Warum das Sicherheitsgefühl von Frauen über den Erfolg des Öffentlichen Verkehrs mitentscheidet

Von Klara Maria Schenk (VCÖ - Mobilität mit Zukunft), November 2026

Bus und Bahn zählen zu den sichersten Verkehrsmitteln. Laut Verkehrsunfallstatistik ist im Jahr 2025 in Österreich niemand in einem Bus, einer Straßenbahn oder einem Zug ums Leben gekommen. Von den 403 Verkehrstoten saßen dagegen rund sechs von zehn im Pkw oder auf dem Motorrad.1 Ob Menschen in Bus und Bahn einsteigen, entscheidet aber nicht die Unfallstatistik allein. Es zählt auch, wie sicher sich der Weg zur Haltestelle anfühlt, ob sie gut beleuchtet ist, ob Personal sichtbar ist und wie respektvoll es im Fahrzeug zugeht. Darauf achten insbesondere Frauen, die öffentliche Verkehrsmittel schon heute häufiger nutzen als Männer. Wege für Frauen sicher zu gestalten, ist der kürzeste Weg zu mehr Fahrgästen.

Sicherheit verstehen: Frauen sind anders unterwegs

Frauen sind in Österreich im Schnitt klimaverträglicher unterwegs als Männer. Laut der letzten bundesweiten Mobilitätserhebung legen sie an Werktagen 21 Prozent ihrer Wege zu Fuß zurück, Männer 14 Prozent. Bus und Bahn nutzen Frauen für 18 Prozent ihrer Wege, Männer für 16 Prozent.2 In Wien gehen Frauen 38 Prozent ihrer Alltagswege zu Fuß, Männer 30 Prozent. Auf dem Arbeitsweg fahren Wienerinnen zu 53 Prozent mit den Öffis, Wiener zu 38 Prozent.3

Der Grund dafür liegt im Alltag. Frauen leisten nach wie vor 63 Prozent der unbezahlten Arbeit, in Paarhaushalten mit Kindern übernehmen sie etwa zwei Drittel der Kinderbetreuung.4 Deshalb verbinden sie öfter mehrere Erledigungen zu komplexen Wegeketten: Kindergarten, Arbeit, Einkauf, Besuch bei Angehörigen. Laut dem International Transport Forum (ITF) der OECD verketten Frauen häufiger Wege, sind öfter außerhalb der Stoßzeiten unterwegs und ziehen den Öffentlichen Verkehr dem Auto stärker vor als Männer.5

Auch hierzulande lässt sich das Ungleichgewicht in der Sorgearbeit im Mobilitätsverhalten messen: In Wien dient rund jeder zehnte Weg dazu, jemanden zu begleiten, zu bringen oder abzuholen. 57 Prozent davon legen Frauen zurück, und sie gehen dabei doppelt so oft zu Fuß wie Männer.6

Verkehrstechnisch geplant wird trotzdem häufig nach einem anderen Muster: dem direkten Weg von zu Hause zur Arbeit und zurück, zur Stoßzeit. Dieses Muster entspricht vor allem männlichen Lebensrealitäten. Wer den Mann als Norm nimmt, übersieht einen großen Teil der Fahrgäste. Dichte Takte auch am Vormittag und am Abend, kurze Umstiege und gute Verbindungen zwischen Wohngebiet, Schule, Nahversorgung und Arbeitsplatz helfen Frauen, und mit ihnen allen, die Sorgearbeit leisten.

Sicherheit erleben: Wie sich der Weg anfühlt

Knapp acht von zehn Verkehrstoten des Jahres 2025 waren Männer.7 Unsicherer fühlen sich unterwegs trotzdem oft Frauen. Für sie ist dieses Gefühl bei der Wahl des Verkehrsmittels zentral: Das ITF nennt Sicherheit die wichtigste Voraussetzung dafür, dass Frauen Bus und Bahn nutzen.8

Prägend ist dabei oft nicht die Fahrt selbst, sondern das Warten an der Haltestelle und der Weg dorthin, wie die internationale Forschung belegt.9 Dunkle, schlecht einsehbare und menschenleere Orte werden zu Angsträumen, die viele meiden. Beim VCÖ-Haltestellen-Check betraf rund ein Viertel aller Meldungen fehlende Beleuchtung.10 Ebenso zählt das Miteinander: Sichtbares Personal und ein respektvoller Umgang stärken das Vertrauen.

Sicherheit gestalten: Vom Wohnumfeld bis in den Zug

Dass sich Sicherheitsgefühl gestalten lässt, zeigt Wien. Die Stadt setzt sich seit mehr als 20 Jahren mit geschlechtersensibler Planung auseinander und versteht sie als Qualitätssicherung, die den Alltag aller verbessert.11 Gleichmäßige Beleuchtung, freie Sichtachsen, Sitzgelegenheiten und belebte Plätze schaffen statt Angsträumen Orte, an denen Menschen gerne warten.

Genauso wichtig ist der Weg zur Haltestelle. Frauen legen deutlich mehr Wege zu Fuß zurück als Männer, oft mit einem Kind an der Hand, mit Kinderwagen oder Einkäufen.12 Fehlende Gehwege und unsichere Querungen treffen sie deshalb besonders. Dass solche Mängel verbreitet sind, zeigt der VCÖ-Haltestellen-Check: An 34 Prozent der gemeldeten Haltestellen erlebten Fahrgäste die Querung der Straße als unsicher, an 22 Prozent fehlte ein gesicherter Gehweg.13 Oft führt der Weg zur Haltestelle über Straßen, die vor allem für den Autoverkehr geplant sind.

Auch im Betrieb helfen einfache Lösungen, wenn sie die Wege von Frauen mitdenken. In Paris und Umgebung können Fahrgäste seit Herbst 2023 auf allen 247 RATP-Buslinien ab 22 Uhr zwischen zwei Haltestellen aussteigen. Erklärtes Ziel ist es, das Sicherheitsgefühl zu stärken, vor allem jenes von Frauen, die abends spät nach Hause fahren. In der Pilotphase mit rund 300 Haltewünschen fanden 93 Prozent der Nutzenden das Angebot hilfreich.14

Damit sich sicher anfühlt, was sicher ist

Aus guten Beispielen wird Standard, wenn es verbindliche Qualitätskriterien gibt: Beleuchtung, Sitzgelegenheiten und ein sicherer Gehweg sollten an jeder Haltestelle selbstverständlich sein, Takte sollten sich am ganzen Tag orientieren statt nur an der Stoßzeit. Wo genau der Bedarf liegt, muss man allerdings wissen. Die Datengrundlage dafür entsteht gerade: Seit März 2026 läuft die neue Mobilitätserhebung „Österreich unterwegs“.15 Konsequent nach Geschlecht, Wegezweck und Wegeketten ausgewertet, kann sie erstmals seit über zehn Jahren aktuelle Zahlen liefern. Ohne solche Daten bleibt der männliche Pendelweg der Maßstab.

Manches lässt sich aber schon heute verbessern. Im Nachtbusverkehr könnte ein Halt auf Wunsch viel bewirken. Bisher dürfen Fahrgäste nur an festgesetzten Haltestellen aussteigen, ausgenommen bei Betriebsstörungen und Notfällen. Jede Ausnahme muss die Behörde Linie für Linie prüfen und genehmigen.16 Eine klare Regelung würde es erleichtern, den Halt auf Wunsch breit anzubieten.

Und wer wissen will, wo sich Menschen unsicher fühlen, sollte sie fragen. Bei Neu- und Umbauten von Haltestellen und Bahnhöfen sollen jene mitreden, die sie nutzen, etwa bei Safety Walks: Frauen ebenso wie ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Rund die Hälfte der Menschen mit starken gesundheitlichen Einschränkungen im Alltag hat Schwierigkeiten, Verkehrsmittel zu nutzen.17

Objektiv sind Bus und Bahn schon heute die sicherste Wahl im Alltag. Wenn sich der Weg dorthin und der Aufenthalt im Fahrzeug auch so anfühlen, steigen mehr Menschen ein.

Quellen

Quellen

1 Statistik Austria: Straßenverkehrsunfälle 2025. STATkompakt. Wien: 2026. Tab. 13 und 14. Erfasst sind Unfälle auf Straßen mit öffentlichem Verkehr, nicht auf eigenen Gleiskörpern. Weblink
2 BMVIT: Österreich unterwegs 2013/2014. Management Summary. Wien: 2016. Modal Split nach Geschlecht, Werktage. Weblink
3 Stadt Wien, MA 18: Vertiefende Auswertung des Mobilitätsverhaltens der Wiener Bevölkerung. Wien: 2025. S. 13 und 23. Weblink
4 Statistik Austria: Frauen verdienten 2022 brutto pro Stunde um 18,4 % weniger als Männer. Presseaussendung, korrigierte Fassung. Wien: 2024/2025. Zeitverwendung 2021/22, Erwachsene unter 65 Jahren. Weblink
5 Ng, W., Acker, A.: Understanding Urban Travel Behaviour by Gender for Efficient and Equitable Transport Policies. ITF Discussion Paper 2018-01. Paris: 2018. Weblink
6 Ebd., Fußnote 3. S. 19 bis 23.  
7 Ebd., Fußnote 1. Tab. 17.  
8 International Transport Forum: ITF work on Gender in Transport. Themenseite. Paris: o. J. Weblink
9 Loukaitou-Sideris, A. u. a.: How to Ease Women's Fear of Transportation Environments. Mineta Transportation Institute Report 09-01. San José: 2009. Weblink
10 VCÖ: Fahrgast-Check: Viele Haltestellen mit Mängeln. Wien: 2026. Weblink
11 Stadt Wien: Gender Mainstreaming in der Stadtplanung. Wien: o. J. Weblink
12 Ebd., Fußnote 3 (MA 18, S. 13 und 23).  
13 Ebd., Fußnote 11.  
14 Île-de-France Mobilités, RATP: IDFM et la RATP généralisent la descente à la demande. Pressemitteilung. Paris: 2023. Weblink
15 BMIMI: Österreich unterwegs. Presseaussendung vom 12.3.2026. Wien: 2026. Weblink
16 Verordnung über die Allgemeinen Beförderungsbedingungen für den Kraftfahrlinienverkehr (Kfl-BefBed), BGBl. II Nr. 47/2001 idgF, § 10 Abs. 2. Wien: 2001. BMVIT: Anfragebeantwortung 2337/AB-BR/2007 betreffend „Halten auf Wunsch“. Wien: 2007. Weblink
Weblink
17 Statistik Austria: Österreichische Gesundheitsbefragung 2025. Hauptergebnisse. Wien: 2026. S. 53, Abb. 12. Weblink

 

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