Der Wille ist da, der Platz fehlt
Dass es mehr Bäume, mehr Schatten und weniger versiegelte Flächen braucht, bestreitet kaum noch jemand. Die Frage ist nicht mehr, ob etwas zu tun ist, sondern wie wir die längst bekannten Lösungen in Umsetzung bringen. Allzu oft fehlt zur Umsetzung dieser Lösungen vor allem eines: Platz. Ein Stellplatz und ein Baum brauchen in etwa dieselbe Fläche, und in den allermeisten Straßen ist diese Fläche bereits an das Auto vergeben. Der Verkehr ist in Österreich für einen großen Teil der Bodenversiegelung verantwortlich, und allein im Jahr 2025 kamen im Schnitt 0,9 Hektar pro Tag an neuen Verkehrsflächen dazu.5,6 Das Missverhältnis zeigt sich in Wien besonders deutlich: Nur 25 Prozent der Wege werden mit dem Auto zurückgelegt, aber 57 Prozent der Fläche von Gemeindestraßen sind dem Kfz-Verkehr vorbehalten, 42 Prozent als Fahrbahn und 15 Prozent als Stellflächen. Für aktive Mobilität und Aufenthalt bleiben 30 Prozent.7 In Kopenhagen entfallen auf Stellplätze nur acht Prozent der befestigten Straßenfläche, auf Geh- und Radwege dagegen 43 Prozent.8
Die Rechnung für den Asphalt
Was diese Flächenverteilung uns kostet, lässt sich beziffern. In Wien waren Grünflächen mit Bäumen im Sommer im Schnitt um elf Grad kühler als stark versiegelte Flächen, in Linz um 12,5 Grad, in Salzburg um 14 und in Innsbruck um 15,5 Grad.9 Messungen in Manchester zeigen, woraus sich dieser Unterschied zusammensetzt: Baumschatten senkte die maximale Oberflächentemperatur um bis zu 19 Grad. Eine Rasenfläche wiederum war um bis zu 24 Grad kühler als die Betonfläche daneben.10 Beschattung und Entsiegelung sind also zwei unterschiedliche Hebel, und jeder für sich wirkt schwächer als beide gemeinsam.
Die Wirkung reicht über die Temperatur hinaus. In Eindhoven legten Menschen mit rund 200 Metern Distanz zum nächsten Grünraum wöchentlich etwa 160 Minuten zu Fuß zurück, bei nur hundert Metern mehr Entfernung waren es 21 Minuten weniger.11 Grüner Straßenraum ist damit keine Verschönerung, sondern die Bedingung dafür, dass Zufußgehen und Radfahren in einem heißeren Klima überhaupt möglich bleiben. Jeder Quadratmeter, der als Stellplatz dient, ist damit nicht neutral. Er ist eine potenzielle Kühlleistung, auf die verzichtet wird.
Wenn der nächste Sommer anders sein soll
Hitzeresilienz ist ohne Verkehrspolitik nicht zu haben. Beides hängt an derselben Ursache: Je weniger Kfz-Verkehr eine Stadt braucht, desto weniger Fläche muss sie ihm widmen, und desto mehr bleibt für aktive Mobilität, Bäume und offenen Boden. Bessere Bedingungen zum Gehen und Radfahren senken deshalb die Hitzebelastung vor Ort und tragen zugleich dazu bei, die zu hohen Treibhausgasemissionen des Verkehrs zu senken, die mit rund 18,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent außerhalb des Emissionshandels weiterhin die höchsten in Österreich sind.12,13
Dazu kommt der Faktor Zeit. Im tropischen Pazifik hat sich ein El-Niño-Ereignis entwickelt, das die NOAA für Herbst und Winter mit über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit als sehr stark einstuft.14 Ein sehr starker El Niño hebt die globale Mitteltemperatur zusätzlich an, meist verzögert im Folgejahr. Ob daraus in Österreich ein weiterer Rekordsommer wird, ist offen. Sicher ist nur: Der Rekordsommer 2026 kam ganz ohne diesen zusätzlichen Antrieb zustande. Und rückblickend wird er einer der kühleren Sommer gewesen sein, die wir noch erleben.
Was jetzt zu tun ist
Umgestaltung braucht Vorlauf, in zweifacher Hinsicht. Ein Straßenbaum braucht rund 35 Jahre, bis seine Krone wirksam Schatten wirft.15 Gleichzeitig sind Österreichs Städte und Gemeinden für rund 93.500 Kilometer Gemeindestraßen zuständig, die spätestens nach 30 bis 40 Jahren umfassend erneuert werden müssen.16 Beide Zeiträume sind etwa gleich lang. Wer heute aufgräbt und ohne Anpassung wieder zumacht, vergibt damit die Gelegenheit für eine Generation. Wer will, dass die kommenden Sommer anders verlaufen, muss jetzt entscheiden und nicht erst, wenn im Mai 2027 die Thermometer wieder die 30-Grad-Marke knacken.