Renate Hammer - direkt gefragt

„Alles, was mehr Wärme in Städte bringt, muss hinterfragt werden“

Porträtfoto Renate Hammer
Renate Hammer ist Architektin und Philosophin sowie Geschäftsführerin des Institute of Building Research and Innovation (IBRI)

VCÖ-Magazin: Klimaanpassung betrifft viele Bereiche, dazu gehört auch der Wohnbau. Wo müssen wir umdenken? Worauf mehr achten?

Renate Hammer: Bis vor kurzem kam der Wohnbau ohne aktive Temperierungsmaßnahmen aus. Die Geschwindigkeit, mit der der Klimawandel voranschreitet, ändert das. Vor allem in städtischen Ballungsräumen bilden sich Hitzeinseln aus, die eine Kühlung durch natürliche Nachtlüftung auch über mehrere Tage hinweg unmöglich machen. Das belastet unser Wohlbefinden und bedroht unsere Gesundheit. Wo es möglich ist, sollten zumindest die Schlafräume einer Wohnung temperierbar sein. Wesentlich ist, dass die Wärme, die wir den Innenräumen entziehen, sinnvoll verwendet wird, etwa zur Bereitung von Warmwasser. Können Wohnungen nicht temperiert werden, gilt es Cool-Spots einzurichten – also gekühlte Räume, die für alle zur Erholung zugänglich sind. Dabei muss besonders auf vulnerable Gruppen, wie etwa Kleinkinder, Schwangere, Ältere oder kranke Menschen geachtet werden. Aber auch auf Menschen, die an den Folgen nachteiliger Wohnsituationen leiden, wenn etwa der außenliegende Sonnenschutz fehlt oder keine Querlüftung möglich ist – und jene mit belastenden Arbeitssituationen, etwa im Straßenbau.

VCÖ-Magazin: Mit welchen konkreten Maßnahmen kann auf die zunehmend extremeren Klimabedingungen in dicht bebauten Gebieten reagiert werden?

Renate Hammer: Am wirkungsvollsten sind Kombinationen von Maßnahmen, etwa ausreichend mit Wasser versorgte Bäume, sowie Durchlüftung, Verschattung und Vermeidung von Wärmeabgabe in den Öffentlichen Raum durch Klimaanlagen oder Verbrennungsmotoren. Auch die Gestaltung von Oberflächen ist entscheidend. Einerseits gilt es, die Einspeicherung von Wärme möglichst zu vermeiden, etwa durch helle oder bepflanzte Oberflächen, andererseits Menschen nicht zusätzlicher Strahlung durch Reflexion auszusetzen. Eine kluge Gestaltung von Gebäudesockelzonen ist hier besonders wichtig.

VCÖ-Magazin: Was bedeutet klimaneutrale und nachhaltige Baukultur?

Renate Hammer: Die Herausforderung besteht darin, Gebäude so zu gestalten, dass sie in der Errichtung, im Betrieb und im Rückbau netto keine Treibhausgas-Emissionen verursachen. Nachhaltigkeit geht darüber noch hinaus, etwa indem wir uns Gedanken machen, wie wir mit Gebäuden und Außenanlagen zur Biodiversität beitragen können, wie wir Stoffkreisläufe schließen, keine Umweltgifte abgeben und sozial verträglich zusammenleben.

VCÖ-Magazin: Wie würde ein zukunftsfähiges, idealentwickeltes Stadtentwicklungsgebiet aussehen und was müssen wir bzw. Entscheider dafür tun? Was macht eine „Green City“ aus und wie müsste sie gedacht und umgesetzt werden?

Renate Hammer: Es geht um Transformation des bereits Bestehenden, um einem verantwortungsvollen Umgang mit unseren Bodenressourcen zu ermöglichen. Wohnen ist ein zentrales Bedürfnis, kann aber nur sinnvoll bedient werden, wenn Ernährungssicherheit besteht. Beides muss gemeinsam geplant werden, speziell unter geänderten Klimabedingungen. Im Zusammenspiel von Umland und Bestandsstadt geht es darum die Potentiale zu kennen und durch den Städtebau zu nutzen, wie durch das Freihalten von Windschneisen, bewaldeten Hängen oder Flüsse entlang derer kühlere Luft in die Stadt kommen kann.

VCÖ-Magazin: Welche Rolle spielt neben den anderen Einflussfaktoren die Mobilität bei der Verbesserung des urbanen Mikroklimas?

Renate Hammer: Alles, was mehr Wärme in unsere Städte bringt, wie asphaltierte Straßen durch Absorption der solaren Strahlung oder Fahrzeuge durch Verbrennungsprozesse, muss hinterfragt werden. Hier gibt es gute Lösungen, wie die 15-Minuten-Stadt, die zur Lebensqualität durch fußläufige Erreichbarkeit beiträgt.

VCÖ-Magazin: Müssen wir den Öffentlichen Raum in Zukunft anders denken?

Renate Hammer: Der Öffentliche Raum sollte so gestaltet sein, dass wir uns dort alle gleichermaßen gut und gerne aufhalten können.

Das Gespräch führten Petra Sturm und Bernhard Hachleitner.

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