VCÖ-Factsheet: Tempo-Reduktion im Verkehr bringt vielfachen Nutzen

Etwa jedes dritte Verkehrsopfer in Österreich stirbt wegen überhöhter Geschwindigkeit. Ein Senken der Tempolimits hat positive Effekte auf die Verkehrssicherheit, reduziert die Umweltbelastung, kostet wenig, lässt sich rasch umsetzen – und verbessert die Lebensqualität vor Ort.

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Schnell zu sein wird oft positiv besetzt, im Arbeitsleben, im Privaten und leider auch im Verkehr. Diese Sichtweise ändert sich langsam. Zu Recht, denn Tempo ist kein Selbstzweck, schon gar nicht im Verkehr. 344 Menschen wurden im Jahr 2020 in Österreich im Verkehr getötet. 32 Prozent davon starben aufgrund von überhöhter Kfz-Geschwindigkeit. Im Europa-Vergleich werden in Österreich sehr hohe Maximalgeschwindigkeiten akzeptiert. In allen fünf Staaten mit den wenigsten tödlichen Verkehrsunfällen in Europa gelten niedrigere Tempolimits. In Schweden gilt auf Freilandstraßen Tempo 70, auf Autobahnen Tempo 110 in Norwegen Tempo 80 beziehungsweise Tempo 100.

Schnellfahren ist kein Kavaliersdelikt

Bei Tempo 30 ist der Anhalteweg, also Reaktionsweg plus Bremsweg, eines Autos elf Meter, bei Tempo 50 rund doppelt so lang. Nach elf Metern hat ein Pkw mit Tempo 50 bei Berücksichtigung einer Reaktionszeit von 0,8 Sekunden noch die volle Geschwindigkeit, während er mit Tempo 30 bereits steht. Das Risiko beim Gehen bei einer Kollision mit einem Kfz getötet zu werden, ist bei Tempo 50 fünfmal höher als bei Tempo 30. Eine Überschreitung des Tempolimits um 20 Stundenkilometer kostet in Österreich lediglich ab 30 Euro. Staaten mit höherer Verkehrssicherheit haben höhere Strafen: Schweiz ab 155 Euro, Niederlande ab 165 Euro, Schweden ab 250 Euro.

Österreich verfehlt Verkehrssicherheitsziele

Österreichs „Verkehrssicherheitsprogramm 2011–2020“ hatte das Ziel, bis zum Jahr 2020 die Zahl der Verkehrstoten um mindestens 50 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2010 zu reduzieren und damit zu den fünf sichersten Staaten Europas zu gehören. Das Ziel von weniger als 312 Verkehrstoten wurde trotz der Covid-19-Lockdowns im Jahr 2020 deutlich verfehlt. Im Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2020 gab es in Österreich pro Million Einwohnerinnen und Einwohner 44 Verkehrstote, in Norwegen waren es mit 19 Verkehrstoten deutlich weniger als die Hälfte. Schweden peilt mit der „Vision Zero“ die einzig vertretbare Zahl an. Mit 24 Verkehrstoten pro Million Menschen in den Jahren 2018 bis 2020 verzeichnet Schweden die niedrigste Zahl in der EU. Österreich liegt im EU-Vergleich lediglich auf Rang zehn.

In jenen fünf Staaten in Europa, wo gemessen an der Bevölkerungszahl am wenigsten Verkehrstote zu beklagen sind, sind die zugelassenen Höchstgeschwindigkeiten auf Freilandstraßen und Autobahnen niedriger als in Österreich.

Tempo 80 als Lebensretter in Schweden

64 Prozent der im Jahr 2020 in Österreich bei Verkehrsunfällen Getöteten kamen auf Freilandstraßen ums Leben. Ein Pkw, der mit Tempo 80 einen Anhalteweg von 55 Meter hat, hat mit Tempo 100 einen Anhalteweg von 79 Metern und nach 55 Meter noch ein Tempo von 68 Kilometer pro Stunde. Die Gefahr, dass ein Aufprall mit dieser Geschwindigkeit mit schwersten oder tödlichen Verletzungen endet, ist sehr hoch. Sinkt die Geschwindigkeit um 20 Prozent von Tempo 100 auf 80, halbiert sich die Zahl der Schwerverletzten, jene der Getöteten sinkt um 60 Prozent. In Schweden wurde das Tempolimit auf Überlandstraßen im Jahr 2008 von 90 auf 80 Kilometer pro Stunde reduziert. Die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle auf diesen Straßen hat dadurch um durchschnittlich 41 Prozent pro Jahr abgenommen.

Tempolimits reduzieren Luftverschmutzung

Bei Tempo 100 emittieren Pkw 25 Prozent weniger Stickoxide (NOx) und 20 Prozent weniger Feinstaub (PM10) als bei Tempo 130. In den Niederlanden zog im Mai 2019 das oberste Verwaltungsorgan die Bewilligungen für 18.000 Bauprojekte aufgrund der sehr hohen Stickoxid-Emissionen beim Bau zurück. Das Gericht stellte die Regierung vor die Wahl, wirksame Maßnahmen zum Vermindern von NOx zu ergreifen oder Bauprojekte, darunter tausende Wohnungen, zu streichen. Ein Fachgremium befand Tempolimits als sinnvollste und rasch umzusetzende Maßnahme. Daher wurde ab März 2020 auf Autobahnen in den Niederlanden von 6 bis 19 Uhr Tempo 100 eingeführt. So wurden die Stickoxidwerte gesenkt, um 75.000 neue Wohnungen doch realisieren zu können.

Mehr Klimaschutz durch Tempolimits

Niedrigere Tempolimits sind eine der kostengünstigsten Klimaschutzmaßnahmen, die zudem rasch umsetzbar sind. Laut Umweltbundesamt können in Österreich durch Tempo 80 auf Freilandstraßen und Tempo 100 auf Autobahnen die CO2 - Emissionen des Verkehrs um über 800.000 Tonnen pro Jahr verringert werden.

Weniger Lärm durch niedrigeres Tempo

Verkehrslärm verursacht in Österreich jährlich zwei Milliarden Euro an Kosten. Diese ergeben sich vor allem aus Gesundheitsausgaben und der Entwertung von Immobilien an stark belasteten Straßen. Maßnahmen gegen Lärm wirken sich somit auch finanziell aus. Wenn auf einer Straße mit 30.000 Kfz pro Tag das Tempolimit von 100 auf 80 Kilometer pro Stunde reduziert wird, sinkt die Lärmbelastung in 50 Meter Entfernung von 69 Dezibel auf 66 Dezibel, was vom menschlichen Ohr wie eine Halbierung des Verkehrs wahrgenommen wird. Auch Tempo 30 statt 50 im Ortsgebiet halbiert den wahrgenommenen Lärm.

Die Geschwindigkeit des Kfz-Verkehrs im Wohnumfeld beeinflusst die Lebensqualität massiv. Hohes Tempo beeinträchtigt die Verkehrssicherheit, verursacht mehr Lärm und Luftschadstoffe.

Höhere Lebensqualität durch Tempo 30 im Ort

Viele Beispiele zeigen, dass Tempo 30 nicht nur die Verkehrssicherheit erhöht und Umweltbelastungen reduziert, sondern generell die lokale Aufenthaltsqualität verbessert. Seit dem Jahr 1999 gilt im spanischen Pontevedra Tempo 30, Gehende haben Vorrang. Lediglich Anwohnerinnen und Anwohner, Lieferverkehr und Öffentlicher Nahverkehr dürfen einfahren. Seit dem Jahr 2009 wurde im Zentrum niemand mehr im Verkehr getötet. Die CO2 -Emissionen des Verkehrs sanken um 70 Prozent. Der Einzelhandel profitiert stark. Während die Bevölkerungszahl in den 1990er-Jahren stagnierte, ist sie seit Beginn der 2000er-Jahre um über zehn Prozent gestiegen. Im September 2019 beschloss die Stadtgemeinde Bègles südlich von Bordeaux als erste Stadt in Frankreich Tempo 30 auf allen Straßen. Neben dem Ziel höherer Verkehrssicherheit und Aufenthaltsqualität wehrt sich Bègles damit auch gegen den sogenannten „Navi-Effekt“ – also den von Navigationssystemen verursachten Verkehr, die die Kleinstadt als Umfahrung der verstopften Straßen von Bordeaux ausgeben. In Helsinki wurde im Jahr 2018 Tempo 30 umgesetzt. Nur auf großen Verkehrsachsen darf 40 Stundenkilometer gefahren werden. Höheres Tempo gibt es lediglich auf Schnellstraßen ohne Gehende und Radfahrende. Auch in Oslo wurden viele neue Tempo 30-Zonen eingerichtet und mehr Flächen für Gehende und Radfahrende freigemacht. In beiden Städten sind im Jahr 2019 erstmals weder Kinder noch Gehende oder Radfahrende im Straßenverkehr ums Leben gekommen. In den Niederlanden gilt Tempo 30 mittlerweile auf 70 Prozent der Straßen im Ortsgebiet. Im Jahr 2020 hat das Parlament beschlossen, Tempo 30 innerorts als Regelgeschwindigkeit einzuführen. Tempo 50 kann als zu begründende Ausnahme weiterhin verordnet werden. Auch in Spanien gilt seit Mai 2021 innerorts standardmäßig Tempo 30 auf Straßen mit einer Fahrspur je Richtung, auf Straßen mit nur einer Fahrspur Tempo 20. Barcelona führte die Regelung bereits im Mai 2020 ein, Palma de Mallorca folgte im Oktober.

Hohe Kosten durch hohe Geschwindigkeit

Verkehrsunfälle verursachen nicht nur für die Betroffenen, sondern für die Gesamtgesellschaft hohe Kosten. Zusätzlich zu den Getöteten gibt es in Österreich jährlich mehr als 45.000 im Verkehr Verletzte. Alleine die durch Personenschäden bedingten Kosten, etwa durch Arbeitsausfälle und medizinische Behandlungen, belaufen sich in Österreich auf etwa 320 Millionen Euro pro Jahr. Werden auch Sachschäden sowie das verursachte menschliche Leid berücksichtigt, verursachen Verkehrsunfälle Kosten in Milliardenhöhe.

Investition weniger Minuten sichert Leben

Mit Tempo 30 statt 50 dauert es rechnerisch 48 Sekunden länger, einen Kilometer zurückzulegen. In der Praxis ist der Unterschied deutlich geringer, da die gefahrenen Durchschnittsgeschwindigkeiten im Ortsgebiet zwischen 20 und 30 Kilometer pro Stunde liegen. Das im Jahr 2014 eingeführte Tempo 100 auf den 77 Kilometern zwischen Kufstein und Innsbruck führt etwa zu einer um knapp vier Minuten längeren Fahrzeit – ein zeitlicher Unterschied, der durch zwei bis drei rote Ampeln wieder hinfällig ist.

Zu niedrige Strafen und zu hohe Straftoleranzen

Geringe Strafen, Straftoleranz bei Überschreitungen und zu wenig Kontrollen ermuntern in Österreich zum Delikt überhöhte Geschwindigkeit. Der im März auf 5.000 Euro erhöhte Strafrahmen für extreme Geschwindigkeitsübertretungen trifft nur die Spitze des Eisbergs. Vor allem die Anhebung der Mindeststrafen und strengere Kontrollen sind notwendig, damit mehr Verkehrsunfälle vermieden werden können.

Zu hohes Tempo ist nicht vertretbar

Als Eich- und Messtoleranzen werden in Österreich je nach Technologie der Geschwindigkeitsmessgeräte bis 100 Kilometer pro Stunde drei bis fünf Kilometer pro Stunde, bei höherer Fahrgeschwindigkeit zwischen drei und fünf Prozent der Geschwindigkeit abgezogen. Zusätzlich werden Straftoleranzen gewährt, bei denen Behörden von einer Anzeige absehen. In der Steiermark betragen sie zum Beispiel außerorts zehn Kilometer pro Stunde, bei höherem Tempo zehn Prozent der Maximalgeschwindigkeit. Höhe und Handhabung der Straftoleranzen divergieren zwischen den Bundesländern. Mit dem Ziel der Verkehrssicherheit sind Straftoleranzen nicht vereinbar. Außerdem wäre es wichtig, die Durchführung automationsunterstützter Geschwindigkeitskontrollen für Gemeinden gesetzlich zu ermöglichen.

Akzeptanz für Tempolimits steigt mit der Zeit

Österreich verzeichnete im Jahr 2019 fast doppelt so viele Verkehrstote wie die bevölkerungsmäßig vergleichbare Schweiz, auch die Zahl der Verletzten war mehr als doppelt so hoch. Die Schweiz setzt vor allem auf niedrigere Tempolimits und höhere Strafen für zu schnelles Fahren. Auf Freilandstraßen gilt Tempo 80, auf Autobahnen Tempo 120. Tempoüberschreitungen ab 25 Kilometer pro Stunde innerorts, ab 30 außerorts und ab 35 auf der Autobahn werden im Strafregister notiert. In einer Umfrage aus dem Jahr 1987, zwei Jahre nach Umsetzung von Tempo 80 auf Freilandstraßen, sprachen sich 40 Prozent der Autofahrenden in der Schweiz gegen die Reduktion aus, 20 Jahre später waren bereits 86 Prozent der Autofahrenden dafür.

VCÖ-Empfehlungen

Überhöhte Geschwindigkeit ist fahrlässige Lebensgefährdung, kein Kavaliersdelikt

  • Die zentralen Maßnahmen für Verkehrssicherheit sind bekannt: niedrigere Tempolimits, bessere Kontrollen, höhere Strafen.
  • Überhöhte Geschwindigkeit ist eine der Hauptursachen für Unfälle und Todesopfer im Verkehr in Österreich. Es braucht Bewusstseinsbildung, dass niedrigere Tempolimits vielfachen Nutzen haben.
  • Auf Überlandstraßen ist das Tempolimit auf 80 zu senken. Auch auf Autobahnen sollte sich Österreich an den Vorreitern Norwegen, Schweden oder der Schweiz orientieren und das Tempolimit reduzieren.
  • Tempo 30 statt 50 im Ortsgebiet senkt das Todesrisiko bei Verkehrsunfällen um rund 75 Prozent. Daher muss Tempo 30 zum Standard, Tempo 50 zur Ausnahme werden – was auch die lokale Lebensqualität deutlich verbessert.
  • Lärm macht krank und verursacht gesellschaftliche Kosten in Milliardenhöhe. Niedrigere Tempolimits verbessern die Luftqualität, reduzieren CO2 -Emissionen ebenso wie die Lärmbelastung und damit zusammenhängende Erkrankungen.
  • Optische Gestaltung des Straßenraums sowie bauliche Maßnahmen, etwa Aufpflasterungen, Mittelinseln und vorgezogene Gehsteige an Schutzwegen, sind wirksame Mittel zur Tempo-Reduktion und für höhere Verkehrssicherheit.
  • Gemeinden sollten verpflichtend ein Verkehrssicherheitskonzept ausarbeiten. Zur Überwachung braucht es gesetzliche Grundlagen, um automationsunterstützte Geschwindigkeitskontrollen durchführen zu können.

Michael Schwendinger, VCÖ ‑ Mobilität mit Zukunft

"Die Frage nach der erlaubten Höchstgeschwindigkeit für Kraftfahrzeuge ist eine zutiefst ethische: Wenige Minuten früher am Ziel sein, gegen zahlreiche Menschenleben und verlorene Lebensjahre? Auch angesichts des Nutzens für die lokale Lebensqualität und Klimaverträglichkeit, sind niedrigere Tempolimits ein Gebot der Stunde.“

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VCÖ: Kosten durch Verkehrsunfälle in Österreich stiegen im Vorjahr auf über 8,6 Milliarden Euro!

VCÖ (Wien, 3. Mai 2024) – Die Zahl der Verkehrsunfälle und Verkehrstoten ist im Vorjahr gestiegen und damit auch die Unfallkosten. Die Verkehrsunfälle in Österreich verursachten im Vorjahr volkswirtschaftliche Kosten in der Höhe von mehr als 8,6 Milliarden Euro, wie eine aktuelle VCÖ-Analyse zeigt. Gegenüber dem Jahr 2022 nahmen die Unfallkosten um rund 800 Millionen Euro zu. Verstärkte Verkehrssicherheitsmaßnahmen vermeiden viel Leid, retten Menschenleben und verringern die Unfallkosten, betont die Mobilitätsorganisation VCÖ.

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Foto: Sarah Duit