Wie der Öffentliche Verkehr Städte grüner macht

Busstation mit begrüntem Dach und Pflanzen in Graz

Haltestellen rücken als Eingangstor zum Öffentlichen Verkehr immer mehr ins Zentrum einer zukunftsweisenden Debatte. Städte in aller Welt – von Graz bis Auckland – setzen zur Steigerung der Aufenthaltsqualität gezielt auf klimafitte Infrastruktur.

Von Doris Neubauer

Täglich warten an Bushaltestellen tausende Menschen auf öffentliche Verkehrsmittel – im Sommer oft bei brütender Hitze, auf aufgeheiztem Asphalt, ohne Schatten und manchmal sogar ohne Sitzgelegenheit. Dass es auch anders geht, zeigt der Busbahnhof Premstätten südlich von Graz. Er wurde bei der VCÖ-Wahl von einer siebenköpfigen Fachjury und 6.700 Stimmen von Fahrgästen zur besten Haltestelle Österreichs gekürt. Der Busbahnhof ist nicht nur ein moderner Umsteigeknoten im RegioBus-Netz, der Gemeinden wie Kalsdorf, Hausmannstätten und Raaba-Grambach effizient mit der steirischen Landeshauptstadt verbindet. Er ist auch ein Musterbeispiel für klimafitte Infrastruktur im Stadtrandbereich: Eine Photovoltaikanlage erzeugt mehr Strom als verbraucht wird, Regenwasser bewässert über 50 neu gepflanzte Bäume, eine Bike-and-Ride-Anlage fördert die Multimodalität.

Begrünung und Beschattung

Auch in Graz selbst verfolgen die Stadt Graz, die Graz Linien und das Außenwerbeunternehmen Ankünder den gemeinsamen Plan, die rund 400 Wartehäuschen und Haltestellen im Stadtgebiet kühler und damit auch bei zunehmender Hitze attraktiver zu gestalten. „Wenn es der Platz zulässt, sollte ein harmonisches Zusammenspiel aus Wartehaus, Sitzgelegenheit und ein bis zwei Bäumen das Ziel sein“, erklärt Martin Schmidt von Graz Linien. In der Praxis stößt das aber schnell an Grenzen: „Auf einem typischen Gehsteig, mit Radweg daneben und einem Wartehaus, gibt es oft schlicht keinen Raum für Bäume.“ Oberleitungen, Leitungen im Untergrund und Beleuchtungsabspannungen erschweren Begrünungsmaßnahmen nicht nur in der Innenstadt: „In der Peripherie ist es nicht immer leichter“, räumt Schmidt mit einem verbreiteten Vorurteil auf. Dennoch werden Begrünungs- und Beschattungsmaßnahmen bei Umbauten wo möglich seit Jahren entsprechend mitgeplant.

Da schattenspendende Bäume nicht überall möglich sind, wurden die Glasdächer der Wartehäuser an Standorten wie dem Griesplatz oder der Münzgrabenstraße bereits durch begrünte Sedum-Dächer ersetzt. Was vor der direkten Sonneneinstrahlung schützt, wirkt sich allerdings auch aufs Sicherheitsempfinden der Wartenden aus: „Am Abend sind diese Wartehäuser dunkler, weil die Straßenbeleuchtung nicht durchdringt.“ Zudem komme der Grüneffekt vor allem jenen zugute, die von oben aufs Dach blicken – also den Bewohnenden der umliegenden Häuser.

Eine pragmatische Lösung hat Graz bereits für bestehende Wartehäuser gefunden: Über 40 Fahrgastunterstände wurden mit UV- und Sonnenschutzfolie ausgestattet, die nahezu 100 Prozent der UV-Strahlung absorbiert und die Sonneneinstrahlung um bis zu zwei Drittel dämpft – bei relativ geringen Kosten von rund 1.000 Euro pro Standort. Die Auswahl erfolgte bedarfsorientiert an besonders exponierten Stellen, wie der Keplerstraße oder dem Kaiser-Josef-Platz.

Satellitendaten zeigen Handlungsbedarf

Besonders systematisch geht Prag vor, um sich an den Klimawandel anzupassen. Gestützt auf Analysen des Instituts für Planung und Stadtentwicklung (IPR Praha) wurde eine „Urban Heat Vulnerability Map“ entwickelt, die alle Bus- und Tramhaltestellen nach ihrer Hitzegefährdung in fünf Kategorien einteilt. Grundlage sind Satellitendaten, Fahrgastfrequenzen und Vegetationsindizes. Je höher der errechnete Vulnerabilitätsindex, desto dringlicher der Handlungsbedarf.

Die Ergebnisse dieser Kartierung haben gezeigt, dass Haltestellen in engen, historisch geschützten Straßen kaum Begrünungspotenzial bieten. Offene Korridore in Stadtrandgebieten oder an Ausfallstraßen bieten hingegen gute Voraussetzungen für Bäume und Vegetation. Über 200 klimaangepasste Haltestellen gibt es in Prag heute, darunter Wartehäuschen mit Sedum-Gründächern, Sprühnebel-Systemen und Trinkwasserstellen. „Derzeit wird an einem Gesamtkonzept für die grüne Infrastruktur Prags gearbeitet“, erklärt Nathalie Burdová vom IPR Praha. „Alle Grünflächen werden kartiert – daraus soll eine Grundlage entstehen, die zeigt, wo neue Maßnahmen sinnvoll sind.“ Ergänzt wird das durch eine Karte kühler Orte mit sicheren Wegen zu öffentlichen Verkehrsmitteln.

Vom Versuch zum Standard

Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel finden auch im fernen Neuseeland statt. Nach einem Inspirationsbesuch in den Niederlanden begann Auckland Transport im Jahr 2020 damit, Bushaltestellen als aktive Klimainfrastruktur zu begreifen. An zwei Pilotstandorten in Panmure und Clover Park wurden Unterstände mit über 1.000 Pflanzen auf sogenannten lebenden Dächern und Wänden bestückt. Technologische Basis ist das sogenannte Eco-Pillow-System: Kissen aus recyceltem Polystyrol, die als Pflanzsubstrat dienen und die Konstruktion leicht halten. Die Wirkung ist messbar: Lebende Dächer senken die Oberflächentemperatur um 32 bis 56 Prozent und halten bis zu 80 Prozent des Niederschlags zurück. Das ist in einer Stadt, die regelmäßig mit Starkregen kämpft, ein entscheidender Vorteil.

Bewusst wurden Vororte als Testgebiet gewählt. „Viele dieser Korridore sind durch geringen Baumbestand und ausgedehnte harte Oberflächen geprägt, was die Hitze verstärkt“, erklärt Para Koirala, Decarbonisation and Fleet Specialist bei Auckland Transport. „Durch den Fokus auf diese gefährdeten Bereiche wollten wir unmittelbare und langfristige Herausforderungen durch steigende Temperaturen angehen.“ Im Jahr 2024 folgte die Ausweitung auf 25 Bushaltestellen in weiteren Vororten. Nach Abschluss der Evaluierungsphase im Juni 2026 sollen Gründächer schrittweise zur Regel- ausstattung werden – mit besonderem Fokus auf jene Stadtteile im Süden Aucklands, die am stärksten von Hitze betroffen sind.

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Foto: Christian Gratzer/VCÖ

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