Der Grund dafür liegt im Alltag. Frauen leisten nach wie vor 63 Prozent der unbezahlten Arbeit, in Paarhaushalten mit Kindern übernehmen sie etwa zwei Drittel der Kinderbetreuung.4 Deshalb verbinden sie öfter mehrere Erledigungen zu komplexen Wegeketten: Kindergarten, Arbeit, Einkauf, Besuch bei Angehörigen. Laut dem International Transport Forum (ITF) der OECD verketten Frauen häufiger Wege, sind öfter außerhalb der Stoßzeiten unterwegs und ziehen den Öffentlichen Verkehr dem Auto stärker vor als Männer.5
Auch hierzulande lässt sich das Ungleichgewicht in der Sorgearbeit im Mobilitätsverhalten messen: In Wien dient rund jeder zehnte Weg dazu, jemanden zu begleiten, zu bringen oder abzuholen. 57 Prozent davon legen Frauen zurück, und sie gehen dabei doppelt so oft zu Fuß wie Männer.6
Verkehrstechnisch geplant wird trotzdem häufig nach einem anderen Muster: dem direkten Weg von zu Hause zur Arbeit und zurück, zur Stoßzeit. Dieses Muster entspricht vor allem männlichen Lebensrealitäten. Wer den Mann als Norm nimmt, übersieht einen großen Teil der Fahrgäste. Dichte Takte auch am Vormittag und am Abend, kurze Umstiege und gute Verbindungen zwischen Wohngebiet, Schule, Nahversorgung und Arbeitsplatz helfen Frauen, und mit ihnen allen, die Sorgearbeit leisten.
Sicherheit erleben: Wie sich der Weg anfühlt
Knapp acht von zehn Verkehrstoten des Jahres 2025 waren Männer.7 Unsicherer fühlen sich unterwegs trotzdem oft Frauen. Für sie ist dieses Gefühl bei der Wahl des Verkehrsmittels zentral: Das ITF nennt Sicherheit die wichtigste Voraussetzung dafür, dass Frauen Bus und Bahn nutzen.8
Prägend ist dabei oft nicht die Fahrt selbst, sondern das Warten an der Haltestelle und der Weg dorthin, wie die internationale Forschung belegt.9 Dunkle, schlecht einsehbare und menschenleere Orte werden zu Angsträumen, die viele meiden. Beim VCÖ-Haltestellen-Check betraf rund ein Viertel aller Meldungen fehlende Beleuchtung.10 Ebenso zählt das Miteinander: Sichtbares Personal und ein respektvoller Umgang stärken das Vertrauen.
Sicherheit gestalten: Vom Wohnumfeld bis in den Zug
Dass sich Sicherheitsgefühl gestalten lässt, zeigt Wien. Die Stadt setzt sich seit mehr als 20 Jahren mit geschlechtersensibler Planung auseinander und versteht sie als Qualitätssicherung, die den Alltag aller verbessert.11 Gleichmäßige Beleuchtung, freie Sichtachsen, Sitzgelegenheiten und belebte Plätze schaffen statt Angsträumen Orte, an denen Menschen gerne warten.
Genauso wichtig ist der Weg zur Haltestelle. Frauen legen deutlich mehr Wege zu Fuß zurück als Männer, oft mit einem Kind an der Hand, mit Kinderwagen oder Einkäufen.12 Fehlende Gehwege und unsichere Querungen treffen sie deshalb besonders. Dass solche Mängel verbreitet sind, zeigt der VCÖ-Haltestellen-Check: An 34 Prozent der gemeldeten Haltestellen erlebten Fahrgäste die Querung der Straße als unsicher, an 22 Prozent fehlte ein gesicherter Gehweg.13 Oft führt der Weg zur Haltestelle über Straßen, die vor allem für den Autoverkehr geplant sind.
Auch im Betrieb helfen einfache Lösungen, wenn sie die Wege von Frauen mitdenken. In Paris und Umgebung können Fahrgäste seit Herbst 2023 auf allen 247 RATP-Buslinien ab 22 Uhr zwischen zwei Haltestellen aussteigen. Erklärtes Ziel ist es, das Sicherheitsgefühl zu stärken, vor allem jenes von Frauen, die abends spät nach Hause fahren. In der Pilotphase mit rund 300 Haltewünschen fanden 93 Prozent der Nutzenden das Angebot hilfreich.14