Mobilitätsgespräch 2026 – Sicherheit bewegt: Weibliche Mobilität zwischen Sicherheitsgefühl und Infrastruktur
Das 8. Mobilitätsgespräch am Dienstag, den 20. Oktober 2026, stellte die Frage, wie Verkehrssysteme die Bedürfnisse von Frauen aber auch vulnerablen Gruppen besser berücksichtigen und Sicherheit ganzheitlich stärken können. Verkehrssicherheit wird meist an Unfallzahlen gemessen, das Mobilitätsverhalten prägt aber vor allem das Sicherheitsgefühl. Von Angsträumen über Belästigung im öffentlichen Verkehr bis zu gendergerechter Planung entlang der Wegekette wurde die weibliche Perspektive auf Sicherheit in unserer Mobilität diskutiert. Begrüßt wurde in der Open Innovation Factory und online durch Traude Kogoj, Leiterin ÖBB-Lösungscenter Inclusion & Diversity, und Ulla Rasmussen, VCÖ-Geschäftsführerin. Einleitende Worte spendete Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner. Moderiert wurde von Karin Bauer.
Ulla Rasmussen zeigte auf, dass öffentlicher Verkehr objektiv das sicherste Verkehrsmittel ist: 2025 kam in Österreich niemand in Bus, Straßenbahn oder Zug ums Leben. Trotzdem fühlen sich vor allem Frauen und weiblich gelesene Menschen unterwegs oft unsicher. Mit teils gravierenden Folgen, sie nehmen Umwege in Kauf, meiden Wege oder verzichten gar ganz auf diese. Der Berücksichtigung des weiblichen Lebenszusammenhanges kommt in der Planung und Ausgestaltung unseres Mobilitätssystems daher besondere Bedeutung zu. Traude Kogoj unterstrich die feministische Perspektive als eine wesentliche Konstante der ÖBB-Mobilitätsgespräche. Sie setze für das diesjährige Mobilitätsgespräch den Rahmen, indem sie unterstrich: „Mobilität funktioniert dann am besten, wenn sie für alle zugänglich, komfortabel und sicher ist – und wenn wir alle aufeinander schauen und einander in Notsituationen helfen."
Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner betonte in ihren Eröffnungsworten, dass Sicherheit im öffentlichen Raum ein zentraler Teil des Nationalen Aktionsplans zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen und Mädchen 2025 bis 2029 ist. Denn der Öffentliche Raum muss auch für Frauen zugänglich und sicher sein. Daher ist in Sachen Mobilität auch die städteplanerische Perspektive und dabei eine Stärkung von Frauen in Entscheidungsposition besonders wichtig. Eva-Maria Holzleitner stellte fest: „Frauen und Mädchen müssen überall frei von Gewalt leben können: zu Hause, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum, in Öffis und im Netz. Diese Lebensbereiche hängen zusammen, deshalb braucht es einen umfassenden Gewaltschutz, der Sicherheit über die Wohnungstür hinaus gewährleistet.“
Cornelia Ehmayer-Rosinak, Gründerin der STADTpsychologie, eröffnete die Impulse mit einem Vortrag zum Thema „Sicherheit verstehen“. Schlechte Beleuchtung, fehlende Einsehbarkeit und wenig Belebung machen Orte zu Angsträumen. Wer Wege oder Haltestellen als unsicher erlebt, meidet sie, mit Folgen für die Teilhabe. Deshalb ist bei der Gestaltung von Öffentlichen Räumen auch die Berücksichtigung des subjektiven Sicherheitsempfindens besonders wichtig. Die Expertin für die Psychologie des Zusammenlebens in Städten betonte, dass Sicherheit nicht nur eine Frage objektiver Gefahren ist, sondern auch des subjektiven Empfindens, das je nach Person, Situation und Ort unterschiedlich sein kann.
Elisabeth Cinatl, Geschäftsleiterin des Vereins wendepunkt, stellte unter dem Titel „Sicherheit erleben“ die Erhebung safer Place vor. Diese untersuchte empirisch, wie sicher sich Menschen im öffentlichen Verkehr und damit auf ihren alltäglichen Wegen zum Arbeitsort oder in die Schule fühlen. Elisabeth Cinatl zeigte auf, dass angestarrt oder bedrängt zu werden, für viele Frauen zum Alltag im öffentlichen Verkehr gehört. Die Online-Umfrage des Projekts „safer Place“ macht diese Realität in Zahlen sichtbar – und unterstreicht den dringenden Handlungsbedarf für mehr Sicherheit für alle.
Julia Girardi-Hoog, Beauftragte für Gender Planning in der Stadtbaudirektion Wien, schloss den Bogen der Impulsvorträge und zeigte mit Beispielen aus der Praxis auf, wie wir Sicherheit gestalten können. Beleuchtung, Sichtachsen oder die Anordnung von Sitzgelegenheiten können die Aufenthaltsqualität und das Sicherheitsgefühl stärken. Entscheidend, so Julia Girardi-Hoog sei die gesamte Wegekette, vom Wohnumfeld über die Haltestelle bis in den Zug. Sie betonte, dass der öffentliche Verkehr für Frauen besonders wichtig ist, da sie den Großteil der Care Arbeit erledigen und damit viele Wege zurücklegen, oft mit Kindern oder älteren Menschen, dafür im Schnitt aber weniger Geld zur Verfügung haben als Männer.
In der Podiumsdiskussion plädierte Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner beim Gewaltschutz von Frauen für ein gesamtheitliches Vorgehen über Ressorts und Institutionen hinweg. Silvia Angelo, Vorstandsdirektorin ÖBB-Infrastruktur AG, schilderte, wie die ÖBB die Sicherheit von Mitarbeiter:innen und Fahrgästen gewährleistet, und sah darin ein starkes Argument für das Bahnfahren. Sie hielt das Selbstverständnis der Bundesbahnen zum Thema weiblicher Sicherheit fest: „Unser Anspruch ist klar. Unsere Mitarbeiter:innen und Fahrgäste sollen sich an Bahnhöfen und in Zügen sicher fühlen. Mit Prävention, geschultem Sicherheitspersonal, moderner Technik und einem gendersensiblen Blick schaffen wir dafür die notwendigen Voraussetzungen.“
Tamara Maria Christ, Geschäftsführerin ASFINAG Service GmbH, brachte die Perspektive des Straßenverkehrs ein, etwa bei der Gestaltung von Rastplätzen. Für sie war klar: „Wer Mobilität der Zukunft gestalten will, muss zuhören. Denn gerade die Perspektive von Frauen macht sichtbar, wo Infrastruktur noch besser werden kann – etwa bei Sicherheit, Komfort oder Orientierung. Wir beziehen diese Erkenntnisse in unsere Planungen mit ein, damit schaffen wir nicht nur mehr Teilhabe, sondern bessere Mobilität für alle.“
Cornelia Ehmayer-Rosinak machte deutlich, dass neben dem Geschlecht auch Alter, Herkunft oder eine Behinderung beeinflussen, wie sicher sich Menschen fühlen, und dass dieser intersektionale Blick im Mobilitätssektor noch zu oft fehlt. Das Sicherheitsgefühl in der Mobilität und im Öffentlichen Raum wird als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden, weshalb auch Bewusstseinsbildung für Frauen, Männer und Kinder entscheidend ist.
Damit kam auch in der abschließenden Diskussion zum Ausdruck, was Ulla Rasmussen schon eingangs festgestellt hat: „Geht’s den Frauen gut, geht’s uns allen gut.“