Mit dem Nachtzug in den Urlaub

Ob Eurocity, Nachtreisezüge oder ICE - mit der Covid-19-Pandemie müssen sich auch grenzüberschreitende Bahnreisen neu definieren. Der Bahnverkehr steht vor der Herausforderung in Konkurrenz zu direkt oder indirekt subventionierten Billigfluglinien nachhaltig Fernreisen auf Schiene zu bringen.

Von Doris Neubauer

Lissabon oder Barcelona? Hanoi, Bangkok oder Tokio? Diese fünf Standardrouten werden auf www.traivelling.com vom Bahnreisebüro Traivelling angeboten. „Ebenfalls gefragt sind Süditalien oder Georgien - Destinationen, die auch Billigflieger ansteuern”, freut sich Elias Bohun und fügt hinzu: „Wir sind aber für alles offen.“ Ende des Jahres 2019 gründete der 19-Jährige mit seinem Vater das „konsequent klimafreundliche Bahnreisebüro“, um Reisende zu einem Umsteigen vom Flugzeug auf den Zug zu bringen. Wie das Reisemonitoring der Öamtc-Touristik zeigt, gab jede fünfte Person an, im Jahr 2019 „im Sinn der Nachhaltigkeit bewusst auf Flugreisen zu verzichten“.

Auf Kurz- und Mittelstrecke umweltverträglich reisen

Vor allem auf Kurz- und Mittelstrecken seien Bahnreisen „voll angekommen“, bestätigt Bohun, der seit einem Asientrip nach der Matura Bahnreisen liebt, „der große Zuspruch hat uns überwältigt.“ Einige Monate später hat die Covid-19-Pandemie den Höhenflug abgebremst. „Derzeit laufen die Buchungen langsam wieder an“, meint der Wiener, „und viele fragen nach, wann Fernreisen wieder möglich sein werden.“ Zumindest die Grenzen innerhalb Europas sollen im Juni 2020 schrittweise wieder öffnen. Für die Menschen in Österreich kann es nicht schnell genug gehen. 51 Prozent vermissen das Reisen laut einer Gallup-Umfrage aus dem April des Jahres 2020. Diese Sehnsucht steigert aber nicht zwangsläufig die Nachfrage. „In der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 konnte festgestellt werden, dass Reisen kurzfristig einen Knick bekommt“, weiß Ralf Risser, Verkehrspsychologe und Dozent für Verkehrssoziologie an der Universität Wien sowie der Palacký Universität Olmütz, „vor allem Menschen mit niedrigerem Einkommen sind verunsichert.“ Auswirkungen auf einzelne Verkehrsmittel seien zu erwarten. „Der Autoverkehr wird deutlich mehr werden“, geht Risser davon aus, dass dieser angesichts physischer Distanzierung seine Vormachtstellung von 54 Prozent ausbaut. Der Bahn, mit der im Jahr 2018 laut Statistik Austria rund 690.000 Sommerurlaubsreisen und damit um 23 Prozent mehr als im Jahr 2017 unternommen wurden, könnte die Krise ebenfalls in die Karten spielen. Langjährig Autofahrende werden kaum umsteigen, aber: „Wenn es für bestimmte kürzere Strecken keine Flüge gibt, ist denkbar, dass ein Teil dieser Menschen das Reisebedürfnis mit der Bahn stillt und danach bei der Bahn bleibt“, meint der Verkehrssoziologe. Vorausgesetzt, Reisende erfahren die Vorteile. Daran soll es laut Michaela Huber, Vorständin der ÖBB-Personenverkehr AG, nicht scheitern: „Unsere Flotte zählt zu den modernsten in ganz Europa.“ Die Qualität des Fuhrparks werde laufend gesteigert – „unabhängig von der Covid-19-Pandemie“.

Nachtreisezug im Vorteil

Mit den „Nightjet“ bieten die ÖBB 19 Linien in Europa an – Städte von Brüssel über Florenz bis Berlin sind im Schlaf erreichbar. Und das mit einem Bruchteil des CO2 -Ausstoßes von Kurzstreckenflügen. Durch die Covid-19-Pandemie zeigt sich ein weiterer Vorteil. Während enges Zusammensitzen im Flugzeug unvermeidbar ist, gibt es im Zug mehr Freiraum. Besonders bei den Nightjets: „Wir führten damit Sonderzüge für Pflegepersonal aus Rumänien durch und sind dort mit den Gesundheitsbehörden übereingekommen, dass sich Liege- oder Schlafwagen für längere Strecken sogar besser eignen, den Sicherheitsabstand einzuhalten als Sitzwägen“, erklärt Michaela Huber. Ende Mai 2020 wurde das Angebot aufgrund der gelockerten Reisebestimmungen für Charterflüge oder Busse wieder beendet. Das Angebot an solchen Nachtverbindungen müsse kurzfristig verstärkt werden, um Reisende auf dem Boden zu halten, ist Elias Bohun von Traivelling überzeugt. „Der Trend hat voll eingesetzt“, beobachtet er, „er muss aber noch stärker werden.“ In Deutschland beispielsweise fahren günstige Intercities in der Nacht. Spezielle Schlafgelegenheiten bieten diese zwar nicht, sie seien aber trotzdem für junge Leute interessant, die normalerweise Billigflieger buchen. Auch internationale Nachtreisezüge wären aufgrund der preiswerten Tickets oft ausgebucht. „Das Problem ist die Vorlaufzeit“, so Bohun, der zurzeit an einem Tool arbeitet, um das Buchen internationaler Reisen zu vereinfachen, „wenn ein Nachtreisezug von Malmö nach Köln erst im Jahr 2022 an den Start gehen kann, dauert das zu lange.

Wettbewerbsverzerrungen benachteiligen Bahn

Das Fehlen EU-weit einheitlicher Rahmenbedingungen – von den elektrischen Standards bis zu Sicherheits- und Signalgebungssystemen – erschwert den Fernzugverkehr. Auch beim Ausbau grenzüberschreitender Bahnnetze herrscht Aufholbedarf. Zusätzlich muss die Bahn im Fernverkehr Energie- und Mehrwertsteuern zahlen, während Auslandsflüge nicht besteuert werden. Statt den Wettbewerb durch Staatshilfen für die Airlines weiter zu verzerren, braucht es hier neue Rahmenbedingungen, um den Verkehr auf Schiene zu bringen: „Wir müssen jetzt die Weichen für einen nachhaltigen, umweltschonenden und verträglichen Transport von Personen und Gütern stellen“, plädiert Huber von den ÖBB und sieht positive Signale der Bundesregierung. Eines sei klar: „Langfristig führt kein Weg an der Bahn als umweltverträglichste Verkehrsart vorbei. Daran wird auch die Covid-19-Pandemie nichts ändern.”

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