Welche Lehren aus dem Hitzesommer 2026 aus Mobilitätssicht zu ziehen sind
Von Klara Maria Schenk (VCÖ - Mobilität mit Zukunft), September 2026
Österreich hat den heißesten Sommer seiner Messgeschichte hinter sich. Hitzewellen mit Spitzen jenseits der 40 Grad, dazu extreme Dürre, die Böden austrocknen und Flüsse auf niedrige Pegelstände fallen ließ. Vor allem aber war es ein Sommer voll großem menschlichen Leid: 646 hitzebedingte Todesfälle allein im Juni und Juli.
In den Wochen danach wurde viel darüber gesprochen, wie sich Menschen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld vor Hitze schützen lassen. Wir sprechen über Beschattung, über Entsiegelung, über Begrünung und über Trinkbrunnen. All das sind wichtige Ansätze, und es braucht sie alle und mehr. Sie haben jedoch eine gemeinsame Voraussetzung, über die kaum jemand spricht: Sie brauchen Platz. Und dieser Platz ist in unseren Städten und Ortskernen fast überall bereits vergeben, allzu oft an das Auto.
Ein Rekord, der keiner mehr ist
Die Bilanz der GeoSphere Austria ist eindeutig: Die Temperaturen im heurigen Sommer lagen 2,6 Grad über dem Klimamittel 1991 bis 2020, unter 500 Metern Seehöhe gab es im Österreichschnitt 42 Hitzetage und damit um 170 Prozent mehr als üblich. Es war zudem einer der fünf niederschlagsärmsten Sommer seit Messbeginn im Jahr 1858.1 Bemerkenswert ist aber weniger der einzelne Rekord als die Reihe: Die zehn wärmsten Sommer der österreichischen Messgeschichte liegen alle im 21. Jahrhundert.2 Der Ausreißer ist längst zur Regel geworden.
Was das für Menschen bedeutet, zeigt etwa ein Blick auf die Versorgung: Mehr als 70 Prozent der Krankenanstalten sowie Senioren- und Pflegeeinrichtungen waren bis Ende Juli mit mindestens 20 Hitzetagen konfrontiert. Auch die Zahl der hitzebedingten Todesfälle war im Juni und Juli die höchste der verfügbaren Reihe.3Hitze ist damit nicht mehr nur ein Risiko für einzelne Menschen, sondern eine Belastung des Gesundheitssystems.
Und sie ist nicht nur ein Problem der großen Städte. Die meisten Hitzetage gab es im Jahr 2026 nicht in Wien, sondern in Bad Deutsch-Altenburg, Ferlach und St. Andrä im Lavanttal mit jeweils 55.4 In vielen kleineren Gemeinden ist der Hauptplatz, der das Zentrum des Ortslebens sein könnte, in erster Linie ein versiegelter Pkw-Stellplatz, der sich an Hitzetagen extrem aufheizt.
Der Wille ist da, der Platz fehlt
Dass es mehr Bäume, mehr Schatten und weniger versiegelte Flächen braucht, bestreitet kaum noch jemand. Die Frage ist nicht mehr, ob etwas zu tun ist, sondern wie wir die längst bekannten Lösungen in Umsetzung bringen. Allzu oft fehlt zur Umsetzung dieser Lösungen vor allem eines: Platz. Ein Stellplatz und ein Baum brauchen in etwa dieselbe Fläche, und in den allermeisten Straßen ist diese Fläche bereits an das Auto vergeben. Der Verkehr ist in Österreich für einen großen Teil der Bodenversiegelung verantwortlich, und allein im Jahr 2025 kamen im Schnitt 0,9 Hektar pro Tag an neuen Verkehrsflächen dazu.5,6 Das Missverhältnis zeigt sich in Wien besonders deutlich: Nur 25 Prozent der Wege werden mit dem Auto zurückgelegt, aber 57 Prozent der Fläche von Gemeindestraßen sind dem Kfz-Verkehr vorbehalten, 42 Prozent als Fahrbahn und 15 Prozent als Stellflächen. Für aktive Mobilität und Aufenthalt bleiben 30 Prozent.7 In Kopenhagen entfallen auf Stellplätze nur acht Prozent der befestigten Straßenfläche, auf Geh- und Radwege dagegen 43 Prozent.8
Die Rechnung für den Asphalt
Was diese Flächenverteilung uns kostet, lässt sich beziffern. In Wien waren Grünflächen mit Bäumen im Sommer im Schnitt um elf Grad kühler als stark versiegelte Flächen, in Linz um 12,5 Grad, in Salzburg um 14 und in Innsbruck um 15,5 Grad.9 Messungen in Manchester zeigen, woraus sich dieser Unterschied zusammensetzt: Baumschatten senkte die maximale Oberflächentemperatur um bis zu 19 Grad. Eine Rasenfläche wiederum war um bis zu 24 Grad kühler als die Betonfläche daneben.10 Beschattung und Entsiegelung sind also zwei unterschiedliche Hebel, und jeder für sich wirkt schwächer als beide gemeinsam.
Die Wirkung reicht über die Temperatur hinaus. In Eindhoven legten Menschen mit rund 200 Metern Distanz zum nächsten Grünraum wöchentlich etwa 160 Minuten zu Fuß zurück, bei nur hundert Metern mehr Entfernung waren es 21 Minuten weniger.11 Grüner Straßenraum ist damit keine Verschönerung, sondern die Bedingung dafür, dass Zufußgehen und Radfahren in einem heißeren Klima überhaupt möglich bleiben. Jeder Quadratmeter, der als Stellplatz dient, ist damit nicht neutral. Er ist eine potenzielle Kühlleistung, auf die verzichtet wird.
Wenn der nächste Sommer anders sein soll
Hitzeresilienz ist ohne Verkehrspolitik nicht zu haben. Beides hängt an derselben Ursache: Je weniger Kfz-Verkehr eine Stadt braucht, desto weniger Fläche muss sie ihm widmen, und desto mehr bleibt für aktive Mobilität, Bäume und offenen Boden. Bessere Bedingungen zum Gehen und Radfahren senken deshalb die Hitzebelastung vor Ort und tragen zugleich dazu bei, die zu hohen Treibhausgasemissionen des Verkehrs zu senken, die mit rund 18,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent außerhalb des Emissionshandels weiterhin die höchsten in Österreich sind.12,13
Dazu kommt der Faktor Zeit. Im tropischen Pazifik hat sich ein El-Niño-Ereignis entwickelt, das die NOAA für Herbst und Winter mit über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit als sehr stark einstuft.14 Ein sehr starker El Niño hebt die globale Mitteltemperatur zusätzlich an, meist verzögert im Folgejahr. Ob daraus in Österreich ein weiterer Rekordsommer wird, ist offen. Sicher ist nur: Der Rekordsommer 2026 kam ganz ohne diesen zusätzlichen Antrieb zustande. Und rückblickend wird er einer der kühleren Sommer gewesen sein, die wir noch erleben.
Was jetzt zu tun ist
Umgestaltung braucht Vorlauf, in zweifacher Hinsicht. Ein Straßenbaum braucht rund 35 Jahre, bis seine Krone wirksam Schatten wirft.15 Gleichzeitig sind Österreichs Städte und Gemeinden für rund 93.500 Kilometer Gemeindestraßen zuständig, die spätestens nach 30 bis 40 Jahren umfassend erneuert werden müssen.16 Beide Zeiträume sind etwa gleich lang. Wer heute aufgräbt und ohne Anpassung wieder zumacht, vergibt damit die Gelegenheit für eine Generation. Wer will, dass die kommenden Sommer anders verlaufen, muss jetzt entscheiden und nicht erst, wenn im Mai 2027 die Thermometer wieder die 30-Grad-Marke knacken.
Hitzeschutzpläne und Entsiegelungsstrategien auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene sollten die Aufteilung des Straßenraums deshalb als eigenen Handlungsbereich führen, nicht nur Verhaltenstipps und die Gestaltung von Innenräumen. Es braucht verbindliche Zielwerte für Entsiegelung, Begrünung und Beschattung vor allem durch Bäume, Schatten als Mindeststandard bei Haltestellen sowie an Geh- und Radwegen.
Am Anfang stand die Beobachtung, dass all diese Maßnahmen Platz brauchen. Diesen Platz zu schaffen, ist die eigentliche Aufgabe der kommenden Jahre. Der Straßenraum ist dabei kein Nebenschauplatz der Hitzeanpassung, sondern die größte zusammenhängende Fläche, die Städten und Gemeinden dafür zur Verfügung steht.
Quellen
Quellen
1
GeoSphere Austria: Heißester Sommer der Messgeschichte: Rekordtemperaturen an mehr als 100 Messstationen der GeoSphere Austria. Wien: 2026.
Armson D., Stringer P., Ennos A.R.: The effect of tree shade and grass on surface and globe temperatures in an urban area. In: Urban Forestry & Urban Greening 11/3 (2012).
VCÖ (Wien, 9. April 2024) – Allein der Lkw-Schwerverkehr ist für 35 Prozent der CO2-Emissionen des Verkehrs in Österreich verantwortlich, macht der VCÖ aufmerksam. Diesen Mittwoch kann das EU-Parlament einen wichtigen Schritt für die Reduktion der Emissionen des Lkw-Verkehrs setzen. Der CO2-Ausstoß neuer Lkw und auch Busse soll demnach im Jahr 2030 um 45 Prozent niedriger sein als im Jahr 2019, ab dem Jahr 2035 um 65 Prozent und ab dem Jahr 2040 um 90 Prozent niedriger. Insgesamt sind sowohl von der EU als auch von Österreich weitere Schritte zu setzen, um den Güterverkehr auf Klimakurs zu bringen, betont die Mobilitätsorganisation VCÖ.
VCÖ (Wien, 4. April 2024) – Die Zahl der Fahrraddiebstähle ist in Österreich im Vorjahr zum ersten Mal seit dem Jahr 2014 wieder gestiegen und zwar um zehn Prozent auf 18.566, informiert die Mobilitätsorganisation VCÖ. Nur in Wien wurden im Vorjahr weniger Fahrräder gestohlen als im Jahr davor. 60 Prozent der Fahrraddiebstähle passierten in den Landeshauptstädten, im Verhältnis zur Bevölkerungszahl waren es bei den Landeshauptstädten in Linz die meisten. Der VCÖ fordert mehr sichere Fahrrad-Abstellplätze bei Freizeiteinrichtungen, Einkaufsstraßen und Bahnhöfen. Wichtig ist, das abgestellte Fahrrad immer abzusperren und ein gutes Fahrradschloss zu verwenden.