Mobilität in Gemeinden und Städten wirksam verbessern

Gemeinden und Städte sind zentrale Akteure der Mobilitätswende. Kommunales Mobilitätsmanagement entlastet das Budget, belebt den Ortskern und sichert Teilhabe, oft mit überschaubaren Mitteln. Gemeinden haben dabei mehr Handlungsspielraum als oft angenommen.

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VCÖ - Mobilität mit Zukunft (2026) – Die Rahmenbedingungen der Mobilität vor Ort setzt die Gemeinde: Wo Wohnungen, Arbeitsplätze und Geschäfte zum Einkaufen sind, wie hoch das Tempolimit ist oder wie sicher Haltestellen zu Fuß erreichbar sind.1 Kommunales Mobilitätsmanagement bündelt diese Entscheidungen zu einer Strategie, die Bauprojekte wie Geh- und Radwege durch Angebote, Information und Kooperationen für alle Menschen im Ort ergänzt. So lenkt es die Verkehrsmittelwahl Richtung Umweltverbund.2 Gemeinden haben damit ein oft unterschätztes Steuerungspotenzial in der Hand, das mit dem demografischen Wandel an Bedeutung gewinnt.

Mobilitätsmanagement mit vielfachem Nutzen

Die Rahmenbedingungen für Gemeindebudgets sind angespannt und die Anforderungen steigen: Klimaziele müssen erreicht, die Folgen der Klimakrise abgefedert, leistbare Mobilität für alle gesichert werden.3 Während viele ländliche Gemeinden altern und die selbständige Mobilität älterer Menschen sichern müssen, wachsen Stadtumlandgemeinden durch Zuzug. Dabei können auch kleinere und mittlere Gemeinden sowie Kleinstädte mit bis zu 30.000 Einwohnerinnen und Einwohnern mit gezieltem Mobilitätsmanagement und kleinem Budget viel bewegen.

Grafik zeigt das Autonanteil sinkt und Radanteil steigt, wenn Mobilitätsmanagement Maßnahmen gesetzt werden.
In den Vorarlberger plan-b-Gemeinden werden bereits 56 Prozent der Wege ohne Auto zurückgelegt, mehr als im Landesschnitt.

Weniger Kosten, mehr Handlungsspielraum

Für Gemeinden ist Mobilitätsmanagement eine Investition, die sich rasch rechnet. Aktive Mobilität und Öffentlicher Verkehr verursachen deutlich geringere Folgekosten als der Autoverkehr, bei Straßenbau, Erhaltung, Winterdienst und Unfällen.4 Je nach Förderlage unterstützen Bund und Länder Konzepte, Infrastruktur und Bewusstseinsbildung.5 Zudem stärken kompakte Siedlungsstrukturen mit kurzen Wegen die Standortattraktivität, weil belebte Ortszentren die Kaufkraft im Ort halten.6

Menschen bewegen, Orte beleben

Tägliche Bewegung zu Fuß und am Rad fördert die Gesundheit der Menschen im Ort, sichere Wege sowie gute Angebote fördern zugleich die selbständige Mobilität für Kinder, ältere Menschen und alle, die kein Auto fahren können oder wollen.7 Für den Ort entstehen so idealerweise lebendige Ortszentren mit hoher Aufenthaltsqualität, wo Menschen sich begegnen, statt aneinander vorbei zu fahren. Davon profitiert auch der lokale Handel: Kundinnen und Kunden, die zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlich kommen, sind aufs Jahr gerechnet die kaufkräftigste Gruppe, und Handelsbetriebe überschätzen die Bedeutung der Autokundschaft regelmäßig.8 Weniger versiegelte Flächen halten zudem Regenwasser zurück und reduzieren die Erhitzung des Ortskerns in heißen Sommern.9 Der Weg zu diesen Vorteilen führt über Entscheidungen, die Gemeinden selbst in der Hand haben.

Kompakte Räume, kurze Wege

Den wirksamsten und umfassendsten Hebel haben Gemeinden über die Raumplanung in der Hand. Wo Neuwidmungen in dichten, öffentlich erschlossenen Siedlungsschwerpunkten erfolgen, verkürzen sich Alltagswege und wird auch Menschen ohne Pkw die Teilhabe am Ortsleben ermöglicht.10 Wer leerstehende Gebäude im Ortskern nutzt und Baulücken schließt, statt am Ortsrand neu zu erschließen, spart doppelt: Straße, Wasser und Kanal verursachen in Einfamilienhausgebieten deutlich höhere öffentliche Kosten als in kompakten Siedlungen, und wertvolle Fläche bleibt unversiegelt.11 Auch der Stellplatzschlüssel ist ein Hebel: Bietet ein Bauträger eine gute Mobilitätslösung, etwa ein Öffi-Ticket für die Menschen vor Ort oder Carsharing vor der Tür, kann die Gemeinde weniger Pflichtstellplätze verlangen. Das senkt die Baukosten wie auch den Autoverkehr und macht den Standort für Ansiedlungen attraktiver.12 Wer kompakt plant, prägt so die Mobilitätsmuster der Gemeinde für Jahrzehnte.

Weniger Tempo, mehr Begegnung

Wie der Straßenraum verteilt ist, entscheidet über Sicherheit und Aufenthaltsqualität im Ort. Beim Tempo kommen Gemeinden am schnellsten zur Wirkung: Tempolimit 30 statt 50 senkt das Risiko schwerer Unfälle deutlich.13 Seit der Straßenverkehrsverordnungs-Novelle 2024 lässt es sich auf Gemeindestraßen leichter und sogar flächendeckend verordnen. Das ist zugleich die günstigste Form der Radverkehrsförderung. Begegnungszonen mit Tempolimit 20 und Schulstraßen schaffen sichere Räume für Kinder und ältere Menschen, ganz ohne aufwändige bauliche Umbauten.

Neben der Stellplatzregelung im Neubau bewegt auch die Parkraumbewirtschaftung im Bestand viel: Wer Stellplätze nicht gratis anbietet, nimmt der Autofahrt einen Anreiz, reduziert so den Parkplatzsuchverkehr und erzielt oft sogar Einnahmen, mit denen weiter gestaltet werden kann.14 Die frei werdende Fläche eines jeden eingesparten Stellplatzes kann als Aufenthaltsraum, als Radabstellanlage für mehrere Fahrräder oder als Grünfläche gegen die Hitze weit mehr leisten. Dass solche Maßnahmenbündel wirken, zeigt die Vorarlberger Region plan b wo acht Gemeinden gemeinsam auf Parkraummanagement, Radinfrastruktur und Sharing setzen.15

Angebote schaffen, die umlenken

Während ordnungspolitische Maßnahmen den Rahmen setzen, verankern konkrete Angebote nachhaltige Mobilität im Alltag. Der Öffentliche Verkehr ist dabei das Rückgrat, doch gerade abseits der Ballungsräume stößt Linienverkehr an seine Grenzen. Hier helfen bedarfsorientierte Angebote: Rufbusse, Anrufsammeltaxis und Gemeindebusse bedienen Wege dann, wenn sie gebraucht werden, und schließen die letzte Meile.16 Solcher Mikro-ÖV ist bereits in rund 900 der etwa 2.100 Gemeinden in Österreich verfügbar.17

Wie gut das funktioniert, zeigt das Dorfmobil in Klaus an der Pyhrnbahn. Seit über 20 Jahren holt es Fahrgäste nach telefonischer Bestellung von der Wunschadresse ab und bringt sie ganz ohne Fahrplan und um einen geringen Preis ans Ziel.18 So funktioniert bedarfsorientierter Verkehr auch in kleinen Gemeinden dauerhaft und leistbar.

Ergänzend erweitern Sharing-Angebote den Aktionsradius der Menschen im Ort und reduzieren den Bedarf an Autos. Carsharing ersetzt mehrere private Pkw und entlastet so gleichzeitig den Parkdruck im Ort.19 Idealerweise steht es an einem Knotenpunkt, etwa einer Haltestelle mit Radabstellanlagen und guter Anbindung an das Rad- und Fußwegenetz. Auch ein gemeindeeigenes Elektroauto oder Transportrad zum Ausleihen, ein Bikesharing-Angebot oder eine Mitfahrbank kosten wenig und zeigen Wirkung. Entscheidend ist, dass die Angebote sichtbar, verlässlich und einfach nutzbar sind, sonst bleiben sie ungenutzt.20

Wartberg ob der Aist: Eine kleine Gemeinde denkt groß

Die Marktgemeinde im Mühlviertel mit rund 4.500 Einwohnerinnen und Einwohnern zeigt, wie kommunales Mobilitätsmanagement auch im kleinen Maßstab funktioniert. Das im Jahr 2023 beschlossene Fußverkehrskonzept der Gemeinde setzt auf rund vier Kilometer neue Gehsteige, Tempo 30 im Schulumfeld, Neuwidmungen nur zentral oder bei Haltestellen und die Aktivierung von Leerstand statt Bebauung am Ortsrand.a Eine Jugendtaxi-App stärkt die selbständige Mobilität, der Freizeit-Aktiv-Weg verbindet Spielplätze und Sportanlagen sicher zu Fuß.b,c Die Gemeinde denkt zudem überregional: Gemeinsam mit Pregarten, Hagenberg und Unterweitersdorf bildet sie die Stadtumlandkooperation Region Untere Feldaist, die Mobilität, Freiraum und Innenentwicklung über Gemeindegrenzen hinweg plant und mit EU- und Landesmitteln umsetzt.d

Sichere Wege für alle, die zu Fuß und mit dem Rad unterwegs sind

So attraktiv ein Angebot auch ist, es bleibt ungenutzt, wenn der Weg dorthin nicht sicher ist. Durchgängige, ausreichend breite Gehwege, baulich getrennte Radwege und gut sichtbare Querungen sind die Grundlage dafür, dass Menschen jeden Alters zu Fuß und mit dem Rad sicher unterwegs sein können.21 Denn Menschen lesen die gebaute Realität genauer als Schilder: Schon kleine bauliche Zeichen wie Poller oder eine engere Fahrbahn senken das Tempo und machen sichtbar, dass der Ort sichere Wege priorisiert.22 Besonders im Umfeld von Schulen, Haltestellen und Ortszentren macht sich sichere und attraktive Infrastruktur für aktive Mobilität bezahlt.

In der Planung sollte dabei stets der Mensch Maßstab und Priorität sein: Wege, die etwa auf Kinder und ältere Menschen ausgelegt sind, sind für alle sicher und attraktiv.23 Ebenso wichtig ist ein barrierefreier, intermodaler Zugang: Barrierefreie Haltestellen mit Witterungsschutz, sichere Wege und Querungen sowie gute Radabstellanlagen erleichtern den Umstieg und die Kombination von Fußweg, Rad, Bus und Bahn.24

Eine Kultur der Bewegung sichtbar machen

Angebote und sichere Wege wirken aber erst dann, wenn sie auch angenommen werden. Dafür braucht es eine Gemeinde, die aktive Mobilität sichtbar vorlebt. Wenn die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister mit dem Rad zum Termin kommt, wenn Fuß- oder Radwege im Ort ausgeschildert sind und wenn die Bevölkerung von Anfang an in die Planung einbezogen wird, wächst die Bereitschaft, gewohnte Wege mit dem Auto zu überdenken.25 Aktionen wie autofreie Tage, die Europäische Mobilitätswoche oder gemeinsame Ortsbegehungen machen eine andere Art der Mobilität erlebbar und stärken den Rückhalt.

Handlungsspielraum – größer als gedacht

Kommunales Mobilitätsmanagement ist kein einzelnes Projekt, sondern eine Strategie, die vier Ebenen verbindet. Die ordnungspolitische Steuerung setzt den Rahmen, Angebote von Gemeinde, Verkehrsunternehmen und Partnern machen nachhaltige Mobilität nutzbar, sichere Wege machen sie alltagstauglich, und eine sichtbare Kultur der Bewegung verankert sie im Alltag. Schon die Raumplanung entscheidet viel: Wer Schule, Ämter und Nahversorgung im Ortskern ansiedelt statt an der Peripherie, schafft kurze Wege und belebt das Zentrum. Im Zusammenspiel entfalten die Ebenen ihre volle Wirkung. Die Gemeinde hat dabei beachtlichen Handlungsspielraum: Über Planung, Verkehrsgeschwindigkeit und Parkraum kann sie vieles ohne große Investition selbst gestalten. Viele wirksame Maßnahmen sind nicht nur günstig, sie stärken sogar das Budget.

Vom Umland bis zur Landeshauptstadt

Dass diese Hebel unabhängig in Gemeinden verschiedener Größe wirken, zeigt die Praxis: Wiener Neudorf, eine Gemeinde in Niederösterreich mit rund 10.000 Einwohnenden, hat durch systematisches Mobilitätsmanagement ihr Radwegenetz verdreifacht, E-Carsharing eingeführt und die Wiener-Neudorf-Card zum Bahnticket gemacht.26 Die Landeshauptstadt St. Pölten steigerte durch politische Rahmensetzung und Anreizpolitik den Anteil der Wege zu Fuß, mit dem Rad und dem Öffentlichen Verkehr in nur sechs Jahren von 45 auf 54 Prozent, im Zentrum sogar auf 60 Prozent.27 In den acht Vorarlberger plan-b-Gemeinden werden dank abgestimmter Angebote 56 Prozent der Wege ohne Auto zurückgelegt.28 So unterschiedlich die Orte sind, das Muster ist dasselbe: Gemeinden, die ihren Handlungsspielraum strategisch nutzen, bewegen viel.

VCÖ-Empfehlungen

Den Handlungsspielraum voll ausschöpfen

  • Mobilität von Anfang an in der Orts- und Bauplanung mitdenken, statt einzelne Maßnahmen isoliert umzusetzen.
  • Den rechtlichen Spielraum ausschöpfen: Tempo 30, Begegnungszonen, Schulstraßen und Parkraumbewirtschaftung selbst verordnen.
  • Mobilitätsbeauftragte einsetzen, die das Thema laufend kompetent betreuen.
  • Mit Nachbargemeinden, Betrieben und Vereinen kooperieren, vieles wird erst gemeinsam leistbar.

Klein anfangen, Kosten und Einnahmen strategisch abwägen

  • Mit Pilotprojekten oder temporären Maßnahmen starten und daraus Schritt für Schritt Dauerhaftes entwickeln.
  • Auf die Budgetwirkung achten: Viele Maßnahmen vermeiden Folgekosten, manche, wie die Parkraumbewirtschaftung, bringen sogar Einnahmen.
  • Beratungsangebote und, je nach Förderlage, Förderungen von Bund und Ländern nutzen.

Verlässliche Rahmenbedingungen sichern

  • Seitens des Bundes und der Länder gilt es, langfristige Planungssicherheit zu schaffen, damit Gemeinden verlässlich investieren können.

Fragen und Antworten

Warum sind Gemeinden und Städte zentrale Akteure der Mobilitätswende?

Die Rahmenbedingungen der Mobilität vor Ort setzt die Gemeinde: wo Wohnungen, Arbeitsplätze und Geschäfte zum Einkaufen sind, wie hoch das Tempolimit ist oder wie sicher Haltestellen zu Fuß erreichbar sind. Kommunales Mobilitätsmanagement bündelt diese Entscheidungen zu einer Strategie, die Bauprojekte wie Geh- und Radwege durch Angebote, Information und Kooperationen für alle Menschen im Ort ergänzt und so die Verkehrsmittelwahl Richtung Umweltverbund lenkt. Gemeinden haben damit ein oft unterschätztes Steuerungspotenzial in der Hand, das mit dem demografischen Wandel an Bedeutung gewinnt.

Warum lohnt sich Mobilitätsmanagement gerade jetzt?

Die Rahmenbedingungen für Gemeindebudgets sind angespannt und die Anforderungen steigen: Klimaziele müssen erreicht, die Folgen der Klimakrise abgefedert und leistbare Mobilität für alle gesichert werden. Während viele ländliche Gemeinden altern und die selbständige Mobilität älterer Menschen sichern müssen, wachsen Stadtumlandgemeinden durch Zuzug. Gerade kleinere und mittlere Gemeinden sowie Kleinstädte mit bis zu 30.000 Einwohnerinnen und Einwohnern können mit gezieltem Mobilitätsmanagement und kleinem Budget viel bewegen.

Rechnet sich Mobilitätsmanagement für die Gemeinde?

Ja, es ist eine Investition, die sich rasch rechnet. Aktive Mobilität und Öffentlicher Verkehr verursachen deutlich geringere Folgekosten als der Autoverkehr, bei Straßenbau, Erhaltung, Winterdienst und Unfällen. Je nach Förderlage unterstützen Bund und Länder Konzepte, Infrastruktur und Bewusstseinsbildung. Kompakte Siedlungsstrukturen mit kurzen Wegen stärken zudem die Standortattraktivität, weil belebte Ortszentren die Kaufkraft im Ort halten.

Was bringt aktive Mobilität für Gesundheit und Ortsleben?

Tägliche Bewegung zu Fuß und am Rad fördert die Gesundheit der Menschen im Ort, sichere Wege und gute Angebote sichern die selbständige Mobilität für Kinder, ältere Menschen und alle, die kein Auto fahren können oder wollen. Es entstehen lebendige Ortszentren mit hoher Aufenthaltsqualität. Davon profitiert auch der lokale Handel: Kundinnen und Kunden, die zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlich kommen, sind aufs Jahr gerechnet die kaufkräftigste Gruppe, und Handelsbetriebe überschätzen die Bedeutung der Autokundschaft regelmäßig. Weniger versiegelte Flächen halten zudem Regenwasser zurück und reduzieren die Erhitzung des Ortskerns in heißen Sommern.

Wie kann die Raumplanung die Mobilität steuern?

Den wirksamsten und umfassendsten Hebel haben Gemeinden über die Raumplanung. Wo Neuwidmungen in dichten, öffentlich erschlossenen Siedlungsschwerpunkten erfolgen, verkürzen sich Alltagswege und ermöglichen auch Menschen ohne Pkw die Teilhabe am Ortsleben. Wer leerstehende Gebäude im Ortskern nutzt und Baulücken schließt, statt am Ortsrand neu zu erschließen, spart doppelt, denn Straße, Wasser und Kanal verursachen in Einfamilienhausgebieten deutlich höhere öffentliche Kosten als in kompakten Siedlungen. Auch der Stellplatzschlüssel ist ein Hebel: Bietet ein Bauträger eine gute Mobilitätslösung, kann die Gemeinde weniger Pflichtstellplätze verlangen, das senkt die Baukosten und den Autoverkehr.

Was bewirkt Tempo 30?

Beim Tempo kommen Gemeinden am schnellsten zur Wirkung: Tempolimit 30 statt 50 senkt das Risiko schwerer Unfälle deutlich. Seit der Straßenverkehrsverordnungs-Novelle 2024 lässt es sich auf Gemeindestraßen leichter und sogar flächendeckend verordnen. Das ist zugleich die günstigste Form der Radverkehrsförderung. Begegnungszonen mit Tempolimit 20 und Schulstraßen schaffen sichere Räume für Kinder und ältere Menschen, ganz ohne aufwändige bauliche Umbauten.

Wie hilft Parkraumbewirtschaftung?

Neben der Stellplatzregelung im Neubau bewegt auch die Parkraumbewirtschaftung im Bestand viel. Wer Stellplätze nicht gratis anbietet, nimmt der Autofahrt einen Anreiz, reduziert so den Parkplatzsuchverkehr und erzielt oft sogar Einnahmen, mit denen weiter gestaltet werden kann. Die freiwerdende Fläche eines jeden eingesparten Stellplatzes kann als Aufenthaltsraum, als Radabstellanlage oder als Grünfläche gegen die Hitze weit mehr leisten.

Wie erreicht man Menschen abseits der Ballungsräume?

Der Öffentliche Verkehr ist das Rückgrat, doch gerade abseits der Ballungsräume stößt Linienverkehr an seine Grenzen. Hier helfen bedarfsorientierte Angebote: Rufbusse, Anrufsammeltaxis und Gemeindebusse bedienen Wege dann, wenn sie gebraucht werden, und schließen die letzte Meile. Solcher Mikro-ÖV ist bereits in rund 900 der etwa 2.100 Gemeinden in Österreich verfügbar. Wie gut das funktioniert, zeigt das Dorfmobil in Klaus an der Pyhrnbahn, das seit über 20 Jahren Fahrgäste nach telefonischer Bestellung von der Wunschadresse abholt, ganz ohne Fahrplan und um einen geringen Preis.

Welche Rolle spielt Sharing?

Sharing-Angebote erweitern den Aktionsradius der Menschen im Ort und reduzieren den Bedarf an Autos. Carsharing ersetzt mehrere private Pkw und entlastet so den Parkdruck im Ort, idealerweise steht es an einem Knotenpunkt mit Haltestelle und Radabstellanlagen. Auch ein gemeindeeigenes Elektroauto oder Transportrad zum Ausleihen, ein Bikesharing-Angebot oder eine Mitfahrbank kosten wenig und zeigen Wirkung. Entscheidend ist, dass die Angebote sichtbar, verlässlich und einfach nutzbar sind, sonst bleiben sie ungenutzt.

Warum sind sichere Wege so wichtig?

So attraktiv ein Angebot auch ist, es bleibt ungenutzt, wenn der Weg dorthin nicht sicher ist. Durchgängige, ausreichend breite Gehwege, baulich getrennte Radwege und gut sichtbare Querungen sind die Grundlage dafür, dass Menschen jeden Alters zu Fuß und mit dem Rad sicher unterwegs sein können. Menschen lesen die gebaute Realität genauer als Schilder: Schon kleine bauliche Zeichen wie Poller oder eine engere Fahrbahn senken das Tempo. In der Planung sollte stets der Mensch Maßstab sein, denn Wege, die auf Kinder und ältere Menschen ausgelegt sind, sind für alle sicher und attraktiv.

Wie entsteht eine Kultur der Bewegung?

Rahmen, Angebote und sichere Wege wirken erst dann, wenn sie auch angenommen werden. Dafür braucht es eine Gemeinde, die aktive Mobilität sichtbar vorlebt. Wenn die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister mit dem Rad zum Termin kommt, wenn Fuß- und Radwege ausgeschildert sind und die Bevölkerung von Anfang an einbezogen wird, wächst die Bereitschaft, gewohnte Wege mit dem Auto zu überdenken. Aktionen wie autofreie Tage, die Europäische Mobilitätswoche oder gemeinsame Ortsbegehungen machen eine andere Art der Mobilität erlebbar.

Was empfiehlt der VCÖ?

Der VCÖ empfiehlt Gemeinden und Städten, den Handlungsspielraum voll auszuschöpfen und Mobilität von Anfang an in der Orts- und Bauplanung mitzudenken, statt einzelne Maßnahmen isoliert umzusetzen. Gemeinden sollten ihren rechtlichen Spielraum nutzen und Tempo 30, Begegnungszonen, Schulstraßen und Parkraumbewirtschaftung selbst verordnen, Mobilitätsbeauftragte einsetzen und mit Nachbargemeinden, Betrieben und Vereinen kooperieren. Klein anfangen zahlt sich aus: mit Pilotprojekten starten, auf die Budgetwirkung achten und Beratungsangebote nutzen. Zugleich gilt es seitens Bund und Ländern, langfristige Planungssicherheit zu schaffen, damit Gemeinden verlässlich investieren können.

 

Klara Maria Schenk, VCÖ ‑ Mobilität mit Zukunft

„Gemeinden haben mehr Handlungsspielraum, als ihnen oft bewusst ist. Wer den ersten Schritt wagt, merkt schnell, wie viel sich mit überschaubaren Mitteln bewegen lässt.“

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Quellen

Quellen Text

1 Österreichischer Gemeindebund. (2020). Die Raumordnung und das Recht. Wien. (Örtliche Raumplanung als eigener Wirkungsbereich der Gemeinde; Flächenwidmung und Bebauungsplan als Gestaltungsinstrumente) Weblink
2 FSV, Österreichische Forschungsgesellschaft Straße, Schiene, Verkehr. (Aktuelle Fassung). RVS 02.04.12 Begriffsbestimmungen. Wien. (Definition Mobilitätsmanagement: nachfrageorientierter Ansatz, der Kooperationen initiiert und ein Maßnahmenpaket samt attraktiver Angebote bereitstellt, um umwelt- und sozialverträgliche Mobilität zu fördern und die Verkehrsmittelwahl Richtung Umweltverbund zu lenken) RVS ist über den FSV-Shop beziehbar
3 KDZ Zentrum für Verwaltungsforschung im Auftrag des Österreichischen Städtebundes. (2024). Stadtdialog Gemeindefinanzen. Wien. (Angespannte Gemeindefinanzen bei gleichzeitig steigenden Anforderungen in Klimaschutz, Klimawandelanpassung und Mobilität) Weblink
4 Gössling, S., Choi, A., Dekker, K., & Metzler, D. (2019). The Social Cost of Automobility, Cycling and Walking in the European Union. Ecological Economics 158, 65–74. Weblink
5 klimaaktiv mobil / BMIMI. Radverkehr fördern, Mobilitätswende in Gemeinden. Wien. (Förderung von Infrastruktur für Rad- und Fußverkehr und Bewusstseinsbildung; Kombination mit Landesförderungen möglich) Weblink
6 ÖROK, Österreichische Raumordnungskonferenz. (2017). ÖROK-Empfehlung Nr. 56: Flächensparen, Flächenmanagement und aktive Bodenpolitik. Wien. Weblink
7 Dinu, M., Pagliai, G., Macchi, C., & Sofi, F. (2019). Active Commuting and Multiple Health Outcomes, a systematic review and meta-analysis. Sports Medicine 49(3), 437–452. Weblink
8 Zentrum für Aktive Mobilität (Universität Graz), Stadt Graz, WKO Steiermark und TU Graz. (2025). Mobilitätsbezogenes Einkaufsverhalten in der Grazer Innenstadt. Graz. (Über 85 Prozent kommen aktiv mobil oder öffentlich; Fußgänger:innen sind aufs Jahr gerechnet die kaufkräftigste Gruppe; Handelsbetriebe überschätzen die Autokundschaft regelmäßig) Weblink
9 VCÖ – Mobilität mit Zukunft. (2024). VCÖ-Factsheet Wie Verkehr die Hitzebelastung in Städten verschärft. Wien. Weblink
10 ÖROK, Österreichische Raumordnungskonferenz. (2017). ÖROK-Empfehlung Nr. 56: Flächensparen, Flächenmanagement und aktive Bodenpolitik. Wien. Weblink
11 Empl, U. und Gugg, B. (2022). Infrastrukturkosten in der Siedlungsentwicklung. Teil 1, Leitfaden. Salzburger Institut für Raumordnung und Wohnen, Salzburg. Weblink
12 Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Mobilitätsplanung. (2026). Leitfaden Stellplatzverordnung für Gemeinden, Berücksichtigung von Mobilitätskonzepten. Innsbruck. (Reduktion der Stellplatzverpflichtung um bis zu 30 Prozent bei Vorlage eines Mobilitätskonzepts; Stellplatzvorgaben treiben Bau- und Wohnkosten) Weblink
13 Yannis, G., & Michelaraki, E. (2025). Effectiveness of 30 km/h speed limit, a literature review. Journal of Safety Research 92, 490–503. Weblink
14 VCÖ – Mobilität mit Zukunft. Parkraumbewirtschaftung hat hohen Lenkungseffekt in Städten und auch Regionen. Aus: Gesellschaftliche Kosten des Verkehrs reduzieren. Wien. (Reduktion der Autofahrten um 25 bis 34 Prozent ohne Gratisstellplatz; Abstellgebühren generieren zweckwidmbare Gemeindeeinnahmen) Weblink
15 plan-b-Gemeinden / VMOBIL. 20 Jahre plan b, regionales Mobilitätsmanagement der sieben plan-b-Gemeinden. Vorarlberg. (Sieben Gemeinden; abgestimmte Radinfrastruktur, ÖV, Sharing und regionales Parkraummanagement; 56 Prozent der Wege umweltfreundlich laut Mobilitätserhebung Vorarlberg 2023) Weblink
16 Zahedi, S., Koutsopoulos, H. N., & Ma, Z. (2024). Improving demand responsive transit services: Insights from the London field test. Journal of Public Transportation 26, 100107. Open Access. Weblink
17 bedarfsverkehr.at, Datenbank der bedarfsorientierten Verkehrsangebote in Österreich, im Auftrag des Klima- und Energiefonds. (Mikro-ÖV in rund 900 der etwa 2.100 österreichischen Gemeinden verfügbar, also fast der Hälfte; Stand 2026: 296 aktive Systeme in 935 Gemeinden; Rufbusse, Sammeltaxis, Gemeindebusse als bedarfsorientierte Zubringer) Weblink
18 Meschik, M. und Stark, J. (2018). Das Dorfmobil in Klaus an der Pyhrnbahn, Kostengünstige Mobilität in dünn besiedeltem ländlichem Raum. In Der Nahverkehr, Heft 9, Seiten 91–96. VDV. Kein frei zugänglicher Volltext, Fachzeitschrift Der Nahverkehr (VDV)
19 AustriaTech, Gesellschaft des Bundes für technologiepolitische Maßnahmen GmbH. (2023). Sharing im Mobilitätsbereich, Entwicklungen und Perspektiven des Teilens von Fahrzeugen und Fahrten in Österreich. Wien. Weblink
20 klimaaktiv mobil / BMIMI. Sharing und Mitfahren, Bausteine der Mobilitätswende. Wien. (Gemeindeeigenes Sharing von Lastenrädern und Fahrzeugen, Bikesharing, Mitfahren; Sichtbarkeit und einfache Nutzbarkeit als Erfolgsvoraussetzung) Weblink
21 Marshall, W. E., & Ferenchak, N. N. (2019). Why cities with high bicycling rates are safer for all road users. Journal of Transport & Health 13, 100539. Weblink
22 Theeuwes, J., & Godthelp, H. (1995). Self-explaining roads. Safety Science 19(2–3), 217–225. Weblink
23 Gehl, J. (2010). Cities for People. Island Press, Washington.  
24 Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Abteilung Raumordnung und Gesamtverkehrsangelegenheiten. (2021). Bushaltestellen, Leitfaden für Gemeinden. Heft 33, Neuauflage mit Ergänzung 2024. St. Pölten. Weblink
25 Österreich radelt. (2025). Bürgermeister:innen-Challenge. Wien. Weblink
26 e5-Landesprogramm Niederösterreich. Marktgemeinde Wiener Neudorf. Weblink
27 Magistrat der Stadt St. Pölten. (2024). Mobilitätserhebung 2024, so sind die St. Pöltner:innen unterwegs. Weblink
28 plan-b-Gemeinden, VMOBIL. 20 Jahre plan b, regionales Mobilitätsmanagement der sieben plan-b-Gemeinden. Vorarlberg. (Sieben Gemeinden stimmen Radinfrastruktur, öffentlichen Verkehr und Sharing ab; 56 Prozent der Wege werden umweltfreundlich zurückgelegt, Mobilitätserhebung Vorarlberg 2023) wie FN 15 Weblink

Quellen Beispielkasten

a komobile GmbH (2023). Örtliches Fußverkehrskonzept Wartberg ob der Aist. Weblink
b Marktgemeinde Wartberg ob der Aist. Jugendtaxi-App. Weblink
c Marktgemeinde Wartberg ob der Aist. Freizeit-Aktiv-Weg. Weblink
d Stadtumlandkooperation Region Untere Feldaist (SUK-RUF). Weblink

 


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Info: klimaaktivmobil.at

Die inhaltliche und redaktionelle Erstellung des VCÖ-Factsheets erfolgt durch den VCÖ. Der Inhalt muss nicht mit der Meinung der unterstützenden Institutionen übereinstimmen. Dieses Factsheet wurde finanziert vom Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur.

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