Tempo 30 als neue Norm

Tempo 30-Vorreiter: Städte und Gemeinden machen es vor. Wales plant für das Jahr 2023 sogar die landesweite Umsetzung.

Graz macht es seit über 30 Jahren. Bilbao nicht ganz so lange. Und Wales möchte ab September 2023 zeigen, wie es landesweit gehen kann: Der Trend zu Tempo 30 - auch auf Hauptverkehrsstraßen - scheint kaum aufzuhalten zu sein.

Von Doris Neubauer

Im September ist es soweit: Über Nacht wird das Tempolimit in Wales auf Straßen, wo viele Fußgängerinnen und Fußgänger unterwegs sind,  auf 20 Meilen pro Stunde (rund 32 Stundenkilometer) umgestellt. „Bisher galt auf diesen Straßen ein 30 Meilen-Tempolimit, und lokale Behörden mussten begründen, warum 20 Meilen in Ausnahmefällen besser wäre“, erklärt Lee Waters, stellvertretender Minister für Klimawandel, „ab September ist es umgekehrt.“ 31 Jahre, nachdem Graz als erste Stadt in Österreich flächendeckend Tempo 30 eingeführt hat, sollen in Wales 20 Meilen erstmals landesweit die „neue Norm“ werden.

„Es wird sich langsam normalisieren“, macht sich Waters keine Illusionen über sofortige Verhaltensänderungen, „anfangs fühlt es sich seltsam an, mit 20 Meilen pro Stunde zu fahren. Man braucht ein paar Wochen, um sich an das weniger stressige Fahren zu gewöhnen.“ Er bezieht sich auf Erfahrungen in acht Regionen, in denen die Einführung des niedrigeren Tempolimits getestet wurde. Geldstrafen haben sich als unwirksam herausgestellt. Schulkinder mit Kameras auszustatten und sie Autofahrende bei einem Überschreiten der 20 Meilen-Grenze auf die Gefahren aufmerksam machen zu lassen, „war erfolgreich bei der Verhaltenserziehung der Fahrenden“.

Landesweite Maßnahmen

Die landesweiten Maßnahmen werden zurzeit genauso ausgearbeitet wie die Kommunikationskampagne, die im März starten soll. Damit hofft Waters, auch die Kritiker vom Tempolimit zu überzeugen: Zwar unterstützen zwei Drittel an ihrem Wohnort 20 Meilen und 62 Prozent befürworten, dass auf den Straßen langsamer gefahren wird. „20 Prozent mögen diese Maßnahmen nicht“, weiß er, „leider sind sie unverhältnismäßig laut.“ Die Geschwindigkeitsbeschränkung wäre unbequem, würde die persönlichen Rechte einschränken und ohnehin nicht eingehalten: „Bei der Einführung der Anschnallpflicht wurden ähnliche Argumente laut“, nimmt er es gelassen, „heute klingen diese
absurd. Das wird beim Tempo-Limit ebenfalls passieren.“

Kritik kam auch aus den eigenen Reihen: Nach einem Bericht der Regierung kämen zu den 33 Millionen Pfund (rund 39 Millionen Euro) für Einführungsmaßnahmen wie die Änderung der Beschilderung, Kosten durch die Verlängerung von Fahrten. „Ja, es gibt Kosten“, kontert Waters, „aber es wird auch gespart.“ 100 Millionen Pfund (112 Millionen Euro) würde das Gesundheitswesen laut einer Studie des Transport Research Institute (TRI) der Edinburgh Napier University in Zusammenarbeit mit Public Health Wales im ersten Jahr einsparen. „Unsere Einschätzung zeigt eine durchschnittliche Zunahme von einer Minute pro Fahrt. Aber es werden neun Menschenleben gerettet und 98 schwere Verletzungen jährlich verhindert.“

Die Verringerung von Verletzten und Todesopfern ist nur einer der Gründe, warum Vorreiterstädte wie Amsterdam, Paris, Madrid, Palma de Mallorca, Grenoble, Oslo, Helsinki, Gent und Brüssel immer mehr Nachahmer finden. In Spanien gilt im Ortsgebiet seit Mai 2021 auf Straßen mit nur einer Fahrspur pro Fahrbahn Tempo 30 als Höchstgeschwindigkeit. Für die Initiative „Tempo 30 / 80 / 100 – jetzt!“, initiiert von heimischen Verkehrsexpertinnen und Verkehrsexperten stellen Temporeduktionen die effizienteste Maßnahme dar, Treibhausgas-Emissionen und den Verbrauch an fossilen Treibstoffen zu senken. Sie berufen sich dabei unter anderem auf eine Studie der Österreichischen Forschungsgesellschaft Straße - Schiene - Verkehr (FSV). Die Reduktion von 50 auf 30 Stundenkilometer habe zudem laut einer Untersuchung des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) positive Auswirkungen auf den Fuß- und Radverkehr.

Entscheidungsfreiheit für Städte und Gemeinden

Zudem entlastet die Geschwindigkeitsbegrenzung die Bevölkerung von Lärm, findet sich im Positionspapier des „Schweizerischen Städteverband“ ein weiteres Argument. Die rund 130 Mitgliedsstädte fordern deshalb auf allen Straßen im Siedlungsgebiet Tempo 30. So weit geht die Forderung der deutschen Initiative „Lebenswerte Städte und Gemeinden“ nicht. „In die grundsätzliche und manchmal ideologische Diskussion wollen wir nicht abdriften“, sagt Thomas Dienberg, Bürgermeister der Stadt Leipzig (Grüne) und
Sprecher der Initiative. „Wir wollen schnell etwas erreichen. Es geht uns um die Freiheit der Kommunen zu entscheiden, wo Tempo 30 als Höchstgeschwindigkeit vor Ort angemessen ist.“ Derzeit können Städte und Landkreise nur vor Einrichtungen wie Kindergärten eine Geschwindigkeitsbegrenzung anordnen. „In Leipzig haben wir viele Hauptverkehrsstraßen, wo wir eine Temporeduzierung wollen“, klagt Dienberg. Das verhindert aber derzeit die deutsche Straßenverkehrsordnung. Fallbeispiele hatten auch Aachen, Augsburg, Freiburg, Hannover, Leipzig, Münster und Ulm parat. Gemeinsam gründeten sie im Juli 2021 die Initiative, zu der mittlerweile 537 Städte, Gemeinden und Landkreise zählen (Stand 14.03.2023). Das zeigt, wie breit die Forderung nach niedrigeren Geschwindigkeiten im Ortsgebiet ist. In Zukunft, so Bürgermeister Dienberg, sollen Kommunen selbst entscheiden können, wo Tempo 30 die neue Norm wird. Dafür macht die Initiative Druck.

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