Die Zukunft liegt in der Intermodalität

Ein Container wird von einem Güterwagon auf einen Lkw umgeladen

Güter kommen selten mit nur einem Verkehrsmittel ans Ziel. Mit intelligenten Verknüpfungen gelingt die nachhaltige Lieferkette: den größten Teil der Strecke auf der Schiene, die regionale Anbindung per E-Lkw.

Von Doris Neubauer

Die Strecke zwischen dem steirischen Steinbruch Tragöß-St. Katharein und dem Knauf-Werk in Weißenbach bei Liezen ist 130 Kilometer lang. Den abgebauten Naturgips per Lkw zu transportieren „wäre einfacher gewesen“, sagt Herbert Moser, Leiter Logistik und Support des Trockenbauunternehmens. Trotzdem holen seit dem Jahr 2023 E-Lkw das Rohgestein ab und beladen speziell entwickelte City-Logistics-Container. Diese werden am Güterbahnhof Kapfenberg samt Inhalt auf die Waggons gehoben. Per Bahn geht es weiter zum Knauf-Werk in Weißenbach bei Liezen – ganz ohne Umladen des Guts selbst. „Die Stärke des intermodalen Transports liegt darin, dass der Container das Transportmittel wechselt, das zu transportierende Gut aber nicht umgeladen werden muss“, erklärt Hannes Pichler, Teamlead Business Development bei Innofreight. Dieses Logistik- und Technologieunternehmen hat die intermodalen Container entwickelt und das mit dem VCÖ- Mobilitätspreis 2024 ausgezeichnete Projekt gemeinsam mit Knauf und Silo Riedel umgesetzt. Rund 110.000 Tonnen Naturgips legen so jährlich die Strecke von Tragöß über Kapfenberg bis Weißenbach zurück. Gleichzeitig gehen die Lkw-Fahrten im Tragößer Tal von einst 40 auf 34 pro Tag zurück, und der CO2-Ausstoß lässt sich gegenüber dem reinen Lkw-Transport entlang der Lieferkette um bis zu 84 Prozent reduzieren.

Vom Steinbruch auf die Schiene

Für Knauf-Logistikleiter Herbert Moser war die Motivation aber nicht nur ökologischer Natur: „In Europa kommt aufgrund des demografischen Wandels ein Lkw-Fahrermangel auf uns zu“, sieht er eine Herausforderung, auf die der Rest der Branche seiner Ansicht nach noch zu wenig reagiert. Bis zu zwei Millionen Lkw-Fahrer könnten bald fehlen, bestätigt Hannes Pichler vom Partner Innofreight. Die kurzen Umläufe und regelmäßigen Arbeitszeiten im Regionalverkehr seien für Fahrende attraktiver als auf der Langstrecke und damit handfeste Argumente angesichts des Personalmangels. Doch auch andere Entwicklungen am Markt wie die Ausdünnung der Anschlussbahnen, steigende Dieselpreise sowie CO2-Abgaben könnten seiner Meinung nach dafür sorgen, dass der Intermodalverkehr langfristig an Bedeutung gewinnt.

„Der größte Mehrwert für die Bevölkerung ist, dass wir die Lärm- Emission im Griff haben“, weiß Moser. Dieser Aspekt kommt vor allem bei Anrainerinnen und Anrainern im innerstädtischen Bereich gut an. Zehn Waggons mit Gipsplatten werden wöchentlich von Weißenbach an den Umschlagplatz Wien Freudenau geliefert. Auf der letzten Meile übernimmt seit Anfang 2025 ein neuartiger, voll- elektrischer Tridem-Lkw mit Großkran den Transport der Trockenbauprodukte. Umgesetzt wurde der Einsatz dieses innovativen Fahrzeugs gemeinsam mit der Schachinger baulogistik GmbH. Es sorgt nicht nur für CO2-Einsparungen von bis zu 50 Tonnen pro Jahr, sondern ist im Gegensatz zu lauten Dieselfahrzeugen nur mit einem dezenten Surren zu hören. Weitere Lkw dieser Art werden folgen: „Der zweite soll im ersten Quartal 2027 kommen“, erklärt der Logistik-Pionier und plant mittelfristig alle drei Transport-Lkw in Wien durch vollelektrische zu ersetzen – und das, obwohl diese Fahrzeuge doppelt so teuer sind wie Diesel-Lkw.

Logistikketten neu denken

„Intermodalität ist natürlich komplexer und normalerweise kostenintensiver“, nennt Pichler die Herausforderungen für Unternehmen, die gerade im Sinne des European Green Deal aufgefordert sind, ihre Lieferketten nachhaltiger zu gestalten. „Gleichzeitig sind viele Unternehmen auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern und -möglichkeiten, um sich breiter und damit auch resilienter aufzustellen.“ Mit Hilfe der Bahn und klugen Ansätzen könne das gelingen, so Pichler, und er nennt ein Beispiel: Gemeinsam mit dem Kalkproduzenten InterCal ist es Innofreight im Frühjahr 2025 gelungen, Branntkalk für die Stahlerzeugung vom steirischen Peggau ins slowakische Košice zu transportieren. Da das Firmengelände in Peggau zwar über einen Gleisanschluss verfügt, dieser aber nicht bis zur Verladestelle reicht, muss ein eigens dafür ausgelegter Spezialcontainer namens MonTainer XXLL WSF ein paar hundert Meter vom Gleis zur Beladestelle und wieder retour mit dem Lkw zurücklegen. In Košice erfolgt die Entladung dann direkt am Gleis.

Coop beliefert mit der Bahn

Auf ein innovatives, kombiniertes Transportnetzwerk für die letzte Meile setzt auch City Cargo des Detailhändlers Coop in der Schweiz: „Coop ist aktuell die einzige Detailhändlerin der Welt, die mehrere Städte in einem Land mit dem Zug beliefert“, heißt es vonseiten des Unternehmens. Über das eigene Bahnunternehmen Railcare verbindet Coop Verteilzentren mit Güterbahnhöfen. Seit über zehn Jahren ist dieses Konzept in Genf, aber auch im Oberwallis, im Jura, im Engadin und seit letztem November auch in Zürich erfolgreich in Betrieb. Die Waren reisen in Wechselbrücken auf der Schiene und werden am Zielort zunehmend auf E-Lkw umgeladen. Allein in Zürich werden über 70 Verkaufsstellen mit der Bahn beliefert und damit jährlich rund 58.000 Lkw-Fahrten sowie bis zu 8.100 Staustunden eingespart. Die CO2-Emissionen sinken im Vergleich zum reinen Straßentransport um rund 80 Prozent. „Wir zeigen mit dem neuen Eisenbahn-Hub, dass nachhaltige Transportlösungen nicht nur eine Vision, sondern bei Coop gelebte Realität sind“, formuliert es Coop- CEO Philipp Wyss. Bereits zwei Drittel der nationalen Warentransporte des Konzerns laufen auf der Schiene. Um diesen Anteil noch zu steigern, sollen mittelfristig weitere Hubs eröffnet werden.

Regionalterminals als niederschwelliger Zugang

Damit nicht nur große Betriebe wie Coop, sondern auch kleinere Unternehmen ohne eigenen Gleisanschluss auf die Schiene wechseln können, braucht es Umschlagpunkte in der Fläche. Genau hier setzt das Regionalterminal Stams, ein weiterer VCÖ-Mobilitätspreisträger, an. Umgesetzt von der Truck to Train Service GmbH, entstand im Jahr 2025 auf einem Freigleis das erste Terminal für regionalen Umschlag im Tiroler Oberland. Seither werden dort unter anderem Gleisschotter, Baustahl, Betonfertigteile, Rundholz oder Bahnmasten von der Straße auf die Schiene geladen.

Das Konzept lebt vom Netzwerk- effekt: Je mehr Unternehmen die Schiene nutzen, desto attraktiver werden Frequenz und Preise – und desto eher lohnt sich der Umstieg auch für kurze Strecken. Damit Österreich sein Ziel erreicht, bis zum Jahr 2040 bis zu 40 Prozent des Güterverkehrs auf die Schiene zu verlagern, braucht es ein dichtes Netz an Regionalterminals abseits der großen Zentren. Davon sind zumindest die Initiatoren überzeugt. Zu diesem Netz will auch Innofreight einen weiteren Umschlagplatz beisteuern: Gemeinsam mit den Partnern Alpacem und InterCal entwickelt das Unternehmen derzeit ein bestehendes Industrieareal im steirischen Peggau zu einem modernen, intermodalen Güter- und Containerterminal.

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