Die Lage ist ernst. Anfang März wurde beim Wirtschaftsministerium eine „Taskforce Versorgungssicherheit" eingerichtet.1 Bundesminister Wolfgang Hattmannsdorfer nennt Versorgungssicherheit als oberstes Ziel und verweist darauf, Europa schon ab Mai mit einer Angebotsverknappung bei Diesel und Kerosin rechnen muss.2 Die aktuelle Situation zeigt deutlich: Wer Versorgungssicherheit und mehr Unabhängigkeit von globalen Krisen will, muss – neben dem konsequenten Ausbau Erneuerbarer Energieproduktion – Maßnahmen zur Reduktion des Spritverbrauchs umsetzen. Die gute Nachricht: Optionen gibt es viele, wie ein Blick auf unterschiedliche Handlungsbereiche zeigt.
1. Tempolimits
Effektiv, rasch und relativ kostengünstig umzusetzen: die Reduktion des Tempolimits auf Autobahnen und Schnellstraßen auf 100 km/h und auf Freilandstraßen auf 80 km/h bringt laut Umweltbundesamt eine jährliche Einsparung von rund 270 Millionen Litern Treibstoff.3 Den Autofahrerinnen und Autofahrern bringt das bei aktuellen Spritpreisen eine finanzielle Entlastung von in Summe mehr als 500 Millionen Euro pro Jahr. Großer Zusatznutzen: die Verkehrssicherheit steigt, schwere Unfälle werden verhindert, zahlreiche Menschenleben Jahr für Jahr gerettet. Auch wenn Tempolimits oft kontrovers und emotional diskutiert werden – die Praxis zeigt, dass die Verkehrssicherheit sowie auch die Akzeptanz nach Umsetzung und Sichtbarkeit der positiven Effekte steigt, egal ob in Tirol nach Umsetzung von Tempo 80 auf Freilandstraßen in den Jahren von 1990 bis 1993, in Graz nachdem im September 1992 weitgehend Tempo 30 auf Gemeindestraßen umgesetzt wurde, in Frankreich nach Reduktion von Tempo 90 auf 80 auf Freilandstraßen im Jahr 2018 oder den Niederlanden, wo seit März 2020 auf Autobahnen tagsüber Tempolimit 100 gilt.4,5,6,7,8 Niedrigere Tempolimits alleine werden uns natürlich nicht aus der Erdölfalle befreien. Eine Maßnahme mit in Summe besserem Kosten-Nutzen-Verhältnis wird aber kaum zu finden sein – wie auch verkehrswissenschaftliche Institutionen seit Jahren betonen.9,10
2. Fahrgemeinschaften
In 100 Autos sitzen in Österreich durchschnittlich 114 Personen, im Pendelverkehr sind es mit 108 Personen noch weniger. Gelingt es den Besetzungsgrad zu erhöhen, werden nicht nur Staus und der Energieverbrauch reduziert, sondern Autofahrende können sich die Kosten aufteilen. Wie die Bildung von Fahrgemeinschaften gefördert werden kann, hat die Bundesregierung bereits im Jahr 2023 in einem umfassenden Strategiepapier erarbeitet.11 Konkret bräuchte es etwa eine zuständige Verwaltungsstelle (ähnlich der OneMobility GmbH zur Abwicklung des Klimatickets Österreich), eine bundesweite Online-Plattform zum Suchen und Finden von Mitfahrgelegenheiten, einen Umsetzungsplan für privilegierte Fahrgemeinschaftsstellplätze an Umsteigeknoten des Öffentlichen Verkehrs und am hochrangigen Straßennetz sowie Anpassungen beim gesetzlichen Rahmen in Bezug auf Fahrtkostenentschädigung und Sachbezug. Zusätzlich ist das Potenzial von für Fahrgemeinschaften (und Busse) reservierte Fahrstreifen zu nutzen. Beispiele dafür gibt es bereits, wie in Oberösterreich die Rohrbacher Straße B127 bei Puchenau, wo es einen Fahrstreifen für „mehrfach besetzte Kraftfahrzeuge" (mbK-Streifen) bereits seit den 1990er Jahren gibt.12 In den USA gibt es mehr als 100 solcher Fahrspuren im Umfeld von Ballungsräumen, die erste wurde im Jahr 1973 umgesetzt.13 In Brüssel wurde eine solche im Jahr 2019 umgesetzt, Paris folgte 2025, Madrid Anfang 2026.14,15,16,17 Frankreich gilt beim Thema Mitfahren generell als Vorbild, im Jahr 2023 wurde ein Plan für Fahrgemeinschaften im Alltag inklusive finanzieller Anreize, Bewusstseinsbildung und infrastruktureller Anpassungen vorgelegt.18 Österreich sollte dem Beispiel dringend folgen – zumal sich auch eine Mehrheit der Bevölkerung dafür ausspricht und wir uns zudem im Rahmen des Nationalen Energie- und Klimaplans bereits verbindlich zur Umsetzung von Maßnahmen in diese Richtung verpflichtet haben.19,20
3. Öffentlicher Verkehr
Der Öffentliche Verkehr ist das zentrale Rückgrat nachhaltiger Mobilität und leistet in Krisenzeiten wie diesen einen unverzichtbaren Beitrag zur Mobilitätsversorgung. Mit der „Kennenlern-Aktion" des Klimatickets Österreich im Mai und Juni 2026 mit verkürzter Vertragsbindung auf zwei Monate setzte Bundesminister Peter Hanke einen Schritt in die richtige Richtung.21 Weitere Maßnahmen sollten folgen. Eine Möglichkeit wäre, durch Zuschüsse von Arbeitgebern vergünstigte Öffi-Jobtickets für Beschäftigte anzubieten – solche „Firmen-Abo"-Modelle mit 25 Prozent Arbeitgeber-Zuschuss gibt es etwa in Baden-Württemberg und Brandenburg.22,23 Auch Kooperationsmodelle zwischen Öffentlichem Verkehr und Werksbussen von Unternehmen sind denkbar. Einen sehr erfolgreichen Werksbus betreibt etwa das Chemie-Unternehmen Wacker direkt an der oberösterreichischen Grenze in Burghausen für 4.200 Beschäftigte.24 Einen öffentlich mitnutzbaren Shuttle-Bus bietet etwa das Institute of Science and Technology Austria von Wien nach Klosterneuburg an.25 Ein anderes Anreiz-Modell zum Umstieg auf den Öffentlichen Verkehr startet gerade in Luzern: für 1.000 Menschen gibt es eine Test-Aktion, bei der für einen Monat das Privat-Auto stehen gelassen und stattdessen auf den Öffentlichen Verkehr und Sharing-Angebote umgestiegen wird.26 Auch nach diesem Monat reduzieren sich die per Auto zurückgelegten Kilometer signifikant, wie bereits umgesetzte Beispiele in Bern, Winterthur und Basel zeigen.27 In Wien gab es im Jahr 2025 ein Pilot-Projekt, in Baden startet eines im Mai 2026 – einer Ausweitung auf andere Ballungsräume steht nichts im Wege.28,29
Ein anderer Hebel ist die verstärkte Priorisierung von Bussen auf stark belasteten Pendelrouten. Im Jahr 2025 ging auf der A12-Inntalautobahn ein Pilotprojekt in Betrieb, bei dem Busse den Pannenstreifen mitnutzen können.30 Ebenfalls im Jahr 2025 startete ein Pilotprojekt, bei dem bis 2027 eine Bushaltestelle auf der A2-Südautobahn für Schnellbusse geschaffen wird.31 Auch auf Landesstraßen gibt es Beispiele für Busstreifen, auf denen der Öffentliche Verkehr am Stau vorbeifahren kann. Sinnvoll wäre eine bundesweite Potenzialanalyse, sodass auf stark belasteten Abschnitten rasch Busspuren zur Attraktivierung des Öffentlichen Verkehrs umgesetzt werden können – idealerweise kombiniert mit Verstärkerbussen zu Pendelzeiten, um Beschäftigten während der Krise Angebote zum Umstieg zu machen.