VCÖ: Mehr als die Hälfte der tödlichen Verkehrsunfälle passiert auf Freilandstraßen

VCÖ: Tempolimit 80 statt 100 bringt mehr Verkehrssicherheit

Foto: Kleines Kreuz mit Kerzen neben einer Freilandstraße

VCÖ (Wien, 1. August 2022) – In den vergangenen drei Jahren kamen in Österreich auf Freilandstraßen insgesamt 628 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, das waren 56 Prozent aller Verkehrstoten, wie eine aktuelle VCÖ-Analyse auf Basis von Daten der Statistik Austria zeigt. Die größte Opfergruppe waren Pkw-Insassen, die zweitgrößte Motorrad-Fahrende. Tempo 80 statt 100, wie zuletzt von vielen Fachleuten vorgeschlagen, reduziert den Anhalteweg und damit das Unfallrisiko, betont die Mobilitätsorganisation VCÖ.

Eine am Wochenende veröffentlichte Studie der Forschungsgesellschaft Straße, Schiene und Verkehr spricht sich für die Senkung der Tempolimits auf Autobahnen, Freilandstraßen und im Ortsgebiet aus. „Gerade auf Freilandstraßen würde Tempo 80 statt 100 einen wichtigen Beitrag leisten, um die extrem hohe Anzahl tödlicher Verkehrsunfälle auf diesen Straßen zu reduzieren“, stellt VCÖ-Experte Michael Schwendinger fest.

Eine aktuelle VCÖ-Analyse auf Basis von Daten der Statistik Austria zeigt, dass im Drei-Jahres-Zeitraum 2019 bis 2021 insgesamt 628 Menschen bei Verkehrsunfällen auf Österreichs Freilandstraßen ums Leben kamen, das waren 56 Prozent aller Verkehrstoten. Mehr als die Hälfte davon, nämlich 334, waren Pkw-Insassen. Die zweitgrößte Opfergruppe waren mit 174 Motorrad-Fahrende. Zusätzlich wurden zwischen 2019 und 2021 insgesamt 32.484 Menschen bei Verkehrsunfällen auf Freilandstraßen verletzt.

Bei jedem dritten tödlichen Verkehrsunfall außerhalb des Ortsgebiets (inklusive Autobahnen und Schnellstraßen) war die Geschwindigkeit die Hauptursache, macht die Mobilitätsorganisation VCÖ - Mobilität mit Zukunft aufmerksam. Die zweithäufigste Unfallursache – Ablenkung und Unachtsamkeit – verursachte jeden 4. tödlichen Verkehrsunfall außerhalb des Ortsgebiets.

Der VCÖ weist darauf hin, dass Österreich in den vergangenen Jahren seine Verkehrssicherheitsziele – trotz Rückgangs infolge der Maßnahmen gegen die Covid-19 Pandemie – deutlich verfehlt hat. So lautete das Ziel für das Jahr 2020, die Zahl der Todesopfer im Straßenverkehr auf weniger  als 312 zu reduzieren, tatsächlich verloren aber 344 Menschen ihr Leben bei einem Verkehrsunfall. Und anstatt zu sinken, nahm die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2021 auf 362 zu. Heuer stieg die Anzahl der Todesopfer im Straßenverkehr in den ersten sieben Monaten weiter stark an. Bereits 224 Menschen kamen in den ersten sieben Monaten bei Verkehrsunfällen ums Leben, um 34 mehr als zur gleichen Zeit des Vorjahres, das ist ein Anstieg um fast 18 Prozent.

„Niedrigere Tempolimits auf Freilandstraßen erhöhen die Verkehrssicherheit und reduzieren zusätzlich den Spritverbrauch, den CO2-Ausstoß und den Verkehrslärm“, stellt VCÖ-Experte Schwendinger fest. Als in der Schweiz im Jahr 1985 zunächst provisorisch und ab dem Jahr 1990 dauerhaft das Tempolimit von 90 auf 80 km/h reduziert wurde, ging die Zahl der Verkehrstoten um zehn Prozent zurück. In Tirol galt Anfang der 90er Jahre für rund drei Jahre Tempo 80 statt 100 auf Freilandstraßen. Die Zahl der Verkehrstoten ging deutlich zurück. Nach Aufhebung von Tempo 80 durch den Verfassungsgerichtshof nahm die Zahl der Verkehrstoten wieder deutlich zu.

Der Anhaltewege, der sich aus Reaktionsweg und Bremsweg zusammensetzt, ist bei Tempo 80 deutlich kürzer als bei Tempo 100. Ein Pkw, der mit Tempo 80 auf trockener Fahrbahn einen Anhalteweg von 55 Meter hat, hat mit Tempo 100 einen Anhalteweg von 79 Metern und nach 55 Metern noch eine Geschwindigkeit von 68 Kilometer pro Stunde, verdeutlicht der VCÖ. Die Gefahr, dass ein Aufprall mit dieser Geschwindigkeit mit schwersten oder tödlichen Verletzungen endet, ist sehr hoch.

Neben einem niedrigeren Tempolimit und den entsprechenden Kontrollen zur Einhaltung sind in den Regionen auch mehr Discobusse und Anrufsammeltaxis wichtig, um dort die Zahl schwerer Verkehrsunfälle insbesondere am Wochenende zu reduzieren. Der VCÖ schlägt vor, einen Teil der Einnahmen aus Verkehrsstrafen für die Einführung von Discobussen oder Anrufsammeltaxis zweckzuwidmen. Auch baulich getrennte Geh- und Radwege entlang von Freilandstraßen sowie sichere Übergänge im Bereich von Siedlungen und Bus-Haltestellen sind wichtig. Zwischen 2019 und 2021 wurden 36 Fußgängerinnen und Fußgänger bei Verkehrsunfällen auf Freilandstraßen getötet sowie 39 Radfahrerinnen und Radfahrer.

Grafik: Anteil E-Pkw an den Pkw-Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2022. Der Wert ist in Wien-Ottakring am höchsten.

VCÖ: Die meisten Todesopfer auf Freilandstraßen waren Pkw-Insassen (bei Verkehrsunfällen auf Freilandstraßen in Österreich im Zeitraum 2019  bis 2021 getötet)

Pkw-Insassen: 336 Todesopfer (53,5 Prozent)

Motorrad-Fahrende: 174 (27,7 Prozent)

Radfahrende: 39 (6,2  Prozent)

Fußgängerinnen und Fußgänger: 36 (5,7 Prozent)

Klein-Lkw-Insassen: 19 (3,0 Prozent)

Moped-Fahrende: 14 (2,2 Prozent)

Sonstige: 10 (1,6 Prozent)

Gesamt:  628 Todesopfer

Quelle: Statistik Austria, VCÖ 2022

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