VCÖ-Fachkonferenz: Mehr Radinfrastruktur vermeidet Unfälle und bringt mehr Radverkehr

Fehlende gefühlte Sicherheit, hohes Verkehrsaufkommen und hohes Tempo halten vom Radfahren ab

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VCÖ (Wien, 20. Mai 2026) – Rund 3,8 Millionen Menschen in Österreich ab 16 Jahren nutzen zumindest gelegentlich das Fahrrad als Verkehrsmittel, davon 1,8 Millionen täglich oder mehrmals pro Woche, wie eine aktuelle VCÖ-Analyse auf Basis von Daten der Statistik Austria zeigt. Das Potenzial für mehr Radverkehr ist in Österreich groß, vier von zehn Autofahrten sind kürzer als fünf Kilometer, wurde bei der heute online durchgeführten VCÖ-Fachveranstaltung festgestellt. Eine zentrale Voraussetzung für mehr Radverkehr ist eine sichere Radinfrastruktur. Im Ballungsraum Kopenhagen ist durch die Umsetzung von Radschnellwegen die Zahl der Radfahrerinnen und Radfahrer auf der jeweiligen Route im Schnitt um 52 Prozent gestiegen, in der deutschen Stadt Freiburg hat sich der Radverkehr auf einer neuen Radvorrangroute mehr als verdoppelt.

„Österreichs Radwegenetz hat viele Lücken. Schlechte oder fehlende Radinfrastruktur hält viele davon ab, das Fahrrad als Verkehrsmittel zu nutzen. Österreich kann sein Ziel, den Radverkehrsanteil bis zum Jahr 2030 auf mindestens 14 Prozent erhöhen, nur durch mehr und bessere Radinfrastruktur erreichen“, stellte VCÖ-Expertin Klara Maria Schenk in ihrem Vortrag fest. Rad-Infrastruktur schützt sowohl objektiv als auch subjektiv. Im Mischverkehr mit Tempo 50 gibt es pro Million gefahrene Kilometer doppelt so viele Radunfälle wie auf baulich getrennten Radwegen. Im Dreijahreszeitraum 2022 bis 2024 passierten 83 Prozent der tödlichen Radunfälle auf Straßen mit Kfz-Verkehr ohne Radverkehrsanlage, während es auf baulich getrennten Radwegen keinen einzigen tödlichen Radunfall gab, wie eine aktuelle VCÖ-Analyse zeigt. Und 76 Prozent der Unfälle mit schwer verletzten Radfahrenden passierten auf Fahrbahnen mit Kfz-Verkehr, nur sechs Prozent auf Radwegen. Auch die subjektive Sicherheit ist auf Radwegen und Fahrradstraßen am höchsten und im Mischverkehr bei Tempo 50 am niedrigsten, wie eine Studie für Wien zeigt.

„Fehlende subjektive Sicherheit ist der Hauptgrund nicht Rad zu fahren“, betonte die Wissenschafterin Henrike Rau von der Ludwig-Maximilians-Universität München unter Verweis auf Studienergebnisse. Sichere Bedingungen zum Radfahren sind insbesondere für Eltern sehr wichtig. Eine Erhebung in Deutschland zeigt, dass 52 Prozent der Eltern Angst haben, dass ihr Kind einen Radunfall erleiden kann, 26 Prozent der Eltern beschränken aus Angst vor einem Verkehrsunfall das Radfahren ihres Kindes. Hohes Verkehrsaufkommen und hohes Verkehrstempo schränken die subjektive Sicherheit ein, so ein Ergebnis einer Befragung von Radfahrerinnen und Radfahrern in München. Neben der Infrastruktur hat auch die Einschätzung der eigenen Kompetenz Einfluss darauf, ob man sich beim Radfahren sicher fühlt. Ältere Menschen, Frauen und selten Radfahrende fühlen sich weniger sicher. Es ist wichtig, in der Verkehrsplanung das Fahrrad stärker mitzudenken und die Gefahren zu reduzieren, etwa durch Tempo 30 oder baulich getrennte Radwege, betonte die Wissenschafterin Henrike Rau.

In Freiburg (235.000 Einwohnerinnen und Einwohner) liegt der Radverkehrsanteil bei 34 Prozent. Zum Vergleich: Linz mit einer Bevölkerung von 215.000 Menschen hat einen Radverkehrsanteil von elf Prozent. In Freiburg werden 49 Prozent der Arbeitswege mit dem Rad gefahren, zwei Drittel der Freiburger Bevölkerung nutzen das Fahrrad täglich oder mehrmals pro Woche. Bei einer Befragung, warum sie Radfahren, gaben als häufigsten Grund 81 Prozent an, dass sie mit dem Fahrrad ihr Ziel schnell erreichen. Die Radinfrastruktur spielt dafür eine große Rolle. Drei Radvorrangrouten sind bereits umgesetzt, fünf weitere sowie drei Radschnellverbindungen zwischen Stadt und Umland sind in Planung. Durch die Umsetzung der Radvorrangroute 2 konnte die Zahl der Radfahrerinnen und Radfahrer auf diesem Abschnitt mehr als verdoppelt werden. 15 Engpässe wurden auf der davor lückenhaften Verbindung baulich beseitigt, etwa durch Unterführungen und Verbreiterungen. Es entstand eine sechs Kilometer lange, ampelfreie und beleuchtete Radverbindung. Florian Schneider, Radverkehrsplaner der Stadt Freiburg, betont: „Build it and they will come: Die Radvorrangroute 2 zeigt, wie der systematische Ausbau zu messbar mehr Radverkehr führt."

Im Ballungsraum Kopenhagen wurde das Netz an Radschnellwegen von zwölf Kilometer im Jahr 2012 auf 244 Kilometer im Jahr 2025 stark ausgebaut. Bis zum Jahr 2045 sollen weitere 600 Kilometer Radschnellwege folgen, berichtete Ida Nygaard Hvidt vom Office for Cycle Superhighways. „Die Radschnellwege in der Hauptstadtregion Dänemarks sind ein gemeindeübergreifendes Projekt von 27 Kommunen. Gemeinsam schaffen sie durchgängige, direkte und sichere Radrouten in der Hauptstadtregion, um Pendlerinnen und Pendlern die Nutzung des Fahrrads zu erleichtern.“

Die 16 umgesetzten Radschnellwege haben zu deutlich mehr Radverkehr geführt, im Schnitt waren nach deren Eröffnung um 52 Prozent mehr Radfahrerinnen und Radfahrer unterwegs als davor. Mit zwölf Kilometern ist die durchschnittliche Länge der Radfahrten etwa dreimal so lang wie in Österreich die durchschnittliche Länge einer Radfahrt. 53 Prozent fahren auch im Winter mit dem Rad. 40 Prozent der neuen Radfahrerinnen und Radfahrer stiegen vom Auto aufs Rad um. 64 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer der Radschnellwege haben ein Auto, pendeln aber mit dem Rad.

Dass Ausbau und Verbesserung der Radinfrastruktur zu mehr Radverkehr führen, zeigt auch die neue Fahrradstraße in der Argentinierstraße in Wien. Hier nahm die Zahl der Radfahrerinnen und Radfahrer im 1. Halbjahr nach der Eröffnung um 22 Prozent zu, berichtete Lorenz Siegel von der Mobilitätsagentur Wien.

Wie radfahrfreundlich Österreichs Gemeinden und Städte sind, erhebt der VCÖ derzeit im Rahmen einer Umfrage. An der Umfrage kann online hier teilgenommen werden.

Webtipp: Vorträge zum Nachsehen gibt es hier.

Quellen und Daten

VCÖ: Weniger Unfälle und mehr Verkehrssicherheit auf baulich getrennten Radwegen
(Verunglückte Radfahrende in Österreich im Zeitraum 2022 bis 2024)

  • FAHRBAHN MIT KFZ-VERKEHR OHNE RADVERKEHRSANLAGE
    • Anteil tödlich Verletzte: 83 Prozent
    • Anteil schwer Verletzte: 76 Prozent
    • Anteil Radunfälle: 70 Prozent
  • NICHT BAULICH GETRENNTE RADVERKEHRSANLAGEN
    • Anteil tödlich Verletzte: 17 Prozent
    • Anteil schwer Verletzte: 18 Prozent
    • Anteil Radunfälle: 24 Prozent
  • BAULICH GETRENNTE RADWEGE
    • Kein tödlicher Radunfall
    • Anteil schwer Verletzte: 6 Prozent
    • Anteil Radunfälle: 6 Prozent

Quelle: Statistik Austria, VCÖ 2026

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