VCÖ: Hoher Dieselverbrauch des Lkw-Verkehrs ist deutlich reduzierbar

VCÖ-Fachveranstaltung: Kreislaufwirtschaft, Logistik und höhere Transitentschädigung vermeiden Lkw-Fahrten

VCÖ (Wien, 16. April 2026) – Rund 2,5 Milliarden Liter Diesel pro Jahr werden in Österreich von Lkw und Klein-Lkw getankt, macht die Mobilitätsorganisation VCÖ aufmerksam. Angesichts der Energiekrise rückt auch im Güterverkehr die Frage in den Fokus, wie der hohe Dieselverbrauch reduziert werden kann. Neben der verstärkten Verlagerung auf die Bahn und der Erhöhung des Elektro-Lkw-Anteils ist insbesondere auch die Vermeidung von Lkw-Fahrten sehr wirksam. Fachleute sehen bei der Reduktion von Leerfahrten und der höheren Auslastung der Fahrzeuge das größte Vermeidungspotenzial. Hinsichtlich Transportdistanz und Branche wird das größte Potenzial bei Lkw-Fahrten über 300 Kilometern und im Bereich der Paketdienste gesehen. Bei einer online durchgeführten VCÖ-Fachveranstaltung wurden internationale und nationale Good-Practice-Beispiele vorgestellt.

„Der Spritverbrauch des Straßengüterverkehrs ist hoch. Das schwächt unsere Wirtschaft, wenn wie jetzt die Ölpreise am Weltmarkt stark steigen. Gelingt es uns, den Dieselverbrauch des Güterverkehrs deutlich zu reduzieren, stärken wir die Resilienz der Wirtschaft und somit auch unserer Gesellschaft. Die Lösungen dafür existieren bereits. Was es nun braucht, ist der politische Wille, sie konsequent umzusetzen“, stellte VCÖ-Expertin Klara Maria Schenk in ihrer Keynote bei der heutigen VCÖ-Fachveranstaltung fest. Mit rund 2,5 Milliarden Litern fließen fast 40 Prozent des heimischen Dieselverbrauchs in die Tanks von Lkw und Klein-Lkw.

Der VCÖ hat im Vorfeld der heutigen Veranstaltung eine Fachpersonenbefragung durchgeführt, an der 194 Personen aus 174 Organisationen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Interessensvertretungen teilgenommen haben. Der größte Hebel für die Vermeidung von Gütertransporten wird bei der Reduktion von Lkw-Leerfahrten und einer höheren Auslastung der Fahrzeuge gesehen. 79 Prozent beziehungsweise 78 Prozent der Fachleute sehen bei diesen beiden Maßnahmen eine sehr große beziehungsweise große Wirkung. Das größte Potenzial zur Vermeidung von Transporten wird bei langen Transporten von über 300 Kilometern gesehen, das geringste bei kurzen Transporten unter 50 Kilometern. Bei den einzelnen Branchen wird das größte Vermeidungspotenzial im Bereich der Kurier-, Express- und Paketdienste gesehen: 39 Prozent orten in diesem Bereich sehr großes Potenzial, 21 Prozent im Bereich der Industrie-, Bau- und Gewerbelogistik und 14 Prozent im Bereich der Abfall- und Recyclinglogistik.

Auch Bewusstseinsbildung bei den Konsumentinnen und Konsumenten wird bei der VCÖ-Fachpersonenbefragung als wirksam gesehen für die Vermeidung von Gütertransporten. Bewusstsein für den Kauf langlebiger Produkte zu schaffen, sehen 87 Prozent der Fachleute als Maßnahme mit sehr großem bzw. eher großem Potenzial, 82 Prozent bei der Schaffung von Bewusstsein für lokales Konsumverhalten. 80 Prozent der Fachpersonen bewerten das Potenzial für Verkehrsvermeidung durch Kreislaufwirtschaft im gesamten Produktionszyklus als sehr bzw. eher groß. Als weitere Maßnahmen mit hohem Potenzial werden Recycling vor Ort, insbesondere bei Baustellen, gesehen, ebenso bei regionalen Güterverkehrszentren und Hubs sowie bei der stärkeren Zusammenarbeit zwischen Unternehmen.

Bei der Frage, wer die größte Verantwortung hat, Maßnahmen zur Vermeidung von Gütertransporten zu setzen, wird am häufigsten die Bundespolitik genannt, vor der Europäischen Union und mit einigem Abstand Unternehmen und Bundesländer. Von Zustell-Robotern oder vollautomatisierten Lkw erwarten nur wenige Fachpersonen eine Verkehrsreduktion, nämlich zwölf beziehungsweise 17 Prozent. Die große Mehrheit rechnet hingegen sogar mit mehr oder gleich vielen Gütertransporten.

„Das Bauwesen ist einer der größten Verursacher von Lkw-Transporten. Wenn wir die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft auch im Gütertransport ernst nehmen, können jährlich Millionen an Lkw-Kilometern vermieden werden“, verdeutlichte Anna-Vera Deinhammer, Vizepräsidentin beim Circular Economy Forum Austria, in ihrem Vortrag. Dass das möglich ist, zeigt die Seestadt Aspern in Wien, wo unter anderem 130.000 Kubikmeter Kies vor Ort zu Beton verarbeitet wurden. Die Zementlieferung erfolgte per Bahn statt mit Lkw. Insgesamt wurden 7,5 Millionen Lkw-Kilometer vermieden und in Summe mehr als drei Millionen Liter Diesel eingespart. Und: Im Vergleich zum Abriss können durch Kernsanierung rund 85 Prozent an Transportkilometern eingespart werden, erläuterte Kreislaufwirtschaft-Expertin Deinhammer.

Franz Greil von der Arbeiterkammer Wien wies auf die hohe Belastung Österreichs durch den Lkw-Transit hin: „68 Prozent der Mauteinnahmen kommen von Lkw aus dem Ausland. Österreich schöpft derzeit die im Rahmen der EU-Wegekostenrichtlinie mögliche Transitentschädigung nicht aus. Die vollständige Entschädigung für den Lkw-Transit kann durch eine Erhöhung der Lkw-Maut sowie durch konsequente und wirksame Kontrollen erreicht werden.“

Leonhard Czarnetzki, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Fraunhofer Austria, zeigte in seinem Vortrag, das Potenzial von Shared Logistics, um Lkw-Leerfahrten zu vermeiden. Die Last-Mile-Kosten können durch eine vollständig optimierte Distributionsstrategie um bis zu 25 Prozent reduziert werden. Die großen Potenziale zur Vermeidung von Lkw-Fahrten durch urbane Güterlogistik zeigte der niederländische Logistik-Experte Walther Ploos van Amstel von der Amsterdam University of Applied Sciences auf. Anders Martin Moe, vom norwegischen Start-up MHTech AS stellte das Projekt SUCOLOS, bei dem Unternehmen ihre Transporte betriebsübergreifend bündelten und damit Lkw-Fahrten reduzieren.

Norbert Sedlacek, Güterverkehr-Experte von Herry Consult, sieht einen „wichtigen Hebel bei der verladenden Wirtschaft. Eine gezielte Beschaffungsplanung mit entsprechenden zeitlichen Vorläufen und reduzierten Ad-hoc-Verkehren ermöglicht eine koordinierte Planung bei den Logistikern, was zu einer Erhöhung des Beladungsgrades und eine Reduktion des Leerfahrtenanteils führen kann.“

Webtipp: Vorträge zum Nachsehen gibt es hier.

Zurück zur Übersicht

Combi Coop II

Im Projekt Combi Coop II sollen zusätzliche Potenziale für den Bahngüterverkehr durch die Einführung von kombinierten Verkehren auf Schiene und Straße in der Fläche untersucht werden.

Mehr dazu
Foto: Zwei Waggons der Rail Cargo Austria stehen auf einem Gleis

Orange Combi Cargo, Spedition Weiss

Durch den Einsatz von E-Lkw auf der letzten Meile und der Bahn als Hauptverkehrsträger werden klimaverträglichere End-to-End-Güterlieferungen zwischen West- und Ostösterreich ermöglicht.

Mehr dazu
Foto: Mehrere Waggons im Design der Gebrüder Weiss Logistik stehen auf einem Gleis