Niko Paech - direkt gefragt

„Öffentlicher Verkehr bedeutet Freiheit“

Porträtfoto Niko Paech
Niko Paech ist Volkswirt und lehrt an der Universität Siegen als Professor im Bereich der Pluralen Ökonomik. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Umweltökonomie, Ökologische Ökonomie und Nachhaltigkeitsforschung.

VCÖ-Magazin: Sie zählen zu den führenden Wachstumskritikern im deutschen Sprachraum. In einem Podcast-Beitrag haben Sie einmal gesagt, ruinöses Konsumieren sollte nicht zum Menschenrecht deklariert werden. Was heißt das konkret?

Niko Paech: Das Projekt der Moderne ist an den Konsequenzen der darauf basierenden Lebensweise gescheitert. Die Balance zwischen Freiheit und Verantwortung ist in Richtung der ersteren gekippt. Radikale Selbstverwirklichung für möglichst alle Menschen bildet die Letztbegründung für jeden Entwicklungsschritt. Und hierzu bedarf es entsprechender materieller Mittel an Mobilität, Konsum, Technologie etc., die den Untergang der Zivilisation besiegeln. Diese Maxime genießt nicht nur den Status eines unbedingt beizubehaltenden Fortschritts, sondern quasi eines Menschenrechts. Für eine nachhaltige Entwicklung, die unter diesen Vorbehalt gestellt wird, kommen nur noch technologische Lösungen in Betracht – aber die versagen.

VCÖ-Magazin: Müssen wir den Konsum grundsätzlich reduzieren und wenn ja, warum? Und wo ist Vermeidung überhaupt möglich?

Niko Paech: Die Vermeidung ist dort angezeigt, wo dekadenter Luxus, der niemandem fehlen würde, wenn er nicht erfunden worden wäre, zugleich maximale Schäden verursacht. Die Gründe dafür, sich des Überkonsums zu entledigen, erstrecken sich auf vier Ebenen. Erstens: Der aktuelle Wohlstand ist nicht leistungsgerecht, weil er nicht durch eigene Arbeit, sondern mittels maschineller Plünderung entsteht. Zweitens: Er steigert nach Erreichen eines Sättigungsniveaus nicht mehr die Lebensqualität, sondern degeneriert zur Überforderung und Reizüberflutung. Drittens: Alle Versuche, ihn durch technologischen Fortschritt von ökologischen Schäden zu entkoppeln, sind nicht nur gescheitert, sondern entpuppten sich inzwischen sogar als kontraproduktiv. Viertens: Die ohnehin nicht mehr aufzuhaltende partielle Deindustrialisierung Europas verlangt nach überlebensfähigen, zumal resilienten Versorgungs- und Lebensstilen, die nur auf Basis deutlich verringerter Konsum- und Verkehrsansprüche darstellbar sind.

VCÖ-Magazin: Was sind für Sie die schlimmsten Wachstumstreiber?

Niko Paech: Erstens eine moderne Kultur der rücksichtslosen Steigerung individueller Freiheiten und Begehrlichkeiten. Zweitens die technologisch bedingten Zuwächse an Arbeitsproduktivität, die zu Massenarbeitslosigkeit führen würden, wenn die Ökonomie nicht entsprechend wächst.

VCÖ-Magazin: Was hat Mobilität damit zu tun, über die Verhältnisse zu leben? Welche Rolle spielt Mobilität in der Wachstumsabhängigkeit?

Niko Paech: Wenn ein Individuum versuchen würde, mit einem bestimmten Geldbetrag den maximalen ökologischen Schaden zu verursachen, müsste es dafür Flugtickets kaufen. Nirgends lässt sich kurzfristig so viel Treibhausgas sparen und das auf Basis einer Reduktion des allgegenwärtigen dekadenten Luxus. Auch der Pkw-Verkehr, Gütertransporte aus Asien und Kreuzfahrten gehören auf den Prüfstand.

VCÖ-Magazin: Wie kommen wir zum Beispiel aus der Abhängigkeit von überregionalen Versorgungsketten heraus?

Niko Paech: Durch Suffizienz, also eine Entrümpelung unseres Lebens, durch Nutzungsdauerverlängerung, Gemeinschaftsnutzung und möglichst eigene Produktion.

VCÖ-Magazin: Wo sehen Sie die Grenzen von technischen Innovationen oder auch der Kreislaufwirtschaft?

Niko Paech: Überall. Technische Innovationen sind eine Ersatzreligion. Aber sie sind zu nichts mehr in der Lage, als Umweltschäden zeitlich, räumlich, stofflich oder physisch zu verlagern. Zudem beruhigen sie das Gewissen einer Gesellschaft, die maßlos über ihre Verhältnisse lebt. Somit bilden sie das perfekte Alibi für die Beibehaltung des Weges ins ökologische Chaos.

VCÖ-Magazin: Wie lösen wir uns als Gesellschaft von der chronischen Wachstumsabhängigkeit und den entsprechenden Wachstumszwängen? Wie sieht eine Gesellschaft aus, die sich vom Wachstum verabschiedet?

Niko Paech: Ein handlungsfähiges kollektives Gebilde namens „Gesellschaft" existiert nicht mehr. Gleichwohl sind verschiedene Minderheiten sehr wohl willens und in der Lage, Daseinsformen zu praktizieren, die mit einer Postwachstumsökonomie harmonieren. Aber die überwältigende Mehrheit hat durch tiefgreifende Modernisierungsprozesse jede Befähigung verloren, sich der ökologischen Realität durch konkrete Handlungen oder – noch wichtiger – Unterlassungen zu stellen. Folglich löst sich eine Gesellschaft als Ganzes nicht von der Wachstumsabhängigkeit, sondern wird davon gelöst – nämlich unfreiwillig, wenn der aktuelle Lebensstil eskaliert und damit ein physisches Regime der Knappheit herrscht, das reduktive Anpassungen erzwingt. Die Gesetze der Ökologie und Physik stören sich nicht an Wahlergebnissen oder einem Shitstorm in Social Media.

VCÖ-Magazin: Welche politischen Rahmenbedingungen brauchen wir als Gesellschaft dafür?

Niko Paech: Genau jene, für die eine Regierung abgewählt, wenn nicht gar gestürzt wird, wenn sie diese umsetzt: Individuelle CO2-Bilanzen, autofreie Städte und Sonntage, ein Flächenmoratorium, Verbot von Kreuzfahren und des Gütertransports per Flugzeug, Rückbauprogramme für Flughäfen, Autobahnen und überflüssige Industrien, Abbau von Subventionen für Agrarbetriebe, die eine bestimmte Größe überschreiten, verlängerte Garantiefristen und Ahndung geplanter Obsoleszenz, Eindämmung des Akademisierungswahns zwecks Stärkung des Handwerks und des ökologischen Landbaus, Reparatur- und Selbstversorgungswissen als schulisches Pflichtfach, harte Einschränkungen der Digitalisierung. Die Liste ließe sich fortsetzen.

VCÖ-Magazin: Wie kann die Abkehr von der Wachstumsökonomie kommuniziert werden, ohne in den Verdacht einer – wie es oft unterstellt wird – lustfeindlichen, moralisierenden Ideologie zu geraten?

Niko Paech: Durch konsequent vorgelebte Beispiele einer gelungenen Existenz, die ohne fossile Mobilität, überbordenden Konsum und Technologienutzung auskommt, stattdessen auf handwerklicher und künstlerischer Betätigung basiert. Ein autonomeres und stressfreieres, nicht von Reizüberflutung drangsaliertes Dasein wird an Attraktivität gewinnen, erst recht, wenn sich eine damit verbundene Genügsamkeit als Stärke angesichts herannahender Krisen erweist. Denn souverän im 21. Jahrhundert ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht.

VCÖ-Magazin: Schlussendlich, macht Nachhaltigkeit glücklich?

Niko Paech: Schon diese Frage reproduziert einen Kardinalfehler. Wenn das dringend erforderliche Überlebensprogramm – wozu sonst Nachhaltigkeit? – unter die Bedingung gestellt wird, dass damit alle glücklich werden, wird die Zivilisation scheitern. Eine humane und aufgeklärte Existenz kann sich nicht nur am Lustprinzip orientieren, sondern muss sich ihrer Pflichten, Verantwortlichkeiten und Grenzen bewusst sein. Erst nachdem das erledigt ist, geht's ins Wirtshaus, wo das Glück wartet.

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VCÖ: Fast jede vierte Person, die Pendlerpauschale bezieht, hat Jahreseinkommen von über 60.000 Euro

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Foto:  Petra Bork/pixelio.de

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Foto: Lächelnde Person auf Fahrrad. Im Hintergrund ist ein Markt zu sehen.