Zu Fuß oder per Rad zum Öffentlichen Verkehr

Bahnhof mit Fahrradbox und einfahrendem Zug

Werden die Wege zu Bus oder Bahn zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt, so profitieren Umwelt und Gesundheit gleichermaßen. Wichtig sind gut und sicher erreichbare Haltestellen, ausreichend Fahrradabstellplätze und Barrierefreiheit.

Von Susanne Wolf

Mit dem Bus oder der Bahn zu fahren ist auf den ersten Blick kein Teil der aktiven Mobilität – doch bei Betrachtung der gesamten Wegekette zeigt sich ein anderes Bild. Wer mit dem Öffentlichen Verkehr unterwegs ist, legt den Weg von und zur Haltestelle in vielen Fällen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. Diese Bewegung hat positive gesundheitliche Effekte, vor allem, wenn die Wege regelmäßig zurückgelegt werden, etwa von Pendlerinnen und Pendlern. Eine Studie der London School of Hygiene & Tropical Medicine und des University College of London (UCL) zeigt einen signifikanten Einfluss auf das Körpergewicht: Männer, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln pendelten, waren um durchschnittlich drei Kilogramm leichter als die Autofahrer, bei den Frauen betrug der Unterschied zweieinhalb Kilogramm. Dementsprechend niedriger lagen auch die Werte beim Body Mass Index und Körperfettanteil. Naheliegend scheint ein Zusammenhang mit den aktiven Wegen von und zur Haltestelle. Das kanadische Victoria Transport Policy Institute erhob bei Pendelnden eine durchschnittliche körperliche Aktivität durch Alltagswege von 19 Minuten pro Tag, bei Autofahrenden dagegen von nur sechs Minuten.

Ein wichtiger Faktor für die häufige Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel – und die aktiv zurückgelegten Wege zu den Haltestellen – ist eine gut ausgebaute Infrastruktur. In einem verkehrsberuhigten Umfeld steigt die Bereitschaft, längere Strecken zu Fuß zu gehen. Der Einzugsbereich von Haltestellen des Öffentlichen Verkehrs wird dadurch deutlich vergrößert.

Vorarlberg zeigt es vor

Wie sehr oft in Mobilitätsfragen zeigt Vorarlberg, wie es geht: Im westlichsten Bundesland Österreichs spielt das Fahrrad eine große Rolle als Zubringer zum Öffentlichen Verkehr. Dementsprechend fördert der Verkehrsverbund Vorarlberg die Kombination von Rad und Öffentlichem Verkehr. 77 Prozent der Menschen in Vorarlberg erreichen den nächsten Knotenpunkt des Öffentlichen Verkehrs mit dem Rad in maximal zehn Minuten. Zudem stehen an allen Bahnhöfen und vielen Bushaltestellen Radabstellplätze und Fahrradboxen zur Verfügung. „Aktuell gibt es in Vorarlberg bereits mehr als 600 Vmobil Radboxen“, sagt Daniel Amann vom Verkehrsverbund Vorarlberg. „Im Jahr 2026 sind weitere 156 Radboxen an drei Bahnhöfen geplant.“ Die Rückmeldungen der Fahrgäste seien größtenteils positiv. „Die Radboxen sind einfach zu bedienen und bieten einen hochwertigen Schutz vor Vandalismus, Diebstahl und Wetter“, so Amann.

Die Erschließung von Bus- und Bahnhaltestellen für den Radverkehr ist auch ein wichtiger Teil der Radverkehrsstrategie „Ketten-Reaktion“. Über einen eigenen Infrastrukturbeirat wird die Verknüpfung an den Bahnhaltestellen in Zusammenarbeit von Gemeinden, ÖBB, Verkehrsverbund, Verkehrsplanung und dem Land verkehrsträgerübergreifend geplant. Für die Bushaltestellen sind die einzelnen Gemeinden zuständig, das Land fördert Gemeindeaufwendungen für Bike and Ride-Stationen an Bushaltestellen im Rahmen der Förderung kommunaler und regionaler Nahverkehrsvorhaben. Dass diese Haltestellen auch architektonisch ein Gewinn sein können, zeigt die von Albrecht-Bereiter-Architekten gestaltete Bus- und Fahrradabstellanlage am Engelkreisverkehr in Lustenau. Die Architektur kommt mit wenigen, dafür hochwertigen Materialien aus: Beton für den zu modellierenden Baukörper, Holz für die Möblierung und eine adäquate Beleuchtung.  50 Fahrräder können witterungsgeschützt geparkt werden. Im Wartebereich informiert ein Abfahrtsmonitor die Fahrgäste in Echtzeit über Buslinien und Fahrplan. Gerade in einer weitläufigen Gemeinde wie Lustenau ist das Fahrrad ein idealer Zubringer zum Öffentlichen Verkehr, und das nicht nur zur Bahn, sondern auch zum Bus.

Walkability und Bikeability als Gradmesser

Im Land Salzburg wurde die Erreichbarkeit und Ausstattung von Haltestellen wissenschaftlich untersucht. „Grundsätzlich kann man sagen, dass die Haltestellen in Salzburg für Fußgängerinnen und Fußgänger und Radfahrende gut erreichbar sind und nach Möglichkeit auch über geeignete Fahrradabstellplätze verfügen“, sagt Christian Kainz vom Salzburger Verkehrsverbund. Dennoch gebe es noch Verbesserungspotenzial: „Gemeinsam mit der Universität Salzburg arbeitet der Salzburger Verkehrsverbund an einer Möglichkeit, die Zugänglichkeit der Haltestellen und Bahnhöfe standardisiert zu bewerten und somit vergleichbar zu machen.“

Im Rahmen des Projekts Ultimob wurden im Zeitraum 2019 bis 2024 Lösungen für die Mobilität der Zukunft erarbeitet und dabei Bushaltestellen auf ihre Bikeability und Walkability untersucht. Dabei stehen der Komfort und die Sicherheit im Mittelpunkt. Diese Werte auf einer Skala von null bis zum Höchstwert eins basieren auf der Eignung des Straßenraums für Radfahrende (Bikeability) sowie Fußgängerinnen und Fußgänger (Walkability) und werden dann den jeweiligen Gemeinden zur Verfügung gestellt – als Basis für allfällige Verbesserungen. „Höchstwerte erhalten beispielsweise Fußwege entlang eines Wasserkörpers mit einem hohen Grünraumanteil und reduziertem motorisiertem Verkehr“, erklärt Kainz. In der Pilotregion Großraum Salzburg wurde ein Planungstool entwickelt, das mit innovativen GIS-gestützten Planungsgrundlagen die Umsetzung neuer, nachfrageorientierter Mobilitätsangebote unterstützt. Im Umkreis von drei Kilometern um den Mobilitätsknoten Salzburg-Aiglhof etwa liegt die mittlere Bikeability bei 0,55 – der höchste Durchschnittswert aller untersuchten Haltestellen. Bei der Walkability im Umkreis von 500 Metern erreicht Salzburg-Aiglhof mit einem Walkability-Wert von 0,7 den vierthöchsten Wert.

Hohes Potenzial durch gute Infrastruktur

Wie groß das Potenzial aktiver Mobilität als Zubringer zum Öffentlichen Verkehr ist und wie wichtig dabei die Infrastruktur an den Haltestellen sowie gute Bedingungen zum Gehen und Radfahren sind, zeigt der Vergleich mit den Niederlanden. Während in Österreich 40 Prozent zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Bahn kommen, sind es in den Niederlanden laut Dutch Cycling Embassy 68 Prozent. Noch im Jahr 2000 waren es „nur“ 50 Prozent. Hinter dieser erfolgreichen Entwicklung stehen vor allem weitere Verbesserungen im allgemein sehr dichten Radwegnetz und ein starker Ausbau der Fahrradabstellplätze bei den Bahnhöfen.

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Foto: Spencer Imbrock, unsplash