So geht abgasfreie Logistik in der Stadt

Elektrischer Kleintransporter vor Bürogebäude

Elektrische Lkw, Lastenräder und Logistik-Hubs können Lieferungen sauberer machen. Für eine nachhaltige City-Logistik braucht es zudem: weniger Fahrten, weniger Flächenverbrauch und die richtigen Rahmenbedingungen.

Von Anna Stockhammer

Pakete, Lebensmittel, Baustoffe und Abfall: Ohne Liefer- und Güterverkehr funktioniert keine Stadt. Doch genau dieser Verkehr braucht viel Platz, macht Lärm und verursacht Emissionen. Logistik macht bis zu 20 Prozent der in Städten gefahrenen Fahrzeugkilometer aus, heißt es von der „Expert Group on Urban Mobility“ der EU-Kommission. Ein Grund sind die boomenden Online-Bestellungen: 451 Millionen Pakete wurden im Vorjahr in Österreich transportiert, fünf Prozent mehr als im Jahr 2024. Wie können Güter zuverlässig ans Ziel kommen, ohne dass immer mehr Lieferfahrzeuge Straßen und Umwelt belasten?

Nur den Antrieb des Transportfahrzeugs auszutauschen ist zu wenig: „Eine Antriebswende löst die Herausforderungen einer Stadt nicht“, stellt Dominik Hölzl vom Forschungsbereich Move der TU Wien fest. „Auch ein E-Transporter braucht Straßen- und Ladefläche, verursacht Reifenabrieb und Lärm durch Abrollgeräusche, steht im Stau und hält oftmals in zweiter Spur oder auf Geh- und Radwegen.“ Eine nachhaltigere City-Logistik bedeutet deshalb auch: „Fahrten bündeln, für die letzte Meile kleinere Fahrzeuge einsetzen und Logistik in der Stadtplanung mitdenken.“

E-Lkw erfolgreich im Einsatz

Dort wo Lkw und Kfz derzeit noch das Mittel der Wahl sind, ist Elektrifizierung der nächste Schritt. Dass elektrische, abgasfreie Nutzfahrzeuge heute schon im Wirtschaftsverkehr funktionieren können, zeigt Wien. Das von der Wirtschaftskammer Wien koordinierte Projekt „Zero Emission Transport“ wurde inzwischen auf die ganze Stadt ausgeweitet. Mehr als 50 Unternehmen sind mit über 420 emissionsfreien Fahrzeugen dabei und haben bereits mehr als fünf Millionen Kilometer zurückgelegt. „Nicht nur Pkw oder Kleintransporter sind unterwegs, sondern auch schwere Lkw, Busse, Doppelstockbusse und Taxis. Das zeigt, dass Elektromobilität längst nicht mehr nur für einzelne Nischenanwendungen geeignet ist“, sagt Spartenobmann Christian Holzhauser.

Wie unterschiedlich die Einsatzbereiche sind, zeigen konkrete Beispiele: Transgourmet beliefert Gastronomie und Hotellerie im Großraum Wien mit 26 E-Lkw. Der Wiener Handwerksbetrieb Koch Dach & Terrasse betreibt 16 vollelektrische Fahrzeuge und lädt sie mit Strom aus der eigenen Photovoltaikanlage. „Wir sind seit Jahren elektrisch“, berichtet Chef Peter Koch. „Ich möcht’ mich nicht von meinen Enkelkindern fragen lassen: Opa, warum bist du damals noch nicht elektrisch gefahren, wenn es schon möglich war?“ DPD wiederum stellt im 1. und 2. Bezirk mit mindestens zehn E-Transportern täglich rund 1.500 Pakete vollelektrisch zu. „Seit Projektstart im letzten Jahr haben unsere E-Zustellfahrzeuge in diesem Gebiet mehr als 120.000 elektrische Kilometer zurückgelegt. Die dabei gewonnenen Erfahrungen und Daten liefern wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung klimaverträglicher Zustellkonzepte in urbanen Räumen. Sie helfen dabei, den Wirtschaftsverkehr der Zukunft aktiv mitzugestalten“, sagt Daniel Neumann, Geschäftsführer der Gebrüder Weiss Paketdienst GmbH, dem größten Gesellschafter hinter der Marke DPD in Österreich.

Auf dem Weg gibt es noch ein paar Hürden: fehlende Förderungen für die Investitionskosten der Unternehmen und zu wenige Ladestellen. Österreichweit gab es im Jahr 2025 lediglich 15 öffentlich zugängliche Lkw-Ladestandorte, 19 weitere waren geplant. Die Wirtschaftskammer testet deshalb gemeinsames Depotladen, bei dem Fahrzeuge auf dem Betriebsgelände eines anderen Unternehmens Strom beziehen.

Cargo-Bikes für die letzte Meile

Nicht jede Lieferung braucht einen Lkw. Der Samariterbund Wien stellt zum Beispiel Essen auf Rädern seit dem Jahr 2016 auch mit Transporträdern zu. Mittlerweile sind 20 E-Transporträder im Einsatz. Sie haben im Vorjahr jeweils rund 6.500 Kilometer zurückgelegt. „Gegenüber Verbrenner-Pkw vermeidet die Flotte fast 20.000 Kilogramm CO2 pro Jahr“, fasst Michael Berger vom Samariterbund zusammen. Damit Lastenräder ihre Vorteile auf der letzten Meile ausspielen können, müssen Waren aber zuvor gebündelt werden. Mikro- und Logistik-Hubs übernehmen diese Funktion: Lieferungen werden an einem Ort zusammengeführt und von dort mit stadtverträglicheren Fahrzeugen verteilt. Größere Konsolidierungszentren können diese Schnittstelle bereits am Stadtrand bilden.

In der Seestadt Aspern setzt das Logistikkonzept von der TU Wien, LNC und Wien 3420 auf Mikro- Hubs, an denen Pakete auf Transportfahrräder umgeschlagen werden. Laut Konzept könnten rund 60 Prozent des Paketaufkommens per Lastenrad abgewickelt werden. Für das Jahr 2027 ist ein erster Hub angedacht. Für Dominik Hölzl ist entscheidend, solche Hubs nicht isoliert zu betrachten. „Ein Logistik-Hub alleine ist schwer zu betreiben.“ Es brauche unter anderem flankierende Maßnahmen, wodurch die Auslieferung mittels Transportfahrrädern gestärkt wird, wie zum Beispiel den Ausbau der Radinfrastruktur, Flächen für Ladezonen, digitale Buchungssysteme, Ausweitung von Fußgängerzonen, Zufahrtsmöglichkeiten für Transportfahrräder und Flächen, die für Logistik freigehalten werden.

Raus aus der Pilotphase

Warum viele Hub-Projekte im Pilotstadium stecken bleiben, untersucht aktuell das von der TU Graz koordinierte und internationale Projekt CO4HUB. „Die wesentlichen Probleme von urbanen Logistik-Hubs sind gar nicht technischer Natur“, stellt Projektleiter Thomas Draschbacher fest. Geeignete Flächen sind knapp, die Zahlungsbereitschaft für nachhaltigere Zustellung ist gering und Unternehmen haben oft wenig Interesse, Sendungen über Unternehmensgrenzen hinweg zu bündeln. CO4HUB setzt deshalb bei Organisation, Geschäftsmodellen und politischen Rahmenbedingungen an und erprobt Lösungen in Praxistests und Simulationen.

Auch die Stadt Wien versucht, die Rahmenbedingungen stärker zu gestalten. Seit Anfang des Jahres 2023 wurde gemeinsam mit Unternehmen und weiteren Beteiligten am „Masterplan Urbane Logistik“ gearbeitet, den kürzlich der Gemeinderat beschlossen hat. „Klimafitte, effiziente und stadtverträgliche Logistik, das ist das Ziel“, sagt Sarah Bittner-Krautsack von der Stadt Wien. Gleichzeitig müsse Logistik als Voraussetzung für Versorgung und Wirtschaftskraft mitgedacht werden.

Eine zentrale Herausforderung ist der knappe öffentliche Raum: Der Nutzungsdruck ist groß, daher liegt bei Nutzfahrzeugen über 3,5 Tonnen der Fokus auf Ladeinfrastruktur im privaten und halböffentlichen Raum, ebenso bei Standorten für die Verdichtung des Paketboxen-Netzwerks. Auch eine Zero-Emission-Zone wird evaluiert. Denkbar wäre ein Stufenplan mit längerer Vorbereitungszeit. Die Stadt setzt sich für die Schaffung rechtlicher Grundlagen auf Bundesebene ein. Auf den Masterplan soll ein Logistik-Aktionsprogramm mit konkreten Maßnahmen folgen.

Vorbild Amsterdam

Wie eine Zero-Emission-Zone funktionieren kann, zeigt Amsterdam. Dort gilt seit Anfang des Jahres 2025 innerhalb der S100 – einer zwölf Kilometer langen inneren Ringstraße, die das historische Stadtzentrum von Amsterdam umschließt  – eine Null-Emissionszone für Lieferwagen und Lkw; für bestehende Fahrzeuge gelten Übergangsfristen. Ab dem Jahr 2028 soll die Zone ausgeweitet werden. Florian Lipowski von der Stadt Amsterdam nennt vier Pfeiler des Ansatzes: „Regulieren, stimulieren, kommunizieren und ermöglichen“. Dazu gehören neben Zufahrtsregeln finanzielle Unterstützung für Unternehmen, Ladeinfrastruktur und Hubs. Amsterdam zeigt zugleich, dass Regulierung allein nicht genügt. Lipowski plädiert dafür, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger früh einzubinden und die Stadtlogistik insgesamt mitzudenken.

Am Ende führt nicht ein einzelner Hebel zur emissionsfreien City-Logistik. Elektrische Lkw sind dort sinnvoll, wo schwere Waren bewegt werden müssen, Lastenfahrräder hingegen auf kurzen Wegen, Hubs an den Schnittstellen dazwischen. Städte können Flächen reservieren und Regeln setzen, Unternehmen müssen die Lösungen im Alltag tragen. Für Lipowski lautet die Richtung: „Der Verkehr muss effizienter werden und weniger – und der Rest, der übrig bleibt, muss sauber werden.“

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