verkehrsberuhigung profitiert. Seniorinnen und Senioren leiden sehr stark unter den häufig sehr hohen Geschwindigkeiten und der Hektik in einem immer noch stark auf den Autoverkehr ausgerichteten System. „Eine verringerte Aufmerksamkeit oder Gedächtnisprobleme können die Fähigkeit beeinträchtigen, komplexe Verkehrssituationen zu beurteilen. Viele ältere Fußgängerinnen und Fußgänger verwenden zudem Gehhilfen wie Gehstöcke, Rollatoren oder Krücken, was ihre Mobilität beeinflussen kann“, weiß Elke Schimmel von november:city, einer Organisation, die auf die Planung von sozial integrativen, alltagstauglichen und bewegungsfreundlichen Umgebungen spezialisiert ist. „Wovon Seniorinnen und Senioren, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, am meisten profitieren, sind jene Maßnahmen, die niedrigere Geschwindigkeiten in die Stadt bringen und auch ein konfliktfreies Nebeneinander unterschiedlicher Geschwindigkeiten ermöglichen.“ Für ältere Menschen sind also gut ausgebaute Geh- und Radwege, Begegnungszonen und Tempo 30 besonders wichtig. Es ist auch eine Frage der Sicherheit: „Die häufigsten Unfälle mit schwerem oder sogar tödlichem Ausgang, in die ältere Menschen verwickelt sind, betreffen ältere Fußgängerinnen und Fußgänger“ sagt Peter Kostelka, Präsident des Pensionistenverbandes Österreichs. Und: „Das E-Bike hat viele Seniorinnen und Senioren wieder zu Radfahrenden gemacht. Sie sollten das auch möglichst gefahrlos tun können“, so Kostelka. „Dazu braucht es überall dort weitere Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, wo sich verschiedene Mobilitätsformen – etwa Gehen und Radfahren – Verkehrsflächen mit Autos teilen.“ Damit das überall klappt ist ein Paradigmenwechsel notwendig: ein neues Verständnis des Miteinanders im Verkehr, „in dem Recht und Vorrang nicht bei den stärksten, schnellsten, und wendigsten Verkehrsteilnehmenden angesiedelt sind, sondern bei den langsamsten und schutzlosesten.“

Wohlbefinden und Selbständigkeit auch im Alter

Das zeigt sich in vielen Gemeinden und Städten, die auf Tempo 30 setzen, Begegnungszonen einrichten und insgesamt die Umgebung wieder mehr an den Menschen anpassen. „Wenn eine Stadt oder Gemeinde sich darum bemüht, ein Umfeld zu schaffen, das auf diese Aspekte angemessen eingeht, kann dies positive Auswirkungen auf die Alltagsbewältigung älterer Menschen haben und ihre Autonomie fördern“, ergänzt Elke Schimmel. „Durch aktive Mobilität bleiben ältere Menschen auch länger fit und unabhängiger und können leichter an sozialen und kulturellen Aktivitäten teilnehmen. Regelmäßige Bewegung kann auch Depressionen vorbeugen oder deren Symptome lindern und die allgemeine Stimmung verbessern.“ Verkehrsberuhigende Maßnahmen kommen laut der Expertin übrigens älteren Frauen besonders zugute, da diese oft komplexere Wege vom Einkaufen bis zur Betreuung von Enkelkindern zurücklegen und viel seltener als Männer der gleichen Altersgruppe einen Führerschein besäßen. Frauen allgemein und besonders ältere Frauen würden deshalb häufiger öffentliche Verkehrsmittel nutzen und mehr zu Fuß gehen.

Grundsätzlich lässt sich also sagen, dass jene Personen am meisten von Verkehrsberuhigung profitieren, die in einem autozentrierten Mobilitätssystem benachteiligt sind. Verkehrsberuhigung ist aber dennoch keine Klientelpolitik für bestimmte Personengruppen, sondern kommt allen Bevölkerungsgruppen zugute. Oder mit den Worten von Elke Schimmel formuliert: „Wir werden alle älter, wir können alle auch einmal in unserer Beweglichkeit beeinträchtigt sein – und sei es nur durch das Schieben eines Kinderwagens. Eine für Seniorinnen und Senioren gerecht gestaltete Stadt kommt uns also allen im einen oder anderen Moment des Lebens entgegen.“

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